Energiewende-Studie
17.05.2019

Naturschützer erwägen CCS und synthetische Kraftstoffe

Foto: iStock
Naturschutz und Energiewende sind laut Naturschutzbund zu vereinbaren.

Naturschutz und Energiewende sind vereinbar – so das Ergebnis einer Studie im Auftrag des Naturschutzbundes. Diese beinhält auch überraschende Maßnahmen.

Ein naturverträglicher und zugleich ambitionierter Klimaschutz – Ziel: Klimaneutralität 2050 – ist möglich. Das ist das Fazit einer Studie, mit der der Naturschutzbund (Nabu) das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie beauftragt hat. Die Experten untersuchten verschiedene Energieszenarien und identifizierten daraus diejenigen Klimaschutzstrategien, die bisher deutlich unterrepräsentiert sind und künftig deutlich stärker gefördert werden sollten. Dazu zählen Photovoltaik, Steigerung von Energieeffizienz, Förderung natürlicher Senken wie Moore und Ressourcenschutz.

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Das Gutachten wirft aber auch einige Fragen auf. Wolle man zum Beispiel die gesamte Stahlherstellung in Deutschland auf „grünen“, per Ökostrom erzeugten Wasserstoff umstellen, erfordere das eine Strommenge von 100 Terrawattstunden, gut ein Sechstel des heutigen Stromverbrauchs, rechnet Studienautor Sascha Samadi vom Wuppertal-Institut vor. Der dafür nötige Zubau an erneuerbaren Anlagen werde „gewisse Auswirkungen“ auf die Natur haben, gibt Samadi zu bedenken. Zu überlegen sei deshalb, ob man nicht besser die CCS-Technologie in solchen Industriesektoren einsetzen sollte, die „nicht ganz so leicht zu dekarbonisieren“ sind.

Was mit Industrie-Emissionen anstellen?

Carbon dioxide capture and storage (CCS) beschreibt die Reduzierung von CO2-Emissionen durch die technische Abspaltung am Kraftwerk und „dauerhafte“ Einlagerung in unterirdische Lagerstätten. Das Leben der Kohleverstromung durch CCS zu verlängern - dagegen habe sich der Nabu in den vergangenen Jahren konsequent eingesetzt, betont Nabu-Präsident Olaf Tschimpke. Das bleibe so, da müsse man sich keine Gedanken machen. Die Frage sei nur, was man mit Industrie-Emissionen anstelle, wenn sich alle anderen Optionen als nicht gangbar erweisen. Der Nabu setze da auf den Diskurs mit der Industrie. „Die letzten fünf Prozent CO2-Einsparung werden die teuersten und schwierigsten“, sagt der Verbandspräsident.

Immer häufiger kommt der Ausbau der erneuerbaren Energien in Konflikt mit Belangen des Naturschutzes, mit Anwohnerinteressen oder den Schutz von Kulturlandschaften. Auch der Nabu klagt mitunter gegen Windenergieanlagen – sieht sich aber nicht als Windkraft-Bremser. Verglichen mit der Gesamtzahl der gebauten Windräder bewegten sich die Klagen im „Promillebereich“, sagt Heinz Kowalski vom Nabu-Präsidium. Nur wenn partout in weniger als 300 Metern Entfernung zu einem Schreiadlerhorst eine Anlage gebaut werden soll, dann gehe man dagegen vor.

Importe statt Flächenkonflikte

Schon lange gebe es die Konflikte um Flächenverbrauch, beim Vogelschutz, beim Bau von Überlandleitungen und vielem anderem mehr, sagt Tschimpke. Einen weiteren Ausweg, um der sich künftig verschärfenden Flächenkonkurrenz in Deutschland aus dem Wege zu gehen, sieht das Wuppertal-Gutachten daher in einem verstärkten Import erneuerbaren Stroms oder „grüner“ synthetischer Kraftstoffe. „Bezüglich der Akzeptanz wie auch der Naturverträglichkeit erscheint eine durch importierte Energieträger geminderte Nutzung insbesondere der Windenergie und der Biomasse vorteilhaft“, ist in der Studie zu lesen. In einer unsicher gewordenen Welt könnte sich der Import synthetischer Treibstoffe zudem als eine zuverlässigere Variante erweisen.

Tatsächlich gehen einige Energiewende-Szenarien in der Studie davon aus, dass Deutschland etwa die Hälfte der Energie, die jetzt noch über fossiles Erdgas importiert wird, künftig als „grünes Gas“ einführen muss. Vor der Debatte, inwieweit die Bundesrepublik aufgrund eigener grüner Ressourcen Energiewende und Klimaschutz in den Griff bekommen kann, oder ob man – wie aktuell bei den fossilen Energien – auf die anhaltende Ausbeutung fremder Ressourcen angewiesen ist, schreckt die hiesige Erneuerbaren-Branche noch ein wenig zurück. Insofern ist die Nabu-Studie ein überfälliger Denkanstoß.

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Jörg Staude
Keywords:
Energiewende | CCS | Naturschutz | Nabu
Ressorts:
Technology

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