LNG-Markt
01.03.2019

Novatek: Anti-Gazprom aus dem hohen Norden

Foto: Yamal LNG
Auf der sibirischen Halbinsel Jamal betreibt Novatek gemeinsam mit Total (Frankreich) und CNPC (China) eine der größten LNG-Anlagen der Welt.

Russlands Erdgasriese Gazprom hat den Markt für Flüssigerdgas lange unterschätzt. Nun führt der private Konkurrent Novatek den Staatskonzern vor – bald auch mit einem LNG-Terminal in Deutschland.

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Groß wie ein Hochhaus ragt der mächtige Zylinder aus dem Labyrinth von Rohren. Schon bald wird der Tank gefüllt sein. Gleich daneben stehen die ersten Anlagen, die das Erdgas aus einer angrenzenden Pipeline verflüssigen und komprimieren werden. In diesem Frühjahr soll die LNG-Anlage im Hafen der russischen Stadt Wyssozk an der Ostsee in Betrieb gehen. Dabei wäre das Projekt vor gut einem Jahr fast gescheitert. Der alte Eigentümer, die Gazprombank – sie gehört zum Gazprom-Imperium – habe den Bau verschleppt und Chaos angerichtet, heißt es in Branchenkreisen. Gerüchte über einen Standortwechsel kamen auf. Bis im Sommer das private russische Gasunternehmen Novatek 51 Prozent der Anteile übernahm. Seitdem läuft alles nach Plan.

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Das dürfte auch in Rostock wohlwollend registriert werden. Denn parallel zu den letzten Arbeiten an seiner Anlage in Wyssozk hat Novatek zusammen mit dem belgischen Gaslogistiker Fluxys ein Gelände im Rostocker Hafen angemietet. Bis 2022 soll dort Deutschlands erstes Small-Scale-Terminal für LNG im Ostseeraum entstehen, das unter anderem Schiffe und Lkw mit dem Kraftstoff betanken kann. Etwa die Hälfte der geplanten Jahresproduktion aus Wyssozk von 660.000 Tonnen dürfte dann per Schiff  in Rostock anlanden. Auch Gazprom hatte vor zwei Jahren ein erstes LNG-Schiff in Rostock betankt, musste jedoch das Gas teuer per Lkw heranschaffen – eine PR-Aktion, die keine Fortsetzung fand.

Guter Draht zum Kreml

Die andere Hälfte der Produktion von Wyssozk ist für die finnische Gesellschaft Gasum reserviert. „Deswegen ist Wyssozk ein guter Deal für eine Firma, die auch den Bau stemmen kann“,  erklärt Kirill Lyats, der als Chef des privaten Unternehmens „Gorskaya LNG“ derzeit ein ähnliches Investment prüft. „Das kann Novatek im Vergleich zu Gazprom.“

(Lesen Sie auch: Chancen für deutsches LNG-Importterminal steigen)

Wer sich in der russischen Energiebranche nach Novatek umhört, bekommt allerdings nicht nur Lob zu hören. Mal soll der persönliche Draht der Aktionäre zu Kremlchef Wladimir Putin der Grund für den Erfolg sein. Mal heißt es, Novateks ausländische Partner Total aus Frankreich und CNPC aus China profitierten viel mehr von Novatek als Russland. Doch fast alle Kritiker erkennen an: Novatek ist gut darin, Ideen vom Papier in die Realität zu übertragen. Und mit Novatek hat kein mächtiger Staatskonzern, sondern ein relativ kleines, privates Unternehmen russischem LNG zum Durchbruch auf dem Weltmarkt verholfen – eine Art Anti-Gazprom. Das allein ist schon eine kleine Sensation in der russischen Energiebranche.

15 LNG-Tanker der Eisklasse hat Novatek bestellt. Die „Christophe de Margerie“
fährt bereits. Foto: Yamal LNG
Dabei sind die Projekte in Wyssozk und Rostock  fast Peanuts. Novatek investiert hier weniger als eine Milliarde Euro in ein Geschäft, dessen Erfolgsaussichten als fragwürdig  gelten. Das Terminal in Rostock zielt vor allem auf Endkunden, die das Gas direkt als Treibstoff nutzen. „Bisher hat die Politik in Deutschland noch nicht genug Anreize geschaffen, um Flüssiggas als Treibstoff für Schiffe oder für Lkw zum Durchbruch zu verhelfen“, erklärt Fares Kilzie, Chef der Moskauer Beratungsfirma Creon Capital. „Novatek rechnet damit, dass sich das ändert.“ Ähnlich sieht es Kyrill Lyats: „Die Zahl potenzieller Abnehmer steigt längst nicht so schnell wie vorhergesagt.“ Deswegen handele es sich in Rostock eher um ein Experiment.

(Lesen Sie auch: LNG in Deutschland – ein Kraftstoff sucht seinen Markt)

Doch solche Experimente kann sich Novatek derzeit leisten. Schließlich hat es sich gerade aus dem Stand zum größte LNG-Hersteller Russlands aufgeschwungen: Jamal LNG heißt das Megaprojekt, das dem Unternehmen zwischen Januar und September ein Umsatzplus von 43 Prozent auf umgerechnet 7,92 Milliarden Euro beschert hat. Vor einem Jahr startete die Anlage mit einer Jahreskapazität von 5,5 Millionen Tonnen. Im kommenden Jahr soll sie eine Gesamtkapazität von 17,5 Millionen Tonnen Flüssigerdgas erreichen.

Das Gas stammt von der sibirischen Jamal-Halbinsel. Das Projekt ist kaum angelaufen, gilt aber als schon weitgehend als Erfolg. Investoren trauen dem Unternehmen einiges zu. Im September überholte der Gasförderer in puncto Börsenwert sogar den staatlichen Platzhirsch Gazprom, der siebenmal mehr Gas fördert – und dennoch auf „nur“ 50 Milliarden Euro Börsenwert kommt.

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Keywords:
Novatek | Gazprom | LNG | Russland
Ressorts:
Governance | Markets

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