Noch nie erzeugte Windkraft in der deutschen Nord- und Ostsee soviel Strom wie 2020. Die auf See installierten knapp 7.800 Megawatt lieferten letztes Jahr nahezu 30 Terawattstunden, fünf mehr als 2019. Damit deckte die Windkraft zur See rund 5 Prozent der inländischen Stromerzeugung ab.

Zu verdanken ist der Rekord weniger einem Kapazitätszuwachs. 2020 stieg die gesamte Offshore-Leistung nur um ganze 250 Megawatt. Im zweiten Halbjahr ging dabei nicht ein einziges Windrad auf See neu ans Netz, wie Branchenvertreter am Donnerstag erklärten. Größtenteils war der Stromrekord also günstigen Winden zu verdanken.

Das hohe Stromangebot schlug sich wirtschaftlich kaum nieder, denn beim Verbrauch schlug die Pandemie zu und ließ den Großhandelspreis für die Kilowattstunde Offshore-Strom von rund 4 Cent zu Jahresbeginn auf nahezu ein Cent im April abstürzen. Im Laufe des Jahres erholte sich der Preis dann wieder auf etwa 4 Cent, bilanzierte Dennis Kruse von der Deutschen Windguard.

Ausbau bis 2030 eine Fieberkurve

Der künftige Ausbau von den derzeit 7,8 zu den 20 Gigawatt Offshore bis 2030, auf die sich Bund und Länder letztes Jahr geeinigt haben, gleicht im Chart des Windguard-Chefs einer Fieberkurve. 2021 geht voraussichlich keine einziges Projekt neu in Betrieb und bis 2024 passiert nicht viel mehr. Das Jahr 2025 soll dann gut 2 Gigawatt auf einmal beisteuern. So würde dann ein Zwischenziel von 10,8 Gigawatt erreicht – in den dann folgenden fünf Jahren sollen die zu 20 noch fehlenden 9,2 Gigawatt dazukommen. Vom gesamten Zubau soll die Ostsee ein Gigawatt abbekommen und die Nordsee den zehn Mal so großen "Rest".

Angesichts des zunächst kommenden "Ausbaulochs" trägt die Branche einige Sorgenfalten vor sich her. Heike Winkler vom Branchenverband WAB erinnerte daran, dass man 2015 noch gut 2 Gigawatt Offshore in einem einzigen Jahr zubaute - derzeit seien das 90 Prozent weniger. Und bis 2024 gebe es einfach zu wenig Bauaktivitäten, um den eingetretenen "Fadenriss" durchzuhalten, beklagte Winkler. "Wir wünschen uns, dass schon vor 2025 mehr gebaut werden kann." Dazu schlägt die Branche eine zusätzliche Ausschreibung. Es sei sinnvoll, jetzt einen Investitionsschub auszulösen und die "Ausbauspitze" von 2029 und 2030 nach vorn zu entzerren.

Nur zwei kleinere Flächen für Wasserstoff

In grünen Wasserstoff setzt die Branche noch keine großen Hoffnungen. Für Wasserstoff aus Offshore-Strom seien, so Winkler, erst zwei kleinere Meeresflächen in den Nordsee vorgesehen, die derzeit auch noch ohne Anschluss per Kabel oder Pipeline seien. Auch fehle nach wie vor ein regulatorischer Rahmen für den grünen Wasserstoff. Unklar sei auch, wieviel Wasserstoff überhaupt Offshore erzeugt werden soll.

Stefan Thimm vom Offshore-Bundesverband schaut schon jetzt vor allem auf die Zeit nach der Bundestagswahl im Herbst. Für die Monate danach hat die Branche einige Wünsche. Zunächst müssten die Ausbauziele in einer entsprechenden Raumplanung abgesichert werden. Thimm: "Es ist kein Geheimnis, dass der Platz für Offshore-Windanlagen im Meer begrenzt ist." Es gebe Interessenkonflikte zwischen Artenschützern, Fischern, Schiffahrt, Rohstoffgewinnung und Militär.

Zwar seien im Entwurf der Raumplanung, so Thimm, bis 2040 Vorrangflächen für Offshore im Umfang von 34 bis 41 Gigawatt vorgesehen. Das sei aber zuwenig, betonte Thimm heute. Die Branche rechnet mit einigem Flächenschwund, wenn die Gebiete dann konkret genehmigt werden sollen. Das könne in eine Situation münden, in der Deutschland die Ausbauziele verfehlt. Hier werde ein "Planungspuffer" benötigt, betonte Thimm.

Er wiederholte die Forderung der Branche nach "Differenzverträgen" (Contracts for Difference), die schon 2020 in dem von der Regierung beschlossenen Windenergie-auf-See-Gesetzes nicht berücksichtigt wurden. 

Offshore-Windpark in der Nordsee.
Mit dem Windenergie-auf-See-Gesetz wurde 2020 der Ausbau der Offshore-Windkraft neu geregelt - nicht zur vollen Zufriedenheit der Branche. (Copyright: iStock)