Finanzmarkt
21.02.2017

Nachhaltige Fonds – Investition in Gewissen und Zukunft

Fotos: GLS Bank (2)
Die GLS-Bank gehört zu den Pionieren im Bereich grüne Geldanlage. Die Genossenschaftsbank finanziert Erneuerbaren-Projekte wie die den Windpark Schleiden in der Nordeifel.

Immer mehr Anleger fordern von Banken und Fondsmanagern, die deponierten Ersparnisse ethisch und ökologisch anzulegen. Die Finanzbranche aber steckt bei diesem Thema noch mitten in der Selbstfindung.

Raus aus fossilen Brennstoffen! Keine Tabakaktien, keine Staatsanleihen von Diktaturen und Ländern mit Todesstrafe, kein Geld für Rüstungskonzerne, kein Geld für Menschenschinder, kein Geld für Gentechnik ... Diese Liste lässt sich noch reichlich ergänzen. Deutschlands Anleger haben meist sehr konkrete Vorstellungen, wo ihre Ersparnisse möglichst nicht landen sollen. Der Wunsch nach politisch korrekter Geldanlage, die ethische und ökologische Kriterien erfüllt, erwachte bereits in den 70er-Jahren im Zuge der Antiatomkraft- und Umweltbewegung.
Mehr als zehn Banken mit ausgewiesenem Nachhaltigkeitsfokus garantieren heute ihren Kunden, Spareinlagen nach bestimmten Kriterien jenseits von Zins und Sicherheit zu verwenden. Dazu gehören etwa UmweltBank, GLS Bank, Triodos Bank, EthikBank, Bank für Kirche und Diakonie, Pax-Bank – um nur einige zu nennen.
Zwar haben inzwischen auch große Geschäftsbanken, Sparkassen und Volksbanken reagiert und bieten manch nachhaltigen Aktienfonds oder Mischfonds aus Aktien und Anleihen. Aber bislang ist das ein Nischengeschäft für die Moralisten und Überzeugungstäter innerhalb der Kundschaft. Ganz anders sieht es bei großen institutionellen Vermögen aus, also etwa Pensionsfonds, Stiftungen und reichen Familiendynastien, die sich von Privatbanken individuell via Mandat betreuen lassen. Diese waren zwar bis Ende des Jahrhunderts gegenüber ökologischen oder moralischen Forderungen noch ausgesprochen reserviert. Doch dann platzte der Knoten – heute dominieren sie den Markt für nachhaltige Anlagen.

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Weniger Risiko, mehr Rendite?

Insbesondere seit der Finanzmarktkrise steigt die Nachfrage von dieser Seite exponentiell. Wie das Berliner Forum für Nachhaltige Geldanlage (FNG) ermittelt hat, lagen nachhaltige Investmentfonds und via Bankmandat betreute nachhaltige Vermögen in Deutschland anfangs auf niedrigem Niveau nahe beieinander. Im Jahr 2015 überstiegen nachhaltige Bankmandate das Vermögen von nachhaltigen Publikumsfonds um mehr als Doppelte – 48,4 Milliarden Euro zu 20,6 Milliarden (siehe Grafik Seite 18).  Die Fossilfree- oder Divestmentbewegung rechnet vor, dass klimaschädliche Investitionen in Kohle, Öl und Gas heute bereits für weltweit 5.440 Milliarden Dollar tabu sind; das entspricht dem 15-Fachen der jährlichen Ausgaben der Bundesregierung.
Unter diesen Gegnern der Fossilen finden sich prominente Adressen wie der mit Nordseeöl groß gewordene Norwegische Staatsfonds, der Rockefeller Brothers Fund, Pensionsfonds, Kirchen und viele Stiftungen – zum Beispiel die von Hollywood-Star Leonardo DiCaprio.
„Nachhaltigkeit geht nicht auf Kosten der Rendite. Es gibt umfangreiche Studien, die das belegen, so von der Universität Oxford und der Universität Hamburg“, wiederholt Susana Peñarrubia bei allen Gelegenheiten. Die Fondsmanagerin steuert bei der Deutsche-Bank-Tochter Asset&Wealth Management die Ermittlung und Integration von Nachhaltigkeitskriterien, die Kenner mit dem englischen Kürzel „ESG“ etikettieren. Dabei steht das „E“ für ökologische („environmental“) und das „S“ für soziale Kriterien. Das „G“ schließlich betont die Forderung nach transparenter Unternehmensführung („governance“).

