Auch wenn die Studien die Zukunft teilweise gegensätzlich ausmalen - der Superstoff ist gerade für die Politik faszinierend. Mit der Nationalen Wasserstoffstrategie will Deutschland zum weltweiten Leitmarkt für Grünen Wasserstoff werden, sagte der Wasserstoffbeauftragte des Bundesforschungsministeriums letzte Woche.

Noch besser als "Leitmarkt" klingt natürlich: Wasserstoff ist das Öl der Zukunft. Davon sprechen der Bundesminister für Entwicklung, die Bundesministerin für Forschung und auch der Wirtschaftsminister.

Technologie braucht besonderes Biotop

Das Problem bei all den Visionen ist: Der grüne Eier legende Superstoff ist eine ziemlich anspruchsvolle Technologie. Er braucht, um im Bild zu bleiben, ein ganz besonderes Biotop, um zu wachsen und zu gedeihen.

Erste Voraussetzung ist das Vorhandensein von billigem und massenhaft verfügbaren Ökostrom.

Das ist nicht nur in einem trivialem Sinne gemeint. Letztlich müssen die enormen Energieverluste ausgeglichen werden, die bei der Herstellung und beim Transport grünen Wasserstoffs anfallen, wo auch immer das sein wird. Will man das klimaneutral machen, braucht man dafür wiederum erneuerbar erzeugten Strom. Ökostrom muss deswegen praktisch im Überfluss verfügbar sein.

Davon ist zumindest Deutschland weit entfernt. Hier zeichnet sich kein Überfluss ab, sondern aus heutiger Sicht 2030 eine Ökostrom-Lücke von 100 Terawattstunden. Und das jetzt im Bundestag beratene EEG 2021 ist noch nicht der große Wurf, um den Ausbau der Erneuerbaren voranzubringen.

Die zweite Voraussetzung für Wasserstoff betrifft die Kosten: Damit grüner Wasserstoff konkurrenzfähig sein kann, darf der zu seiner Herstellung nötige Ökostrom nach übereinstimmenden Angaben vieler Experten nicht mehr als drei Cent die Kilowattstunde kosten. Und damit zum Beispiel ein Windkraftanlage auf diese Preisniveau kommt, muss sie im Jahr um die 4.000 Stunden unter Volllast laufen.

An Vollast-Stunden scheiden sich die Geister

Diese 4.000 Vollast-Stunden schaffen derzeit nur Offshore-Anlagen an guten Standorten. Es ist deswegen nur vernünftig, die visionären Projekte so genannter Wasserstoff-Inseln in die Nordsee zu verlegen. Um eine solche Insel sollen Windanlagen für bis zu 10.000 Megawatt errichtet werden. Die Kosten dafür sollen schätzungsweise bei 20 bis 40 Milliarden Euro liegen.

Im deutschen Inland ist das beim besten Willen nicht zu schaffen. Das gilt insbesondere für die Nutzung von Strom, der heute noch wegen Netzengpässen abgeregelt wird. Auf diese Weise lassen sich bestenfalls 2.500 Vollaststunden erreichen. Um mit Windkraft zu Lande Wasserstoff wirtschaftlich herstellen zu können, müssten den Anwendern EEG-Umlage und am besten auch Netzentgelte und Stromsteuer erlassen werden.

Auch damit ist es noch nicht getan. Als dritte Voraussetzung benötigt Wasserstoff überall eine weitgehend neue Infrastruktur: Neue Pipelines, neue Tankschiffe, neue Tankstellen, neue Fahrzeuge und neue Brenner zuhause. Traditionelle industrielle Techniken müssen neu erfunden werden. Praktisch geht es um eine neue Basis-Infrastruktur für das Land.

CO2-Preis jenseits der 100 Euro pro Tonne

Und damit sich grüner Wasserstoff von selbst wirtschaftlich trägt, wäre als vierte Voraussetzung eigentlich ein CO2-Preis jenseits der 100 Euro pro Tonne nötig. Und am besten wäre zudem, wenn zugleich die bisherigen Subventionen für fossile Brennstoffe gestrichen würden. Gerade davon sprechen die Befürworter einer Wasserstoffwirtschaft in der Regel nicht so gern, weil sie oft zugleich noch zu den Nutznießern dieser Subventionen gehören.

So oder so ist aber klar: Das alles lässt sich in kurzer Zeit weder umsetzen noch finanzieren. Aber dennoch muss es jetzt ja irgendwie praktisch losgehen. Die Technologie muss, wie überall zu hören ist, skaliert werden, damit ihre Kosten sinken und sie wettbewerbsfähig wird.

An dem Punkt kommt vielen Wasserstoff-Befürwortern die Idee: Es gibt ja nicht nur die grüne Variante. In Deutschland gehen wir schon lange mit Wasserstoff um. Der wird aus Erdgas gewonnen und dabei entsteht leider auch viel CO2, also das Treibhausgas überhaupt.

Aber die Klimabilanz dieses Wasserstoffs lässt sich ja verbessern. Man könnte zu seiner Herstellung ja nicht den deutschen Strommix, sondern nur Ökostrom einsetzen. Man könnte das abgespaltene CO2 abscheiden und unterirdisch lagern oder es stofflich nutzen. Und man könnte schließlich nach und nach grünen Wasserstoff untermischen.

Start mit Wasserstoff-Mix aus grau, blau und grün?

Warum sollte man nicht diesen Wasserstoff-Mix nutzen, um die Technologie erst einmal anzuschieben?  Diese Idee hat inzwischen auch den politischen Raum erreicht: So legte der Bundesrat jetzt Gesetzesvorschlag vor, um das Einspeisen von Wasserstoff ins vorhandene Gasnetz zu ermöglichen.

Das Bundeswirtschaftsministerium sieht sich mit Forderungen konfrontiert, auch den Strom von der EEG-Umlage zu befreien, der zur Herstellung dieses sogenannten "blauen" Wasserstoffs genutzt wird.

Und weil der Wasserstoff-Mix bei seinem Einsatz - verglichen mit Kohle, Öl oder Erdgas - Treibhausgasemissionen einspart, könnten damit eigentlich auch Emissionszertifikate generiert werden, die sich gut verkaufen ließen. So zeichnet sich aktuell das Entstehen einer Wasserstoffwirtschaft ab, die Wertschöpfung und Wachstum erzeugt, aber vorerst keinen großen Klimaeffekt mit sich bringt.

Und was auch schade ist: Die Lausitz wird da vorerst auch nicht viel davon haben. Große industrielle Erzeuger und Anwender von nichtgrünem Wasserstoff gibt es da noch nicht. Und große Kraftwerke, die sich grünen Wasserstoff einverleiben - das ist wirklich noch Zukunftsmusik.

Der Beitrag ist eine gekürzte und überarbeitete Variante eines Vortrags, der am 10. November auf dem 10. Branchentreffen Erneuerbare Energien der Kanzlei Rödl&Partner in Nürnberg gehalten wurde.