Netze
20.10.2016

Netzentgelte treiben den Strompreis

Foto: Istockphotos.com/tolstnev
Notmaßnahmen am Netz treiben die Netzentgelte in die Höhe.

Steigende Stromnetzgebühren treffen Verbraucher und Industrie, der Westen Deutschlands bleibt aber verschont. Der Reformdruck steigt nun.

Die Netzentgelte sind der größte Strompreistreiber. In Deutschland steigen sie Anfang 2017 zum Teil drastisch und belasten Verbraucher und Industrie erheblich. Mancherorts müssen Kunden mit fast um einem Viertel gestiegenen Netzpreisen zurechtkommen. Vor knapp einem Monat war bekannt geworden, dass im ostdeutschen Übertragungsnetz (50Hertz) und im größten Höchstspannungsnetz (Tennet in einem Mittelstreifen von Nord- nach Süddeutschland) die Preise um 45 beziehungsweise 80 Prozent nach oben schnellen.

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Grund sind vor allem die steigenden Kosten für Notmaßnahmen im Netz, weil der Ausbau der Leitungen stockt, während die stark schwankende Ökostromeinspeisung immer weiter zunimmt. Die Kosten werden an die Verteilnetzbetreiber weitergereicht, die nun ihre neuen Preise für 2017 gemeldet haben. In den zwei verbleibenden Regelzonen von Amprion im Westen und TransnetBW (Baden-Württemberg) ist die Entwicklung deutlich moderater. Die Kosten der jeweiligen Verteilnetze entwickeln sich allerdings unterschiedlich.

 

Berliner zahlen mehr

Laut einer Auswertung der Stromnetzpreise des Vergleichsportals Verivox, die bizz energy vorliegt, wird es nun in vielen der 25 größten deutschen Metropolen deutlich teurer. Den Spitzenplatz belegt Frankfurt am Main im Netzgebiet von Tennet: Haushaltskunden (4000 Kilowattstunden Verbrauch pro Jahr) müssen dort 23,8 Prozent pro Jahr mehr für den Netzzugang bezahlen. Die Netzentgelte schießen um 60 Euro auf 312 Euro nach oben. Auch in Leipzig (16,5 Prozent), Braunschweig (16,3 Prozent), Hannover (15,4 Prozent) und Berlin (13,9 Prozent) wird es deutlich teurer. In Stuttgart, Köln, Bonn und Augsburg sinken die Netzentgelte dagegen, allerdings im Vergleich nur moderat. Insgesamt steigen die Kosten laut Verivox um 8,2 Prozent. Insgesamt machen die Netzentgelte rund ein Viertel des Haushaltspreises aus.

Die deutsche Industrie ist ebenfalls massiv betroffen. Zwar liegen die Netzentgelte deutlich niedriger. Je höher die Spannungsebene und der Verbrauch und je konstanter die Abnahme, desto weniger zahlen Unternehmen für Stromnetze. Doch die Belastung durch die steigenden Netzentgelte schlägt prozentuell ähnlich stark durch wie bei den Haushalten. Das zeigt das Beispiel des Preisspitzenreiters Frankfurt: Dort hebt die örtliche Netzdienste Rhein-Main GmbH, eine Mainova-Tochter, den Leistungspreis im Hochspannungsnetz bei stetiger Nutzung von 31,47 Euro pro Kilowatt auf 44,72 Euro an – also um fast die Hälfte.

Derartige Preissprünge verschlechtern die Standortqualität aus Sicht von energieintensiven Unternehmen massiv - und dürften die politische Debatte um einen Ausgleich befeuern. Jahrelang war vor allem der Osten Deutschlands wegen des dort besonders rasanten Fortschreitens der Energiewende betroffen. 50Hertz sowie ostdeutsche Bundesländer setzen sich deshalb für eine Vereinheitlichung der Übertragungsnetzentgelte ein. Dann müssten alle gleich viel zahlen für die Nutzung der Höchstspannungsnetze, die den Strom über weite Strecken transportieren. Brandenburg verkündete kürzlich, dass es wohl bald eine Neuregelung geben könnte. Dafür müsste die Stromnetzentgeltverordnung (StromNEV) reformiert werden, wofür das Bundeswirtschaftsministerium wiederum eine Verordnungsermächtigung vom Parlament benötigt.

 

Brandenburg kündigt Reform an

Nun musste aber auch und sogar vor allem Tennet seine Preise drastisch erhöhen. Das könnte betroffene Länder wie Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein endgültig in die ostdeutsche Allianz manövrieren. Doch vor allem Nordrhein-Westfalen wehrt sich. Das Bundesland liegt größtenteils im Amprion-Netzgebiet, wo es kaum teure Staus durch hohe Grünstromeinspeisung gibt. Doch NRW ist dafür auch Nettozahler in Milliardenhöhe bei der EEG-Umlage, weil dort pro Kopf viel Strom verbraucht, aber wenig Ökoenergie erzeugt wird. Das liegt vor allem an den vergleichsweise geringen Wind- und Sonnenkraft-Ausbeuten.

Zusätzlich kompliziert wird die Lage dadurch, dass es schnell gehen muss. Schon im Mai ist Landtagswahl in NRW, im September folgt die Bundestagswahl. In den Monaten zuvor dürfte eine Reform der Netzentgelte schwierig werden, zumal es sich um ein Nullsummenspiel handelt. Gibt es Reform-Gewinner, müssen die Verlierer mit höheren Preisen rechnen. In Zukunft wird allerdings die von der Bonner Bundesnetzagentur kürzlich beschlossene Absenkung der Rendite der Stromnetzbetreiber den Preisauftrieb etwas begrenzen.

Jakob Schlandt
Keywords:
Netzentgelte | Verteilnetz | Netzbetrieber | Reform | Verivox | Strompreis
Ressorts:
Governance | Markets

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