Grünes Gas
28.09.2019

Ökostromanbieter warnt vor voreiligem Wasserstoff-Ausbau

Foto: NOW GmbH
Deutschland muss auch auf erneuerbaren Wasserstoff setzen, um seine Klimaziele zu erreichen.

Die Regierung will grünes Gas massiv fördern. Vor dem Hype um Wasserstoff warnt jetzt Greenpeace Energy und fordert einen "energiewendefreundlichen Ausbau".

Wer sein E-Auto klimafreundlich betanken will, muss das mit Ökostrom tun. Dasselbe gilt auch für die Anlagen, die mit Strom elektrolytisch Wasserstoff gewinnen und diesen ins Gasnetz einspeisen oder per Power-to-Liquid (PtL) synthetischen Kraftstoff gewinnen.

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Doch das ist noch ineffizient und ziemlich teuer: Grünes Gas kostet pro Kilowattstunde derzeit etwa das Zehnfache von Erdgas. Wer grünen Strom für seine Wasserstoff-Elektrolyse haben will, muss sich eigentlich einen eigenen Windpark leisten können. „Damit das Gas wirklich grün ist, müssen die dafür nötigen Elektrolyseure auch mit grünem Strom laufen“, betont Marcel Keiffenheim von Greenpeace Energy bei der Vorstellung einer Studie des Beratungsunternehmens Brainpool Energy. Werde bei der Herstellung des Wasserstoffs hingegen Kohlestrom mit hohen CO2-Emissionen genutzt, „hilft dieser Wasserstoff dem Klimaschutz nicht, sondern befeuert die Klimakrise“, sagt der Leiter Politik und Kommunikation des Ökostromanbieters.

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Überschuss-Strom wird nicht genutzt

Als Ausweg verweisen Politik und Ökobranche gern auf grünen Überschuss-Strom: 2018 wurden rund 5,4 Milliarden Kilowattstunden Ökostrom abgeregelt. Aus dem hätten sich nach Angaben der Initiative „Zukunft Erdgas“ theoretisch bis zu rund 2,8 Milliarden Kilowattstunden synthetisches Methan erzeugen lassen. Diese Menge soll ausreichen, um den Wärmebedarf von etwa 165.000 Haushalten zu decken, also etwa einer Stadt in der Größe von Bonn.

Aber selbst davon ist Deutschland meilenweit entfernt. Derzeit sind bundesweit gerade einmal 35 Power-to-Gas- und Methanisierungs-Anlagen mit einer Leistung von rund 30 Megawatt in Betrieb. Sie erzeugen, gibt der Gasverein an, jährlich 50 Millionen Kilowattstunden grünes Gas. Das sind nicht einmal zwei Prozent der Menge, die möglich wäre, wenn man den abgeregelten Ökostrom voll ausnutzen würde.

"Politik vernachlässigt Ausbau der Wind- und Solarenergie"

Das wiederum ist weniger als ein Fingerhut voll – verglichen mit dem, was an Öko-Gas benötigt würde um Deutschland völlig zu dekarbonisieren. Der im Auftrag von Greenpeace Energy angefertigten Brainpool-Studie zufolge liegt der Bedarf an grünem Wasserstoff und daraus hergestellten Treibstoffen in einen hundertprozentig erneuerbaren Energiesystem bei jährlich 1.089 Terawattstunden (TWh), dem 20.000fachen der heutigen Erzeugung.

Sind dafür die immensen Mengen grünen Stroms künftig nicht verfügbar, haben die Verfechter einer Wasserstoffwirtschaft ein veritables Klimaproblem. Für Keiffenheim setzt die Bundesregierung mit ihrem aktuellen Klimaschutzpaket da völlig falsche Signale: „Zwar will sie endlich Wasserstoff fördern, zugleich vernachlässigt die Politik sträflich den Ausbau der Wind- und Solarenergie“, warnt er.

An Preisentwicklung an der Strombörse orientieren

Um das grüne Gas klimapolitisch nicht in Bedrängnis zu bringen, plädiert Greenpeace Energy aktuell für einen „energiewendedienlichen“ Ausbau der Wasserstoff-Elektrolyse. Die Anlagen sollten nur dann laufen und auch gefördert werden, wenn das energie- und volkswirtschaftlich Sinn macht und auf keinen Fall zu Zeiten eines hohen CO2-Ausstoßes im Strommix. Dazu könnte man sich, so der Vorschlag, an der Preisentwicklung an der Strombörse orientieren. Dort ist der Strompreis meist dann günstig, wenn der Anteil des erneuerbaren Stroms besonders hoch ist.

Nach Berechnungen von Greenpeace Energy könnten die Wasserstoff-Elektrolyseure dann um die 3.000 Betriebsstunden im Jahr erreichen, ohne dass sich deren Klimabilanz entscheidend verschlechtert. Damit sich die Erzeugung auch wirtschaftlich rechnet, müsste es nach Ansicht des Ökostromanbieters entweder eine Förderung geben oder es müssten bisher auf den Stromverbrauch zu zahlende Umlagen oder Abgaben erlassen werden.

Bis zu 115 Gigawatt an Elektrolyseuren wären wirtschaftlich

Würde ein solches Förderregime bis 2025 gelten, wäre ein Hochlauf der Erzeugungskapazität von grünem Wasserstoff von heute 30 auf rund 2.000 Megawatt möglich, ist sich Keiffenheim sicher. Aus industriepolitischer Sicht mache das absolut Sinn. Allerdings: „Kommt der schnelle Ausbau der Erneuerbaren nicht, wären wir nicht dafür, die Elektrolysierung massiv auszubauen, weil das dem Klimaschutz schadet“, so Keiffenheim.

Sehr langfristig würde sich in Deutschland bis zu 115 Gigawatt an Elektrolyseuren rechnen, prognostiziert Fabian Huneke von Energy Brainpool. In der Studie stellt das Beratungsunternehmen allerdings auch klar, dass selbst 1.089 Terawattstunden Wasserstoff und „synthetic fuels“ zur Dekarbonisierung Deutschlands nicht vollständig ausreichen. Zum Bedarf in Bereichen von Verkehr, Industrie und Wärmesektor, in denen fossile Energieträger nicht direkt durch grünen Strom ersetzt werden können, kämen weitere 959 Terawattstunden, um das heutige Stromsystem klimaneutral umzustellen. Alles in allem beziffert Huneke den Endenergiebedarf eines Deutschlands ohne Klima-Emissionen auf 1.600 Terawattstunden, etwa zwei Drittel des heutigen Verbrauchs.

Hohe Importquote bleibt notwendig

Diesen Bedarf allein aus eigenen Quellen zu decken, hält Huneke für eindeutig „utopisch“. Auch in einer erneuerbaren Energiewelt könne Deutschland nicht energieautark sein, sagt er. Der Studie zufolge müsste die Bundesrepublik 846 Terawattstunden, also etwas mehr als die Hälfte des künftigen grünen Energiebedarfs, künftig aus Importen decken.

Selbst diese knapp fünfzigprozentige Energieautarkie wäre in den Augen des Energieexperten aber ein Fortschritt. Denn gegenwärtig versorge sich Deutschland nur zu 30 Prozent aus eigenen Quellen mit Energie. Ein grünes Energiesystem würde also am Ende auch mehr Unabhängigkeit bedeuten.

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Jörg Staude
Keywords:
Wasserstoff
Ressorts:
Technology

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