Investitionen
21.12.2018

Öl- und Energiekonzerne: Sünder auf der Suche

Foto: Vatican Media
Spitzenvertreter von rund 40 Energie- und Finanzunternehmen hat Papst Franziskus im Sommer zu einer Audienz empfangen.

Klimawandel, Energiewende, Digitalisierung: Das Geschäftsmodell der etablierten Öl- und Energiekonzerne steht in Frage. Mit Investitionen in Start-ups tasten sich die Alten ins Neue vor.

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Für die Öl- und Energiekonzerne war 2018 ein schwieriges Jahr. Die Branche ist im Umbruch. Zum Jahresende fielen ihre Aktien erneut. Und dann las ihnen auch noch der Papst die Leviten: Das Stillen des wachsenden Energiebedarfs dürfe nicht zu einer Spirale aus weiteren globalen Temperaturanstiegen und neuer Armut führen, sagte Franziskus im Juni bei einer Konferenz zum Thema „Energiewende und Sorge für unser gemeinsames Haus“ im Vatikan. Zu den Teilnehmern gehörten die Chefs der Erdölkonzerne BP und Exxon, Bob Dudley und Darren Woods, sowie zahlreiche weitere Manager aus der Energie- und Finanzbranche.

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Fraglich ist, ob dies die Bosse von „Big Oil“ und „Big Money“ zum Umdenken bewogen hat. Zumindest aber scheinen die Ölkonzerne ihr altes Geschäftsmodell infrage zu stellen. Das zeigen Beteiligungen an Start-ups aus den Bereichen IT und erneuerbare Energien, etwa die von Shell am Batteriespeicherhersteller Sonnen, oder auch die Übernahme des E-Ladeinfrastrukturanbieters Chargemaster durch BP. Doch noch sind die Ölmultis nicht vom Saulus zum Paulus mutiert: Milliardenschwere Investitionen im Bereich fossiler Energien sprechen eher dafür, dass sie so lange wie möglich an ihren alten Geschäftsmodellen festhalten. Nebenbei wollen sie aber offenbar neues Know-how sammeln und dazulernen, um sich im schärfer werdenden Wettbewerb rechtzeitig zu positionieren.

Druck auf die alte Energiewelt

Die Gewinne der großen Ölkonzerne sprudeln bislang wie eh und je: Die fünf Branchenriesen Shell, BP, Exxon Mobile, Chevron und Total haben im Jahr 2017 zusammen etwa 53,6 Milliarden Dollar Gewinn gemacht und ihn im Vergleich zum Vorjahr fast verdreifacht. Der addierte Umsatz der fünf Ölmultis legte um fast ein Viertel zu – auf 1,1 Billionen Dollar. Und doch ist klar: Das Pariser Klimaabkommen wird auch ihr Geschäft einschränken, sind sie doch maßgeblich für die Treibhausgase mitverantwortlich. Die zunehmende Wettbewerbsfähigkeit der erneuerbaren Energien und die Entwicklung hin zu Elektroautos kommen hinzu. Druck kommt auch von Investoren: Versicherungskonzerne ziehen im Zuge von Divestments ihr Geld aus Unternehmen ab, die Geschäfte mit fossilen Energieträgern machen.

Die alten Ölkonzerne fangen daher an, sich in eine neue Energiewelt vorzutasten – allen voran Marktführer Royal Dutch Shell. So stieg der britisch-niederländische Milliardenkonzern beim Energie-Start-up Sonnen aus dem Oberallgäu ein. Die neue Finanzierungsrunde über 60 Millionen Euro wurde von Shell Ventures angeführt. Weitere Investoren beteiligten sich mit signifikanten Beträgen, darunter GE Ventures, der chinesische Energieversorger Envision Energy und Inven Capital, der Venture-Capital-Zweig des tschechischen Energiekonzerns CEZ Group.

Sonnen zählt zu den Marktführern bei Batteriespeichern. „Sie sind besser als andere in diesem Bereich“, sagt Mark Gainsborough, Leiter Shell New Energies. Im Interview mit dem Nachrichtenportal Energy Post beschreibt er eine Veränderung des Denkens im Konzern hin zu erneuerbaren Energien: „Wir sind uns bewusst, dass wir uns ändern müssen, wenn sich das Energiesystem verändert.“ Investitionen in Start-ups wie Sonnen sind für ihn mit Einblicken in neue Technologien und Geschäftsmodelle verbunden. Schließlich wolle man bis zum Ende des Jahrhunderts und darüber hinaus als Energieunternehmen relevant bleiben, sagt der Chef der Venture-Capital-Sparte von Shell.

Kampf um die E-Ladeinfrastruktur

BP und Chargemaster
E-Auto laden und dabei einkaufen: Der Ölkonzern BP sucht mit der Übernahme
von Chargemaster nach einem neuen Konzept für die Tankstellen. Foto: BP
Der Ölkonzern investierte in den vergangenen Jahren in eine ganze Reihe junger Unternehmen. Unter anderem in den niederländische Hersteller von Ladesystemen für Elektrofahrzeuge, New Motion, und das US-Start-up Ample, das Berichten zufolge autonome Batteriewechsel-Lösungen entwickelt. Konkurrent BP will in diesem Sektor nicht nachstehen: Im Juni übernahm der britische Mineralölkonzern Chargemaster, ein Start-up, dass in Großbritannien ein Netzwerk mit mehr als 6.500 Ladepunkten für Elektrofahrzeuge betreibt. Die Entwicklung von E-Ladetechnologien und -netzen sei ein wichtiger Teil der Strategie von BP, erklärt dazu Tufan Erginbilgic, Chef der BP-Service-Sparte „Downstream“. BP will mit Chargemaster eine eigene E-Ladeinfrastruktur an seinen Tankstellen hochziehen.

Das Motiv liegt für den Berater Jan-Philipp Sauthoff auf der Hand: Die Mineralölkonzerne können dadurch ihre Tankstellen-Infrastruktur auch in einer elektrifizierten Mobilitäts-Zukunft weiter nutzen. „Wenn weniger Benzin verkauft wird, weil beispielsweise ab dem Jahr 2028 dann bis zu 30 Prozent der Neuzulassungen in der EU Elektrofahrzeuge sind, muss man sehen, wie man die Kunden an die Tankstelle bekommt“, sagt der Leiter Energy Transactions bei Pricewaterhouse Coopers (PwC). Schließlich gehe es dort auch um das lukrative Einzelhandelsgeschäft. Dass dieses gut zu Ladestationen passt, haben inzwischen allerdings auch die klassischen Einzelhändler erkannt. Der Discounter Aldi Süd etwa installiert mittlerweile ebenfalls Ladesäulen auf seinen Parkplätzen. Die Frage, welche Anbieter von Ladeinfrastruktur letztlich die Nase vorn haben werde, ist für Sauthoff noch nicht entschieden.

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Keywords:
Erdölkonzerne | Energiekonzerne | Finanzen | Start-ups
Ressorts:
Finance

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