Mobilität
16.08.2018

Labore des grünen Stadtverkehrs gibt es längst

Foto: Münsterview/Heiner Witte
Grüne Visitenkarte: Die E-Busse der Stadtwerke Münster halten am historischen Rathaus. So erleben auch Touristen E-Mobilität live.

Der Bund will mit 130 Millionen Euro fünf „Modellstädte“ für saubere Luft fördern. Dabei haben einige Kommunen längst ohne großes Tamtam mit der Verkehrswende angefangen – zum Beispiel Münster und Emden.

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Diese Busfahrt fühlt sich anders an. Nur warum? Wer im westfälischen Münster mit der Linie 14 Richtung Zoo fährt, merkt unter Umständen nicht, dass er in einem der fünf Elektrobusse sitzt, die auf dieser Route rollen. Vielleicht fallen ihm die Hinweis-Aufkleber auf. Oder er bemerkt, dass er instinktiv die Stimme senkt. Ein Effekt, den die Fahrer bestätigen: Nicht nur die Motoren der E-Busse sind ruhiger, sondern auch ihre Passagiere – es gibt eben keinen Verbrennungsmotor, gegen den man ansprechen muss.

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Das Hauptverkehrsmittel in Münster ist allerdings noch leiser: Die westfälische Universitätsstadt gilt als deutsche Fahrradkommune schlechthin. Rund 500.000 „Leezen“, wie sie in Münster heißen, kommen auf 300.000 Einwohner. Allerdings: Wer nicht mit dem Fahrrad unterwegs ist und auf das Auto verzichten möchte, kommt kaum um Busse herum. Münster ist die größte deutsche Stadt ohne U-, S- oder Straßenbahn. Zwecks Einsparung von CO2 im Straßenverkehr müssen die Stadtwerke daher zwangläufig über alternative Antriebe nachdenken. Seit 2015 experimentieren sie mit E-Bussen und der Kombination von Rad- und Öffentlichem Personennahverkehr (ÖPNV). (Lesen Sie auch: Berliner Verkehrsbetriebe bestellen 30 neue E-Busse)

Siemens: Mittelstadt als Experimentierfeld

Mittelgroße Städte wie Münster und das ostfriesische Emden werden auch abseits des neuen Modellstadt-Projekts der Bundesregierung zu Laboren für die Verkehrswende. Für Unternehmen wie Siemens, die die „Smart City“ und den Umbau des urbanen Transports als Geschäftsfeld entdeckt haben, sind sie attraktive Partner. In Emden will der Technologiekonzern im Kleinen erproben, was eines Tages in großen Städten auf der ganzen Welt funktionieren soll. (Ökonomin Etezadzadeh: „Versorger sind die City-Manager der Zukunft“)

Die Münsteraner Elektrobusse der Linie 14 fahren rund elf Kilometer quer durch die Stadt. An den beiden Endhaltestellen Maikottenweg und Zoo stehen Schnellladestationen. Dort laden sich die Akkus im Heck der Fahrzeuge in fünf bis zehn Minuten auf, sodass der Bus nach seiner Wendezeit wieder einsatzbereit ist. Verwendet wird ausschließlich städtischer Ökostrom. „So sind die Busse völlig ohne Schadstoffausstoß unterwegs“, sagt Henning Müller-Tengelmann, kaufmännischer Geschäftsführer der Stadtwerke Münster. Man habe die fünf E-Busse zum Start mit relativ kleinen Akkus ausgerüstet, ergänzt Stadtwerke-Sprecher Florian Adler. Dies habe den Vorteil, dass der Bus relativ leicht bleibe, wenig Energie verbrauche und der Platz für die Fahrgäste nicht eingeschränkt werde.

Das Solarboot „Solaaris“ pendelt auf dem Münsteraner Aasee. Die Fahrkarte gilt auch für die Busse der Stadtwerke,
Foto: Carsten Kloth

 

Am Anfang des Feldversuches hatte Münster noch Probleme mit der Ladeinfrastruktur. Die eingesetzten Busse, die aus einem europäischen Forschungsprojekt namens ZeEUS stammen, luden ihre Akkus über einen kleinen, seitlichen Ladearm, der von der RWTH Aachen entwickelt wurde. Durch „Setzungseffekte“ wurden die Abstände dieser Arme zur Ladestation so gering, dass häufiger Fehler auftraten. Deshalb habe man sich entschieden, den Prototyp auszutauschen und auf Dachstromabnehmer – sogenannte Pantographen – zu setzen, sagt Adler.

Durch ähnliche Geräte erhalten seit Langem elektrische Lokomotiven ihren Strom. Inzwischen bewährt sich der Pantograph bei mehreren Verkehrsbetrieben in Deutschland auch auf Bussen, Erfahrungen wurden gesammelt und Wartungsmöglichkeiten aufgebaut. Seit dem Wechsel zu diesem System ist die Zuverlässigkeit der Fahrzeuge in Münster gestiegen.

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Keywords:
Verkehrswende | Elektromobilität | ÖPNV | Emden | Münster
Ressorts:
Governance | Markets

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