Interview
16.04.2019

Mobilitätsforscher Knie: „Wir suchen fast wie im Exzess nach Alternativen“

Foto: David Ausserhofer / Teaserfoto: iStock
Andreas Knie leitet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung die Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik. Zuvor war er unter anderem Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ).

Bis 2030 soll die gesamte Busflotte der Berliner Verkehrsbetriebe auf E-Antrieb umgestellt werden. Längst überfällig, sagt Mobilitätsforscher Andreas Knie. Man dürfe nicht nur diskutieren, sondern müsse auch machen.

Alle Wege führen nach Strom, witzelt die BVG. Was sagen Sie?

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Die Umstellung auf batterieelektrische Antriebe geht auf jeden Fall in die richtige Richtung. Wir müssen weg von Dieselbussen, die noch fast 100 Prozent der BVG-Flotte ausmachen, hin zu Bussen, die weniger Stickoxide, Feinstaub, CO2 ausstoßen. Nach aktuellem Stand der Technik lässt sich das am ehesten mit batterieelektrischen Bussen bewerkstelligen. Also: gute Idee, richtige Richtung.

Andere Unternehmen sind zurückhaltender.

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Das ist immer dieselbe Debatte in Deutschland. Wir suchen ja fast wie im Exzess nach neuen Alternativen. Liegt die Zukunft nicht doch in der Brennstoffzelle, im Wasserstoff, oder doch in batterieelektrischen Lösungen? Da wird viel über Wirkungsgrade diskutiert, über jedes Gramm CO2 – aber vergessen, einfach mal zu machen, zu experimentieren.

Deutsche Gründlichkeit eben…

… die auch dazu geführt hat, dass kein Staat der Welt so wenige alternative Antriebe in den öffentlichen Fuhrparks hat wie wir. Weil wir Alternativen schon im Vorfeld ihrer Einführung kaputtreden. Im Ergebnis bleiben wir dann beim Diesel. Schon deswegen sollten wir die BVG jetzt unterstützen, eigene Erfahrungen mit batterieelektrischen Antrieben zu sammeln.

Was empfehlen Sie anderen Berliner Infrastrukturunternehmen wie der Stadtreinigung BSR, die ihrerseits einen riesigen Fuhrpark betreibt?

Ob städtische Wohnungsbaugesellschaften, die BSR, die Wasserbetriebe oder der Senat selber: alle öffentlichen Stellen und Unternehmen müssen auf CO2-freie Mobilität umstellen und entsprechende Fahrzeuge kaufen. Alle Argumente, die dagegen angeführt werden – E-Autos fehlt aber eine Standheizung, die haben dies nicht, jenes nicht – zeugen nur von einem fehlenden politischen Willen. Auch deswegen sind andere Städte weiter. Weil dem Berliner Senat dieser Wille zur Gestaltung, zur Steuerung abgeht.

E-Busse brauchen eine eigene Ladeinfrastruktur, und die fehlt noch. Kein Hemmnis?

So eine gigantische Herausforderung ist das auch nicht. Hier bei uns auf dem Euref-Campus in Berlin zeigen wir schon, was geht – von kabelgebundenen Lösungen bis zum induktiven Laden. Die Technik ist da. Auch der Aufbau einer Schnellladeinfrastruktur ist zu bewältigen. Wir müssen einfach mal loslegen und machen.

Wäre eine gemeinsame Ladeinfrastruktur für alle kommunalen Unternehmen Berlins sinnvoll? Gibt es da Pläne?

In Ansätzen passiert das bei den öffentlichen Unternehmen. Man spricht miteinander und legt gemeinsame Forschungsprojekte auf. Aber auch hier könnte mehr passieren. Eine gemeinsame Strategie beim Infrastrukturaufbau wäre jedenfalls sinnvoll. Nur führt das kommunale Kleinklein in Deutschland im Moment eher dazu, dass jede Stadt, jeder Landkreis sein eigenes Ding macht – und in der Menge dann wenig passiert.

In anderen Ländern läuft‘s besser?

Selbst in den USA gibt es mehr Hybridbusse als bei uns, in Singapur, in China, Frankreich, Spanien, Italien, in Norwegen sowieso. Wir sind da leider weit abgeschlagen – auch, weil wir uns nicht einigen, welche mobile Alternative die beste ist. Stattdessen streiten wir weiter und weiter und weiter.

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Interview: Thomas Wischniewski
Keywords:
E-Mobilität
Ressorts:
Technology

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