Die spanische Managerin hat dafür gesorgt, dass sich auf Knopfdruck für alle Fonds der Deutschen Bank der Nachhaltigkeitswert ermitteln lässt, auch für jene ohne Nachhaltigkeitsanspruch. Unter institutionellen Investoren macht sich nämlich die Überzeugung breit, dass Investitionen in nachhaltige Unternehmen oder Aktienfonds weniger Risiken bergen und damit zukunftssicher und nervenschonend sind.
Diese Botschaft ist unter privaten Anlegern offensichtlich noch nicht angekommen. Zumindest beklagt der FNG-Vorstandsvorsitzende Volker Weber, dass viele Anlageberater die nachhaltigen Fonds ihrer eigenen Bank kaum bewerben. Weber vermutet, dass viele dieser Berater fürchten, beim Kundengespräch über nachhaltige Fonds in eine Moraldebatte zu geraten, die den Rahmen eines Geldanlage-Gesprächs sprengt.
 

Strenge Kriterien für Nachhaltigkeit

Auch ist die Auswahl an nachhaltigen Fonds gering. Viele Fonds, die etwa in alternative Energien, Trinkwassergewinnung, Nahrungsmittelproduktion oder Klimaschutztechnologien investieren, sind noch lange keine nachhaltigen Fonds. Entweder weil aus Gründen der Anlagevielfalt nicht alles in nachhaltige Unternehmen investiert werden soll oder die im Fonds enthaltenen Unternehmen sowohl in dem einen wie auch dem anderen Gebiet aktiv sind. Konzerne wie GE oder Siemens investieren Milliarden in alternative Energien und Energieeffizienz, bauen aber auch Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke. Die Deutsche Bank, die Wert auf unverwässerte ESG-Kriterien legt, hat unter anderem deswegen nur vier nachhaltige Fonds im Angebot – auch wenn es mehr werden sollen.
Wie klein das Angebot an nachhaltigen Fonds ist, zeigt sich eindrucksvoll mit den Fondssuchmaschinen der Direktbanken. So bietet Cortal Consors seinen Kunden rund 9.900 Fonds zur Auswahl. Schränkt der Kunde die Suche auf Umweltschutz, alternative Energien und ethisch-soziale Anlagen ein, stehen nur noch 94 Fonds zur Auswahl. Wer zusätzlich Rüstung, Kernkraft, Suchtmittel, Pornografie, die Verletzung von Menschen- und Arbeitsrechten, Gentechnik und die Automobil- und Luftfahrtindustrie ausschließt, dem bleiben nur noch sechs von 9.900 Fonds zur Wahl. Laut FNG-Chef  Volker Weber sind 160 Ausschlusskriterien in der Finanzindustrie gängig. „Wenn Sie die alle anwenden, bleibt nichts mehr übrig“, sagt Weber lapidar. Bei der richtigen Abwägung müsse man letztlich den gesunden Menschenverstand walten lassen. Als Entscheidungshilfe vergibt Webers Forum seit 2015 jährlich Gütesiegel, die Anlagekonzepte der Fondsmanager, aber auch das Eigenverhalten der Emittenten bewerten. Im November 2016 kamen immerhin 38 Fonds in den Genuss eines solchen Siegels, darunter zehn aus Deutschland, 16 aus Österreich, sieben aus der Schweiz, vier aus den Niederlanden und einer aus Italien. Klar ist: Wer  einen Ökofonds auflegt, sich aber im eigenen Haus nicht um Energieeffizienz und Klimaschutz schert und keine gesellschaftliche und soziale Verantwortung übernimmt, braucht sich gar nicht erst um das Siegel zu bewerben.

Wer das nicht so eng sieht und vom Fondsmanager lediglich Investments gemäß einiger ausgewählter Nachhaltigkeitskriterien erwartet, hat in Deutschland deutlich mehr Auswahl. Der Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) in Frankfurt, die Interessenvertretung der Investmentgesellschaften in Deutschland, verfügt über eine Liste mit 160 Publikumsfonds, die das Merkmal Nachhaltigkeit aufweisen und zusammen knapp 15 Milliarden Euro managen. Das klingt nach viel Geld, entspricht jedoch nur 1,7 Prozent jener 900 Milliarden Euro, welche die BVI-Mitglieder in Publikumsfonds verwalten. Analyst Ali Masarwah vom US-Finanzinformationsanbieter Morningstar beschreibt die Situation so: „Beim Thema Nachhaltigkeits-Investment klafft eine große Lücke zwischen der Aufmerksamkeit, die diesem Thema von Anlegern und Medien gewidmet wird, und der Auswahl an Nachhaltigkeitsfonds, die Anlegern in Europa zur Verfügung steht.“

