Für Photovoltaik-Anlagen, die Anfang 2021 aus der EEG-Förderung fallen, kennt der Entwurf des EEG 2021 nur zwei Lösungen: Entweder bleiben die Anlagen weiter so genannte Volleinspeiser oder sie legen sich Messtechnik zu, um ihren Strom vermarkten lassen zu können.

Warum nun - Zitat aus dem Gesetzentwurf - "insbesondere die in naher Zukunft aus der Förderung fallenden Solaranlagen" allen Strom beim Netzbetreiber abliefern sollen, begründet das Bundeswirtschaftsministerium auf Seite 90 desselben: Mit der geforderten Volleinspeisung werde verhindert, dass die eingespeisten Strommengen für den Netzbetreiber "nicht prognostizierbar" seien. Und wörtlich: "Aufgrund der betreffenden Anlagenzahl in Millionenhöhe und der erheblichen eingespeisten Strommenge durch diese Anlagen, ist perspektivisch neben der Sichtbarkeit auch eine Steuerung dieser Anlagen schon aus Netzstabilitätsgründen durch den Netzbetreiber unumgänglich."

Der Gesetzentwurf stellt die Betreiber der Ü20-Anlagen damit vor ein Dilemma, beklagt der Thinktank Agora Energiewende in einer jetzt vorgelegten Studie: Entweder akzeptierten die Betreiber sehr niedrige Vermarktungserlöse für ihren Strom, die "gerade so die Versicherungs- und Wartungskosten decken". Oder die Ü20-Leute rüsteten den Anschlusskasten um, um den Solarstrom selbst zu verbrauchen, müssten sich dann aber ein Smart Meter anschaffen und ihren Überschussstrom vermarkten. Dafür stünden derzeit, so der Thinktank weiter, derzeit kaum Dienstleister bereit, die Anlagen mit weniger als 60 Kilowatt Leistung direkt vermarkteten. Die Ü20-Anlagen leisteten häufig nur bis zu fünf Kilowatt.

Unsinnige doppelte Strombeschaffung

Aus Ausweg aus dem Dilemma schlägt der Agora Energiewende – nicht zum ersten Mal – vor, ein eigenes Prosumer-Standardlastprofil einführen. Zwar seien Standardprofile für Stromverbraucher wie Haushalte und Gewerbe seit Jahrzehnten bewährt, diese berücksichtigten aber nicht den Eigenverbrauch des erzeugten Solarstroms. "Weil mein Stromvertrieb gar nicht weiß, dass ich eine Solaranlage betreibe, beschafft er auch dann Strom für mich, wenn ich diesen gar nicht verbrauchen kann, weil gerade die Sonne scheint", erklärt Mitautor Andreas Jahn vom Regulatory Assistance Project. Der unnötig beschaffte Strom müsse dann ausgeglichen werden – im schlimmsten Fall werde dieser "vernichtet", sagt Jahn. Für ihn ist das wirtschaftlich und ökologisch "komplett unsinnig."

Dieser Auffassung, der Netzbetreiber müsse wegen fehlender Prosumer-Lastprofile Strom quasi doppelt beschaffen und das sorge auch noch für zusätzliche CO2-Emissionen, stehen die Solar- und insbesondere die Speicherbranche äußerst skeptisch gegenüber. Sie wollen das Problem, dass das Netz nicht genau "weiß", was in den Prosumer-Haushalten passiert, vor allem mit einer technischen Aufrüstung der Haushalte selbst begegnen, vor allem mithilfe von Stromspeichern und Smartmetern.

Obergrenze für Prosumer-Profil bei sieben Kilowatt

Mit ihrem Vorschlag für ein Prosumer-Profil wollen die Studienautoren Andreas Jahn sowie Thorsten Lenck (Agora Energiewende), wie sie betonen, zum einen verhindern, dass sich kleinere Photovoltaik-Anlagen eine Messeinrichtung zulegen müssen. Das könne unwirtschaftlich werden. Zum anderen sehen sie auch die Gefahr, dass sich mit der Ausbreitung kaum flexibler Eigenverbraucher die Netz- und Systemkosten erhöhen, die dann andere Stromverbraucher zu tragen haben. "Unser Vorschlag ist ein Mittelweg, der die systemischen Notwendigkeiten ausreizt, um den Verbraucherwunsch der Eigenversorgung entgegenzukommen", erklärt Jahn.

Die obere Grenze für die Prosumer-Lastprofile ziehen die beiden Experten  bei sieben Kilowatt Leistung. Bei größeren Anlagen reichten ihrer Ansicht nach die Vermarktungserlöse aus, um das Zählerinvestment tragen zu können. Zudem orientierten sich die sieben Kilowatt an der Grenze für den verpflichtenden Smart-Meter-Einbau im Messstellenbetriebsgesetz.

Die Obergrenze von sieben Kilowatt spielt auch bei einer angekündigten Bundesratsinitiative des Landes Baden-Württemberg eine Rolle. Laut Landesumweltminister Franz Untersteller (Grüne) soll bei Photovoltaik-Anlagen bis sieben Kilowatt auf die Fernsteuerbarkeit und die 15-Minuten-Bilanzierung verzichtet werden. Zudem fordert Untersteller, das Eigenverbrauchsprivileg auch nach dem Ende der EEG-Förderung beizubehalten. Die Idee beruht offenbar wiederum auf einem Vorschlag der Baden-Württembergischen Stromwirtschaft zu einer "kleinen Direktvermarktung".

Konkurrenz durch vollausgestattete Solarhaushalte

Die Agora-Studie schränkt die Prosumer-Lastprofile nicht auf unter sieben Kilowatt, sondern auch auf einfache Anwendungen ein. "Das Prinzip kommt an seine Grenzen, wenn jemand ein Elektroauto, einen Stromspeicher oder eine Wärmepumpe mit seinem eigenen Solarstrom betreibt", erklärt Jahn. Hier komme man nicht um den Einsatz eines Smart Meters herum.

Die Anziehungskraft vollausgestatteter Prosumer-Haushalte, mit dem die Branche derzeit aggressiv wirbt, lässt auch den Thinktank nicht unbeeindruckt. "Dass Häuslebesitzer mit 20 Jahre alten Solar-Dachanlagen künftig teure intelligente Stromzähler einbauen müssen, um den Strom vom eigenen Dach zu verbrauchen, ist den Leuten nicht zu vermitteln. Schon gar nicht, wenn die Nachbarn sich gleichzeitig eine neue, auf den Eigenverbrauch optimierte Solaranlage bauen -  und zwar ohne teuren Smart Meter", meint Agora-Energiewende-Chef Patrick Graichen.

Insofern fragt sich, ob die Prosumer-Haushalte überhaupt selbst so ein eigenes Lastprofil wollen.

Was ab 2021 aus kleineren Dachanlagen wird, wenn die EEG-Förderung wegfällt, ist noch immer recht unklar. (Copyright: Istock)