Jahrelange Bemühungen, ein von großen Anbietern unabhängiges bundesweites E-Ladenetz zu schaffen, haben jetzt offenbar Erfolg: Im Mai 2019 hatte Frank Haney, Vorstand der Inselwerke-Genossenschaft mit Sitz im brandenburgischen Eberswalde, noch landauf, landab mit seiner Vision eines flächendeckenden, genossenschaftlichen und erneuerbaren E-Ladenetzes in Bürgerhand geworben. Zu der Zeit hielt sich die Zahl bürgergenossenschaftlicher Ladepunkte deutschlandweit mit schätzungsweise 50 noch in Grenzen.

Inzwischen scheint Haney mit den richtigen Partnern zusammengekommen zu sein. Noch vor Ende 2020 kam jetzt Bewegung in die Sache: Die großen Ökostromer EWS Schönau, Greenpeace Energy sowie Naturstrom gründen zusammen mit der GLS Bank einer Genossenschaft, um eine grüne Ladeinfrastruktur für E-Mobile zu schaffen, teilten die beteiligten Unternehmen am Montag mit. Die neue Genossenschaft namens "Ladegrün!" mit Sitz in Berlin will noch 2021 mehr als 100 Ladepunkte einrichten, 2025 sollen es bundesweit dann bis zu 4.000 sein.

Die drei Versorger liefern dazu den, wie es weiter heißt, "hochwertigem Ökostrom". Die neue Genossenschaft werde öffentliche E-Säulen errichten, aber auch "nicht- oder teil-öffentliche Ladepunkte" für Gewerbe, Wohngemeinschaften oder ökologisch orientierte Betreiber von E-Auto-Flotten.

Fünfter Teilhaber von "Ladegrün!" sind die Inselwerke, die über mehrjährige Erfahrungen beim Aufbau ökologischer Ladelösungen haben und derzeit rund 200 E-Ladepunkte selbst betreiben. "Für jeden Standort und jeden Kunden braucht es maßgeschneiderte Lösungen", erklärte Frank Haney, nunmehriger Gründungsvorstand von "Ladegrün!" heute.  Den Geschäftsbetrieb soll die in Gründung befindliche und für weitere Partner offene Genossenschaft im Februar oder März 2021 aufnehmen.

Im Markt für Ladeinfrastruktur, darauf hat auch Haney schon frühzeitig aufmerksam gemacht, sind derzeit vor allem konventionelle Energieversorger wie RWE und Shell sowie  Autohersteller wie Tesla aktiv. Dem wollen die Gründer von "Ladegrün!"mit der neuen Genossenschaft eine Öko-Alternative entgegensetzen. Der Ökostrom aus ihren Ladesäulen soll dabei, so der erklärte Wille, nicht teurer sein als der "klimaschädliche Graustrom", der aus den Ladesäulen der konventionellen Konkurrenz komme.

"Ladegrün!" solle ein Partner sein für alle, die für die eigene Mobilität und die ihrer Kundschaft klimafreundliche Lösungen suchen, erläuterte Naturstrom-Vorstand Oliver Hummel seinerseits. Obwohl der Lademarkt schon boomt, komme die Initiative seiner Ansicht nach noch nicht zu spät, sondern vielmehr zum richtigen Zeitpunkt. Die E-Mobilität werde gerade in den kommenden Jahren für immer breitere Bevölkerungsschichten relevant werden.

Öko-Alternative für E-Mobilisten

Es sei zwar richtig, so Hummel weiter, dass die bis 2025 angestrebten 4.000 Ladepunkte einen zunächst geringen Marktanteil ausmachten. "Doch das ist bei nachhaltigen Konsumgütern nicht unüblich, wie beispielsweise ein Blick auf den Strom- und Gasabsatz der beteiligen Energieversorger zeigt“, erklärt er.  Es gehe nicht darum, Marktführer zu werden, sondern darum "nachhaltige Lösungen für ökologisch orientierte Kunden auch für den Bereich der Elektromobilitätsinfrastruktur anzubieten, die Politik auch in diesem Themenfeld kritisch zu begleiten sowie eine Alternative zu den großen Mineralöl- und Stromkonzernen zu bieten".

Aus dem Blickwinkel sei auch der Entscheid zu verstehen, ein eigenes, unabhängiges Ladenetz aufzubauen. Für dieses wird nach Hummels Angaben „Ladegrün!“ einen einstelligen Millionenbetrag investieren. Selbstverständlich würden die beteiligten Ökoversorger auch gern jede bestehende Ladesäule mit Ökostrom beliefern – nur würden darüber eben die Inhaber oder die so genannten Charge Point Operators (CPO) entscheiden. Hummel: "Und das sind oft die großen konventionellen Energieversorger. Bei Ladestationen, die wir selbst bauen, können wir dies selbst entscheiden".

Auf den Hinweis, dass bei öffentlich geförderten E-Ladesäulen schon heute Vorschrift ist, ausschließlich Grünstrom anzubieten, verweist der Naturstrom-Vorstand darauf, dass die gesetzliche Definition von Ökostrom "extrem weit gefasst" ist. In den Ladestationen von "Ladegrün!" werde dagegen nur Ökostrom von Naturstrom, Greenpeace Energy oder EWS angeboten, der "deutlich höhere Nachhaltigkeitsanforderungen erfüllt."

Blick auf E-Ladesäule im Sommer auf der Insel Usedom
Auf der Insel Usedom in Mecklenburg-Vorpommer betreibt die Inselwerke eG seit Jahren ein E-Ladenetz, eines der ersten regionalen in Deutschland, an dem E-Autos zur "Tränke" fahren können. (Copyright: Staude)