Die Lausitz, die sächsisch-brandenburgische Region bemüht sich gerade, für die Zeit nach der Braunkohle ein Geschäftsmodell zu entwickeln. Da spielt Energie eine große Rolle. Mit Strom, Netzen und Kraftwerken kennt man sich ja seit hundert Jahren aus. Und was soll in den Kraftwerken künftig verbrannt werden, wenn Kohle und Gas wegen des Klimaschutzes nicht mehr erlaubt sind? Klar – Wasserstoff natürlich.

Also ließ die Zukunftswerkstatt Lausitz, ein regionaler Thinktank, ein Studie anfertigen, wie man die bisherigen Kraftwerksstandorte Jänschwalde, Boxberg und Schwarze Pumpe aus der Kohle- in die Wasserstoffzeit bringen könnte. Dazu sollen an den drei Standorten viele Brennstoffzellen-Blöcke mit jeweils 250 Megawatt Leistung gebaut werden, insgesamt für mehrere tausend Megawatt.

Um den grünen Wasserstoff dafür zu erzeugen, benötigt man gigantische Mengen Ökostrom und mehrere tausend Megawatt Wasserstofferzeugung. Diese würde nur dazu da sein, ein paar tausend Megawatt Wasserstoff-Kraftwerke am Laufen zu halten.

Nun – derzeit kommt fast jeden Tag ein Konzept auf den Tisch, das Wasserstoff als Zukunftslösung anpreist. Die Lausitzer haben mit ihrer Kraftwerks-Idee aber schon jetzt ein handfestes politisches Problem.

Denn die so genannte "stationäre energetische Nutzung" taucht in der Nationalen Wasserstoffstrategie der Bundesregierung mit keinem Wort auf. Auf große Unterstützung durch die Bundespolitik dürfen die Lausitzer also vorerst nicht hoffen. Und auch der regionale Stromkonzern - die Leag . denkt eher nicht an Wasserstoff. Am Standort Jänschwalde will die Leag erst einmal ein Müllkraftwerk bauen.

2050: Grüner Wasserstoff vor allem für Kraftwerke

Aus den Gründen erscheint die Vorstellung von einem Lausitzer Wasserstoff-Kraftwerksparks recht illusorisch. Kürzlich bekam diese Haltung aber einen Riss. Da stellten die Thinktanks Agora Energiewende und Agora Verkehrswende sowie die vom ehemaligen Staatssekretär Rainer Baake gegründete Stiftung Klimaneutralität ihre Vision vor, wie Deutschland bis 2050 klimaneutral werden könnte. Da liest man zunächst Bekanntes:

Wasserstoff werde eine sehr große Rolle in einem klimaneutralen Energiesystem spielen. In der Industrie werde er vorwiegend zur Direktreduktion von Eisenerz für eine CO2-freie Stahlherstellung dienen, in der Grundstoffchemie als Rohstoff sowie zur Erzeugung von Prozessdampf. Weiter werde Wasserstoff überwiegend im schweren Güterkehr unterwegs sein, teilweise auch in leichteren Nutzfahrzeugen.

Überraschend ist eher, wozu im Jahr 2050 Wasserstoff aus der Sicht der Thinktanks vor allem dienen soll: „Der größte Teil des Wasserstoffbedarfs entfällt auf die Stromerzeugung", steht schwarz auf weiß in der Studie. "In Zeiten, in denen eine Residualnachfrage besteht, wird Wasserstoff in Gaskraftwerken als Brennstoff genutzt."

Für 2050 sagt diese Studie zur Klimaneutralität für Deutschland eine Nachfrage von grünem Wasserstoff von etwa 270 Terawattstunden voraus. Davon sollen über 60 Prozent zur erwähnten Stromerzeugung dienen. Auf der Angebotsseite sollen von den 270 Terawattstunden aber auch nahezu 70 Prozent importiert werden.

Vereinfacht gesagt: 2050 wird Deutschland große Mengen von grünem Wasserstoff nur zu dem Zweck einführen, um ihn als Backup im Stromsystem einzusetzen.

An dem Punkt kann man sich schon fragen, ob wir künftig wirklich von einer Nation, die ihren Energiebedarf durch den Import von Öl und Gas deckt, zu einer Nation werden wollen, die vom Wasserstoffimport lebt. Man kann sich auch fragen, ob ein solche Konzept von Klimaneutralität noch etwas mit Nachhaltigkeit zu tun hat, oder ob es sich eher um nationales Greenwashing handelt.

Wollmilchsau, die sogar grüne Eier legt

Wie dem auch sei - derzeit ist Wasserstoff jedenfalls zu einer Art Wollmilchsau geworden, die auch noch grüne Eier legt. Per Wasserstoff können wir den Blackout in einem erneuerbaren Stromsystem in den Griff bekommen. Wir können Industrien wie Stahl, Zement und Chemie, die bisher beim Klimaschutz außen vor bleiben, weitgehend dekarbonisieren. Mit Wasserstoff lassen sich Flugzeuge, Schiffe und Schwerlaster nahezu emissionsfrei betreiben.

Inzwischen kann man seine Photovoltaikanlage auf dem Dach mit einem Wasserstoffmodul im Keller ergänzen und sich im Glauben wiegen, man wäre energieautonom.

Mit Wasserstoff winken Wachstum, Exportchancen und bis zu 800.000 neue Arbeitsplätze, wie eine Studie des Erneuerbaren-Branche letzte Woche vorrechnete. Wobei man hinzufügen muss: Die 800.000 entstehen, wenn Deutschland 2050 rund 90 Prozent des grünen Wasserstoffs selbst herstellt – das Land Nordrhein-Westfalen geht dagegen in seiner Wasserstoff-Roadmap davon aus, dass Mitte des Jahrhunderts 90 Prozent des grünen Wasserstoffs importiert werden.

Um den Unterschied zwischen Dekarbonisierung per Strom und Wasserstoff zu verdeutlichen, wird gern geschrieben, dass es bei dem einen um Elektronen und beim anderen um Moleküle geht. (Copyright: Zukunft Erdgas e.V.)