Zuerst denkt man, es ist eine der exponentiellen Covid-19-Kurven: Am 1. Februar lag der CO2-Preis im europäischen Emissionshandel noch bei  etwa 32 Euro – keine zwei Wochen später übertraf der Preis zum ersten Mal in seiner Geschichte die 40-Euro-Marke. Ein Plus von 25 Prozent.

Was ist da los? Schließlich wurde 2020 bis zu einem Viertel weniger Kohle für Strom und Wärme eingesetzt. Und wer in Deutschland Stein- oder Braunkohle in Kraftwerken einsetzt, braucht dafür Zertifikate aus dem Europäischen Emissionshandelssystem ETS. Da müssten doch, sagt die Marktlogik, massiv Emissionszertifikate übrig sein – und wenn von etwas plötzlich deutlich mehr vorhanden ist, sinkt in der Regel auch der Preis.

Zum Jahresanfang 2020 hatte das auch geklappt. "Zunächst sanken in der Corona-Krise die Zertifikatspreise. Das sah man besonders im März 2020", blickt Simon Göß vom Berliner Beratungsunternehmen Energy Brainpool zurück. In dem Monat kostete die Tonne CO2 wirklich auch nur um die 15 Euro. Im Laufe des Jahres habe der Markt dann aber erkannt, dass vom Lockdown nicht die ganze Wirtschaft betroffen ist und es auch wirksame Impfstoffe geben wird. "Das hat die wirtschaftlichen Aussichten auf mittlere Frist in Richtung 2022 bis 2023 deutlich verbessert", erklärt Energiemarktexperte Göß.

Das aktuelle Preishoch spiegelt seiner Ansicht nach aber auch Erwartungen wider, die auf die neue, von 2021 bis 2030 reichende 4. Handelsperiode im ETS zurückgehen. Die jetzt gültigen Regularien seien dabei schon seit 2018 bekannt – und seitdem hätten die Zertifikatspreise auch angefangen zu steigen, sagt Göß.

Im Emissionshandel wird "nachgezurrt" werden

Verschärfend kamen dann die Absichten der EU hinzu, das Klimaschutzziel für 2030 anzuheben – von 40 Prozent CO2-Minderung auf 55 Prozent gegenüber 1990. In Relation gesehen sei das eine enorme Steigerung um mehr als ein Drittel, betont der Experte. "Die Regeln im ETS sind ja noch auf die 40 Prozent ausgerichtet. Soll jetzt eine CO2-Reduktion von 55 Prozent erreicht werden, kann das nur heißen, dass beim Emissionshandel noch einmal nachgezurrt wird."

Schon jetzt seien, so Göß, die geplanten kostenlosen Zuteilungen von Emissionsrechten vom ursprünglichen Termin Februar auf den Sommer dieses Jahres verschoben worden. Allein das habe für einen kurzfristigen Anstieg der Preise gesorgt. Als dann ein Niveau von 30 oder 35 Euro für die Tonne CO2 erreicht worden sei, kamen nach Eindruck von Göß spekulative Teilnehmer in den Markt. Deren Aktivitäten hätten sich Anfang dieses Jahres ein wenig "hochgeschaukelt". In den letzten drei, vier Tagen seien aber wieder vermehrt Verkäufe zu beobachten gewesen, bei denen offenbar Gewinne mitgenommen wurden. Aktuell liegt der Kurs bei knapp 38 Euro,  im Vergleich immer noch sehr viel.

Auch für Thorsten Lenck vom Thinktank Agora Energiewende finden sich im jüngsten Anstieg der CO2-Preise grundsätzlich die Erwartungen der Marktteilnehmer aufgrund des höheren EU-Klimaziels für 2030 wieder. "Ohne den European Green Deal und die Entscheidung, die Ambitionen beim Klimaschutz zu verschärfen, hätten wir diesen Preisanstieg nicht gesehen", betont Lenck. Zugleich herrsche aber aufgrund der Corona-Pandemie noch eine große Unsicherheit über die Entwicklung der CO2-Emissionen in der nahen Zukunft, meint er. Dadurch würden größere Preisausschläge auftreten.

Schaue man auf die fundamentalen Daten, werden die Preise für die Zertifikate weiter steigen, so die Erwartung von Simon Göß. Zwar stehe noch nicht fest, mit welchen Instrumenten das neue EU-Klimaziel erreicht werden soll. Der Emissionshandel sei aber immer das Mittel der Wahl gewesen. So könnten die kostenlosen Zuteilungen strenger gehandhabt und auch mehr Zertifikate aus dem System genommen werden. "Wenn die Klimaziele wirklich so verschärft werden, ist eigentlich klar, dass der CO2-Preis nur noch einen Weg kennt – den nach oben." Das machten sich Investoren dann auch zunutze.

Die aktuell hohen Preise wirkten sich, erläutert Göß weiter, nicht sofort auf den Betrieb der Kohlekraftwerke aus. Teurer für die Kraftwerke könne es dann werden, wenn Zertifikate bislang noch nicht für die Zukunft beschafft wurden, jetzt aber teurer eingekauft werden müssen. Die hohen CO2-Preise begünstigten derzeit, so Göß, vor allem effiziente Gaskraftwerke. Diese drängten wiederum den Kohlestrom aus dem Markt.

Gaskraftwerke wie das in Irsching sollen zu den Gewinnern eines hohen CO2-Preises gehören. (Copyright: Uniper)