Russland
21.03.2016

Moskaus Torfköpfe

foto: wikipedia
Russische Fabrik zur Herstellung von Torf-Briquettes.

Russlands Regierung will Strom aus Torf fördern. Die Lobbyisten in und außerhalb der Duma haben sich durchgesetzt. Umweltschützer sind entsetzt.

Wann ist eine Energiequelle erneuerbar?  In Russland ist das vor allem eine Frage des richtigen Lobbying. Torf besitzt zwar eine Regenerationszeit von mindestens 500 Jahren. Trotzdem hat der Kreml gerade beschlossen, dem Torf auf regionalen Strommärkten ähnliche Förderung wie klassischen Erneuerbaren wie Sonne, Wind und Wasser zu gewähren. Die Gesetzesnovelle, die in den kommenden Wochen in der Duma abgenickt werden dürfte, verpflichtet Netzbetreiber dazu, vorrangig Strom von torfbefeuerten Kraftwerken zu kaufen, um damit Leitungsverluste zu kompensieren, die beim Transport über Tausende von Kilometern entstehen. Auch bei den Anschlusskosten für neue Erzeuger von Strom aus Torf will der Staat mit Subventionen nachhelfen. 

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Bedrohung für Moore

Umweltschützer sind entsetzt:  „Das ist eine ökonomische und keine ökologische Entscheidung“, sagt Wladimir Tschuprow, Energieexperte von Greenpeace Russland gegenüber bizz energy. „Die Förderung von Torf-Energie ist aus unserer Sicht schlecht, weil es nur eine sehr bedingt erneuerbare Ressource ist, deren Abbau gleichzeitig Moore und ihr komplexes Ökosystem bedroht“, kritisiert Tschuprow. Und ergänzt. „In der Duma sitzen zahlreiche Abgeordnete mit weitreichenden Verbindungen ins Torf-Geschäft.“

Seit Jahren plädieren Gouverneure von torfreichen Regionen in Russland dafür, dem Rohstoff den gleichen Status zu gewähren, wie den klassischen erneuerbaren Energien. Der Grund für die Begehrlichkeit sind nicht nur die reichen Vorkommen an Torf, sondern auch Aussichten auf staatliche Zuschüsse. Russische Wissenschaftler schätzen, dass das Land mit etwa 200 Milliarden Tonnen mit Abstand die größten Vorkommen von Torf weltweit haben. Gleichzeitig liegt Russland bei der Förderung mit einem Anteil von fünf Prozent an der weltweiten Menge mittlerweile sogar hinter Nachbarland Weißrussland auf Platz vier, weit abgeschlagen hinter Finnland und Irland. Noch zu Sowjetzeiten wurden bis zu einem Drittel des geförderten Torfes zur Energiegewinnung verbrannt, heißt es in einer Studie der Staatlichen Akademie der Wissenschaften. In den 1990er Jahren ging die Branche jedoch beinahe zugrunde. Von etwa 9,2 Prozent Mitte der 1980er Jahre fiel der Anteil des Torfs am Energiemix in Russland auf verschwindende 0,1 Prozent zurück. Heizöl und vor allem Gas verdrängten den althergebrachten Brennstoff. 

 

Russland will den Erneuerbaren-Anteil auf 4,5 Prozent bis 2020 steigern

Seit Russland Ende der 2000er Jahre jedoch ein eigenes Gesetz zur Förderung von erneuerbaren Energie verabschiedet hat, schöpft die Branche neue Hoffnung. Erzeuger von erneuerbaren Energien kriegen nicht nur Anschlusskosten erstattet, sondern auch subventionierte Tarife und das Recht, ihren Strom vorrangig abzusetzen. Damit plant Russland den Anteil erneuerbarer Energien, große Wasserkraftwerke ausgenommen, von knapp 1 auf 4,5 Prozent bis zum Jahr 2020 steigern. „Bis diese ganzen Vorteile nicht auch für den Torf gelten, wird es schwierig sein, die nötige Finanzierung für den Bau neuer Projekte zu gewinnen“, erklärt Alexander Isakow, Geschäftsführer des Branchenverbandes Rostorf. 

Auch der Gouverneur der torfreichen Kirow-Region, Nikita Belych, warb bei seinem letzten Treffen mit Premier Dimitri Medwedew dafür, den Rohstoff als erneuerbar zu klassifizieren. „Wir haben uns dermaßen an unsere klassischen Energierohstoffe gewöhnt, dass wir manch Möglichkeit unbemerkt liegen lassen“, erklärte Medwedew und sicherte seine Unterstützung für das Vorhaben zu. Das Energieministerium seinerseits plädierte kurze Zeit später ebenfalls dafür, Torf zu den erneuerbaren Energierohstoffen zu zählen. Mit der aktuellen Gesetzesänderung, die von der Duma verabschiedet werden dürfte, ist ein erster Schritt in diese Richtung getan.  

 

Investoren stehen schon bereit

Potenzielle Investoren sehen offenbar schon bereit. Alexej Garbuzow, Eigentümer der Gesellschaft Bioenergo, die sich auf Herstellung von Holzpallets und Förderung von Torf spezialisiert, plant bereits 40 Millionen Euro in ein neues Torf-Kraftwerk mit einer Leistung von 12 Megawatt zu investieren. Wenn der Transportweg zum Kraftwerk weniger als 100 Kilometer betrage, habe Torf einen Preisvorteil gegenüber Kohle von 10-15 Prozent. Mit einem schnellen Rubel rechnet Garbuzow allerdings nicht. “Die Investitionen dürften sich insgesamt nach 12-14 Jahren bezahlt machen“.

Maxim Kireev
Keywords:
Torf | erneuerbare Energien | Russland | Förderung | Rostorf
Ressorts:
Governance | Markets

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