Kolumne Gerard Reid
02.01.2013

Niemand ist eine Insel

Illustration: Valentin Kaden
Illustration: Valentin Kaden

Wir brauchen ein intelligentes Netz für Europa, in dem Interkonnektoren eine zentrale Rolle spielen – für Preise und Systemstabilität.

Vor rund 400 Jahren prägte der große englische Dichter John Donne das Sprichwort: „Niemand ist eine Insel.“ Diese Aussage ist in Zeiten von Internet und Globalisierung aktueller denn je. Und deshalb verblüfft mich die ‚insular attitude‘ der Briten immer wieder aufs Neue. Sie ist auch bei meinen Kollegen in der Londoner City zu beobachten, etwa bei Fragen zur Zukunft des Euro. Bevor ich freitags von London nach Berlin zurückfliege, werde ich regelmäßig gefragt: „Na, geht es wieder zurück nach Europa?“ Worauf ich routinemäßig antworte: „Liegt Großbritannien etwa nicht in Europa?“

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Die Briten sahen sich immer als Insel, umgeben von der rauen Nordsee und gemeinen Feinden auf dem Kontinent. Im 19. Jahrhundert führten sie die Industrielle Revolution an, auch dank der billigen einheimischen Kohle. Das in den siebziger Jahren in der Nordsee entdeckte Erdöl bescherte dem Land im Verbund mit heimischen Gasquellen und Kernkraftwerken lange Zeit Unabhängigkeit. Das ändert sich gerade radikal. Die Öl- und Gasproduktion schwindet, die Nuklearanlagen altern. Aufgrund dichter Besiedlung, hoher Bodenpreise und komplexer Genehmigungsverfahren ist der Ausbau von Windenergie teuer und trifft auf erheblichen Widerstand der Anwohner. Was tun? Kürzlich durfte ich dazu im britischen Parlament vor Abgeordneten aller Fraktionen eine Rede halten. Dabei schlug ich die aus meiner Sicht kostengünstigste Lösung vor: Großbritannien sollte sich mit seinen Nachbarstaaten Irland, Island, Dänemark, Belgien, Norwegen und Frankreich per Seekabel verbinden, um von dort – meist billigeren – Strom zu importieren. Gleichzeitig könnte man zeitweise überschüssigen britischen Windstrom per Seekabel exportieren, damit Geld verdienen und die eigenen Netze entlasten. Einige Abgeordnete reagierten mit scharfem Widerspruch. Ein Schiff könnte das Seekabel durchtrennen, die Regierung von Nachbarstaaten den Strom abklemmen. „Besser von Frankreich abhängig sein als von Iran oder Nigeria“, entgegnete ich. Woraufhin mir komplettes Unverständnis entgegenschlug. Diese britische Sicht ist natürlich antiquiert. Aber ich frage mich, ob es Deutschland eigent- lich besser macht. Das Land der Energiewende sieht sich als globalen Klimavorreiter. Aber beim Ökostrom laufen die Deutschen Gefahr, auf den Pfaden der Briten zu wandeln – mit dem Selbstverständnis einer Insel ohne Nachbarn, die den Energiepreis in die Höhe treibt, zum Schaden von Wirtschaft und Gesellschaft. Die ersten Anzeichen lassen jedenfalls nichts Gutes ahnen. Den abrupten Atomausstieg hatte die Regierung Merkel nicht mit ihren Nachbarn abgesprochen, aber dort sind die Folgen jetzt dramatisch. So litt Frankreich im Februar unter Strom-Rekordpreisen, weil die Hälfte der deutschen Atommeiler nicht mehr am Netz war und nicht nach Frankreich exportieren konnte – wo Strom traditionell zum Heizen genutzt wird. Polen und Tschechien haben nun mit nicht bestelltem Strom zu kämpfen, den Deutschland besonders an windigen oder sonnigen Tagen über seine Grenzen drückt . Auch auf dem deutschen Markt sind die Auswirkungen dramatisch. Sie übertragen sich über den Großhandels- preis quer über den Kontinent. Der Industriestrom in Europa gleicht sich dem deutschen Niveau an. Wenn der Wind in Deutschland weht, brechen europaweit die Preise ein. Ohne Wind und Sonnenschein explodieren die Preise.

Aber das ist noch nicht alles. Dieser Sonderweg schadet nicht nur den Nachbarstaaten, sondern auch Deutschland selbst. Das Land will unbedingt seine Versor- gung dezentralisieren. Das hat zwar viele Vorteile, führt aber auch zu Überkapazitäten. 170 Gigawatt Leistung sind in Deutschland installiert, 71 Gigawatt davon in Form von Ökostrom. Das reicht, um die Tagesspitzen zu bedienen. Für die Betreiber konventioneller Kraftwerke ist es teuer, ihre Anlagen auszuschalten und dann wieder hochzufahren. Deshalb ist manchmal zu viel Strom im Netz. Energie könnte gespeichert werden, aber das ist oftmals nicht rentabel. Was tun? Deutschland muss enger mit seinen Nachbarn kooperieren. Die Lösung liegt im Aus- und Neubau von grenzüberschreitenden Interkonnektoren in einem intelligenteren Gesamtsystem. Weitere Verbindungen zu den Nachbarländern bedeuten, dass weniger heimische Reservekraftwerke zur Systemstabilisierung nötig sind – und dass die Preise sinken. Besonders Länder am Rande Europas wie Portugal, Irland, Griechenland und Spanien würden profitieren. Diese Südländer könnten sich wirtschaftlich entwickeln, indem sie vermehrt Ökostrom produzieren. Ein effizientes System produziert den Strom, wo es am billigsten ist und transportiert ihn sofort dahin, wo er gerade gebraucht wird. In einem durch Interkonnektoren verbundenen Europa sinken letztlich auch für deutsche Verbraucher die Preise. John Donne ist aktu- eller denn je: Niemand ist eine Insel. 

Gerard Reid zählt weltweit zu den Top-Finanz- analysten für erneuerbare Energien. Für die Wall-Street-Investmentbank Jefferies baute er den Bereich Renewables auf. An- schließend gründete er mit Alexa Capital seine eigene Bera- tungsgesellschaft. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch „Asiens Energiehunger – Rohstoffe am Limit“. Reid hat am Imperial College in London eine Finance-Professur. Last but not least: Gerard Reid ist Chefökonom bei BIZZ energy today. 

 

Gerard Reid
Keywords:
Gerard Reid | Netzausbau | Strompreis
Ressorts:
Finance

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