Indiens Premier Norendra Modi wollte es Wladimir Putin besonders recht machen. Als der russische Präsident Mitte Oktober zum Gipfeltreffen ins indische Goa reiste, hatten Modis Berater extra im russischen Sprichwörter-Schatz gekramt. „Ein alter Freund ist besser als zwei neue“, sagte der Gastgeber dann im Beisein des Präsidenten. Putin dürfte das gefreut haben, denn genau das war das Ziel seiner Reise.

Auch wenn Russlands Wende hin zu China als die dominierende Linie russischer Außenpolitik wahrgenommen wird, mausert sich Indien in den letzten Monaten zu einem nicht minder wichtigen Partner für Moskau. Putin ist angesichts seiner Konfrontation mit dem Westen auf internationale Partner angewiesen. So hatten er und Modi nicht nur weitere Lieferungen russischer Waffenschmieden an den Subkontinent besprochen und den Bau von zwei weiteren Reaktoren für das indische AKW Kudankulam durch den russischen Nuklearkonzern Rosatom. Besonders wichtig war aus russischer Sicht die neue Öl-Allianz, an der russische und indische Staatskonzerne seit Längerem arbeiten.

Schon im Mai hatte der russische Petrol-Riese Rosneft den indischen Ölkonzern ONGC 15 Prozent des Wankor-Vorkommens für 1,27 Milliarden Dollar verkauft. Weitere 23,9 Prozent des Feldes veräußerte Rosneft Anfang Oktober an ein indisches Konsortium für gut 2 Milliarden Dollar. Auf dem Treffen in Goa folgte dann der Paukenschlag.

 

Assets im Paket: Hafen, Raffinerie, Tankstellen

Rosneft verkaufte nicht nur weitere 11 Prozent der Wankor-Anteile an ONGC, sondern kündigte auch Russlands größte Auslandsinvestition in der Geschichte an – die Beteiligung an Essar Oil, zu deren Aktiva nicht nur Indiens zweitgrößte Ölraffinerie, sondern auch ein Ölhafen und ein Netz aus 2.000 Tankstellen in Indien gehören.

Insgesamt 3,8 Milliarden Dollar kostet Rosneft eine 49-prozentige Beteiligung an Essar Oil. Weitere 49 Prozent übernimmt ein Konsortium aus dem niederländischen Ölhändler Trafigura und dem russischen Investmentfonds UCP. Darüber hinaus gewährt die Staatsbank VTB Essar Oil einen Milliardenkredit in ähnlicher Höhe, um angehäufte Schulden zu begleichen. Der größte Aktionär von UCP ist zugleich Ilja Scherbowitsch, ehemals Verwaltungsratsmitglied von Rosneft und ein enger Freund von Rosneft-Chef Igor Setschin, weshalb viele Brancheninsider glauben, dass der russische Ölkonzern die faktische Kontrolle über Essar Oil übernehmen wird.

 

Alternative zu China

Insider berichten, der Deal sei nicht nur das Ergebnis zweijähriger Vorbereitungen gewesen, sondern auch Teil von Rosnefts Strategie, seine Absatzmärkte zu erweitern. Bereits vor einem Jahr hatte Rosneft-Chef Setschin von einer neuen strategischen Partnerschaft gesprochen, als bei dem BRICS-Gipfel 2015 Rosneft und Essar einen Liefervertrag über 100 Millionen Tonnen Öl innerhalb von zehn Jahren unterschrieben. „Der Außenhandel zwischen Indien und Russland wird sich durch dieses Abkommen um 50 Prozent steigern“, schwärmte Setschin damals.

Für Sergej Hestanow, Volkswirt des Moskauer Investment-Hauses Otkrytie, hat die Investition Russlands auch politische Gründe. „Die Beteiligung an ausländischen Aktiva in der Ölverarbeitung, insbesondere in Ländern, die sich nicht an Sanktionen beteiligen, senkt das Risiko für Russlands Ölproduzenten“, erklärt der Experte. Andere Fachleute betonen ebenfalls, dass Indien somit auch eine Alternative zu China als einem der größten Abnehmer russischen Öls bilden könnte.

Gerade deshalb dürfte es den russischen Präsidenten freuen, dass russische und indische Konzerne so eng zusammenarbeiten. Zumal Moskau und Delhi traditionell ein sehr freundschaftliches Verhältnis pflegen, während es zwischen Russland und China auch früher schon zu Spannungen gekommen ist. Noch vor zwei Jahren bezeichnete Premier Modi Russland als den größten Freund Indiens. In einem Interview im vergangenen Jahr erklärte Modi, Präsident Putin habe die Gabe, eine Freundschaft zu pflegen. Russlands Herrscher dürfte sich geschmeichelt fühlen. Offenbar ist der indische Premier stärker bereit, Moskau als Partner auf gleicher Augenhöhe zu sehen, als es Peking jemals war.

Indiens Premier Narendra Modi und Russlands Präsident Wladimir Putin schmieden Allianzen im Energiesektor. (Foto: Kreml / Fortaleza)