 

Investment-Produkte mit Nachhaltigkeitsmandat ein Europa: 3,5 Prozent 

Marsarwah ist Mitglied des europäischen Research-Teams von Morningstar und in Frankfurt für die deutschsprachige Berichterstattung verantwortlich. Nach seiner Zählung gibt es in Europa 2.096 Investment-Produkte mit Nachhaltigkeitsmandat, was einem Anteil von 3,5 Prozent der in Europa zugelassenen Produkte entspricht. Knapp über 100 ESG-Fonds – mehrheitlich Aktienfonds – sind 2016 in Europa auf den Markt gekommen, womit das absolute Wachstum wie auch der Anteil an den insgesamt neu zugelassenen Fonds jeweils über dem der Vorjahre liegen. Dieses Wachstum geht laut Marsarwah ganz überwiegend auf die Produktoffensive der französischen BNP Paribas zurück.  Bei der französischen Bank mit Stammsitz in Paris ist Béatrice Verger für Fonds  mit dem Kürzel ISR („Investissement Socialement Responsable“) zuständig. Ihre Rolle in Paris ist vergleichbar  zu der von Peñarrubia bei der Deutschen Bank in Frankfurt. Die beiden erfahrenen Bankerinnen haben ein gemeinsames Leitmotiv: Sie wollen die Idee nachhaltiger Geldanlage in die breite Kundschaft tragen.
Für beide Banken ist das jeweilige Heimatland der stärkste Absatzmarkt für Publikumsfonds. Doch während in Deutschland Sparkassen und Genossenschaftsbank das Geschäft mit Sparern und Kleinanlegern dominieren, ist die aus vielen Fusionen entstandene Großbank BNP Paribas tief im französischen Sparermilieu verwurzelt. ISR-Managerin Verger berichtet von 50 nachhaltigen Fonds mit einem Vermögen von 15 Milliarden Euro, wobei das meiste Geld von privaten Anlegern stamme. Bei der Deutschen Bank verhält es sich umgekehrt. Bei ihr dominiert das Geschäft mit institutionellen Kunden. Die vier ESG-Publikumsfonds der Deutschen enthalten knapp 1,8 Milliarden Euro, das nachhaltig gemanagte Vermögen institutioneller Kunden ist dort um ein Vielfaches höher.
Der Vergleich von Fondsanbietern wird dadurch erschwert, dass es keine einheitlichen Bewertungsstandards gibt. So betrachtet die Deutsche Bank selbst die 2006 und 2007 von der eigenen Konzertochter DWS aufgelegten Aktienfonds DWS Invest New Resources und DWS Water Sustainability Fund nicht als ESG-Fonds – wie Fondsmanagerin Peñarrubia erläutert. Hierzulande haben Banker die englische Abkürzung ESG übernommen und meinen damit Fonds, die einem Bündel von Umwelt-, Klima-, Sozial- und Unternehmensführungskritieren gerecht werden. In Paris ist die Situation anders: Das französische Verständnis von ISR-Fonds war anfangs so unbestimmt wie die englische Abkürzung SRI („Socially Responsible Investment“).
Doch dann erließ die französische Regierung im August 2015 das „Energiewendegesetz“, das Investoren zwingt, die Klimarisiken ihrer Investments offenzulegen und ihre Nachhaltigkeitsstrategien zu erläutern. In der Folge wurde aus ISR in Frankreich ein Güte-Label.
 

Auf der G-20-Agenda

In Berlin ist kein staatlich reguliertes Nachhaltigkeitslabel nach französischem Vorbild geplant. Das könnte sich allerdings im Juli beim Gipfel der zwanzig größten Industrie- und Schwellenländer (G20) in Hamburg ändern. Das Diskussionsforum der Staats- und Regierungschefs aus Industrie- und Schwellenländern widmet sich nämlich immer stärker der internationalen Energie- und Klimapolitik. Mit dem G20-Gipfel unter Führung der Kanzlerin, zu dem auch Umwelt- und Klimaschützer, Dekarbonisierungsbewegung und Globalisierungsgegner mobilisieren, könnte das Thema nachhaltige Finanzen ganz schnell im Bundestagswahlkampf landen. Und im Jahr darauf im Parlament.

Thomas Bauer, Frankfurt
Keywords:
Nachhaltigkeit | Investments | Fonds | Deutsche Bank | PNB Paribas | G20
Ressorts:
Finance

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