Erdgas
16.12.2019

Nord Stream 2: Wettlauf in der Ostsee

Foto: Nord Stream 2 / Axel Schmidt
Die Pioneering Spirit, das größte Pipeline-Verlegeschiff der Welt, während der Arbeit in der Ostsee.

Die Sanktionen der USA können die Fertigstellung der Gaspipeline Nord Stream 2 wahrscheinlich nicht mehr aufhalten. Doch seine langfristigen Pläne muss der russische Konzern Gazprom überdenken.

Es wirkt fast wie ein kleiner Krimi, der sich gerade in der Ostsee abspielt: Minutiös verfolgen russische Medien, wo sich die beiden Rohrverlegeschiffe befinden. Mit jedem Kilometer, denen sich die Schiffe der deutschen Küste nähern, steigt die Chance, dass Gazproms neue Doppelröhre Nord Stream 2 fertig wird, bevor die Sanktionen der USA in Kraft treten. Denn dann müssten die beiden Spezialschiffe des Schweizer Unternehmens Allseas, „Pioneering Spirit“ und „Solitaire“, ihre Arbeiten womöglich abbrechen. Für Nervosität sorgte am Montag auch die Meldung, dass die Betreibergesellschaft von Nord Stream 2 nun eine gesonderte Genehmigung von deutscher Seite braucht, um in den Wintermonaten mit den Bauarbeiten fortfahren zu können. Und am Dienstag stimmte nach dem Repräsentantenhaus auch der US-Senat mit großer Mehrheit für ein Gesetzespaket zum Verteidigungshaushalt, in dem das Sanktionsgesetz eingefügt worden war. Trump hatte vorab angekündigt, das Gesetzespaket zu unterzeichnen, sobald es auf seinen Schreibtisch kommt.

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Dass der Bau tatsächlich noch gestoppt werden könnte, daran glauben in Moskau derzeit jedoch die wenigsten Experten. Bisher fehlen den beiden Röhren jeweils 140 und 160 Kilometer. In den letzten Tagen hat sich das weltweit größte Rohrverlegeschiff „Pioneering Spirit“ bereits 20 Kilometer weiter Richtung Süden bewegt. Und dass, obwohl es auf der Ostsee stürmt. Die Arbeiten laufen trotzdem auf Hochtouren. Derzeit sind mehr als ein halbes Dutzend Schiffe im Einsatz, um die Stahlrohre aus dem Hafen von Sassnitz auf Rügen zu den beiden Verlegeschiffen zu bringen.

Gazprom hat bereits für den Notfall vorgesorgt

„Die beiden Röhren werden garantiert fertiggestellt“, sagt Michail Krutikhin von der Beratung Rusenergy. Eigentlich gilt er als scharfer Kritiker des Projekts, wegen der immensen Kosten. Doch dass die Sanktionen rechtzeitig in Kraft treten, daran glaubt er nicht. Zumal Gazprom bereits für den Notfall vorgesorgt und ein eigenes Verlegeschiff, die „Fortuna“, auf Rügen in Stellung gebracht hat. Dieses sei in der Lage, den letzten Abschnitt fertig zu bauen – wenn auch nicht ganz so schnell wie die ausländische Konkurrenz.

Gleichzeitig verweisen Experten wie Krutikhin darauf, dass die neuen Sanktionen genügend Schlupflöcher böten: So werden den betroffenen Gazprom-Partnern 30 Tage Zeit eingeräumt, um die Arbeiten abzuwickeln. Zudem gelten die Beschränkungen lediglich für Arbeiten ab einer Tiefe von 30 Metern. Das würde bedeuten, dass die Bauarbeiten an den letzten rund 50 bis 70 Kilometern vor der deutschen Küste gar nicht mehr betroffen seien.

Moskau gibt sich gelassen

Die offizielle Reaktion des Kremls fiel jedenfalls überraschend moderat aus. Bisher hatten sich weder Wladimir Putin noch Außenminister Segej Lawrow direkt zu den neuen Sanktionen der US-Amerikaner geäußert. Stattdessen hatte Lawrow wenige Tage vor ihrer Veröffentlichung eine Audienz beim US-Präsidenten Trump. Putin dagegen telefonierte am Montag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Zukunft der neuen Pipeline. Details des Telefonats veröffentlichte der Kreml nicht.

Doch auch wenn sich das offizielle Moskau gelassen gibt, könnten die Sanktionen für Russland mittel- und langfristig ernsthafte Folgen haben. So verhandelt Gazprom aktuell mit dem ukrainischen Gasversorger Naftogaz über einen neuen Transitvertrag. Ende des Jahres läuft das alte Abkommen aus. Bisher ist die Ukraine eines der wichtigsten Transitländer für russisches Gas nach Europa. Wegen politischer Streitereien hatte Gazprom ursprünglich vorgehabt, mit Nord Stream 2 und der nun fertigen Turk-Stream-Röhre am Boden des Schwarzen Meeres die Ukraine zu umgehen.

Sanktionen treffen eher Turk Stream

Doch die Rechnung ging bisher nicht auf. Auch weil im Herbst das Gericht der Europäischen Union eine Sondergenehmigung für die OPAL-Leitung, eine Verlängerung der ersten Nord-Stream-Pipeline, wieder kassierte. Seitdem steht Gazprom nur noch 50 Prozent der Röhren zur Durchleitung zur Verfügung. Zwar hat der Konzern einen Weg gefunden, um legal etwa 70 Prozent nutzen zu können. Doch das reicht dem Monopolisten nicht. Zumal ähnliche Probleme bei der Eugal-Leitung drohen, die als Verlängerung von Nord Stream 2 gebaut wurde. Daher wird Gazprom wohl auf die Ukrainer zugehen müssen und einen Transfervertrag auf mehrere Jahre hinaus unterzeichnen. Ursprünglich wollten die Russen nur eine Übergangsperiode von 24 Monaten vertraglich zusichern.

Im Frühjahr noch hatte Gazprom-Chef Alexei Miller eine Erweiterung der beiden Turk-Stream-Stränge um noch zwei weitere Pipelines ins Gespräch gebracht: „Wenn die Nachfrage gegeben ist und Genehmigungen vorliegen, könnte ein solches Projekt durchaus stattfinden“, sagte Miller nach einem Treffen zwischen Russlands Präsident Putin und seinem türkischen Kollegen Erdogan. Zumindest diese Idee wäre mit den neuen US-Sanktionen bis auf weiteres vom Tisch. Bisher war Gazprom nicht in der Lage, solche Leitungen komplett im Alleingang zu legen.

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Maxim Kireev, Sankt Petersburg
Keywords:
Nord Stream 2 | Gazprom | Erdgas
Ressorts:
Governance | Markets
 

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