Interview Evonik
21.05.2019

„Ohne CO2-Preis bleiben viele gute Produkte in der Schublade“

Foto: Evonik
Stefan Haver leitet beim Essener Spezialchemieunternehmen Evonik den Bereich Corporate Responsibility.

Der Spezialchemiekonzern Evonik will seine Investitionen künftig mit einem Preis für CO2 lenken. Dies sei marktgetrieben, sagt Evonik-Manager Stefan Haver im Interview.

Herr Haver, Evonik zieht jetzt einen internen CO2-Preis zur Steuerung von Investitionen heran. Warum?

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Weil wir Nachhaltigkeit noch stärker in der Steuerung unseres Unternehmens verankern wollen. Dafür gibt es drei Hebel: Anreize, Innovationen und Investitionen. Wir denken, dass ein CO2-Preis in jeder dieser Dimensionen ein wirksames Steuerungsinstrument ist.

Ihren CO2-Preis setzen Sie mit 50 Euro je Tonne an. Recht hoch, oder?

Richtig, aber kalkuliert haben wir mit Blick auf die Zukunft und da sehen wir steigende Preise. Dabei orientieren wir uns auch an Einschätzungen von Weltbank, IWF und anderer Institutionen. Mit einem Preis von 50 Euro je Tonne bewegen wir uns eher in der Mitte des Spektrums.

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Wie soll der Preis wirken?

Lenkend. Jede Investition geht mit klaren Profitabilitätsanforderungen einher. Ein kalkulatorischer CO2-Preis kann ein wichtiges Entscheidungskriterium sein, um einzuschätzen, ob sich ein Projekt auch langfristig und in einem veränderten Marktumfeld rechnet.

Eine Solaranlage im verregneten Essen, die sich eigentlich nicht rechnet, wird mit einem CO2-Preis profitabel?

Das ist dann doch ein recht plakatives Beispiel, aber warum nicht? Es gibt immer Projekte, die bei allem ökologischen Nutzen an der Profitabilität scheitern. Und umgekehrt profitable Themen, die sich unter Klimagesichtspunkten als wenig attraktiv erweisen. Ein Preismodell verändert die Entscheidungsgrundlagen in die eine wie die andere Richtung. Das haben wir an konkreten Projekten durchgerechnet.

Ist Ihr CO2-Preis schon mehr als eine kalkulatorische Größe?

Nein. Es ist ein Kriterium auf einer ganzen Liste weiterer Faktoren. Wir müssen damit jetzt zunächst einmal weitere Erfahrungen sammeln. Dann werden wir sehen, wie sich das entwickelt. Auch die 50 Euro sind nicht in Stein gemeißelt. Der Preis soll atmen, sich entwickeln können, um dann zu sehen, wo er die sinnvollsten Anreize schafft. Wir werden in Zukunft auch an einer regionalen Ausdifferenzierung nach den weltweiten Regionen arbeiten, in denen wir tätig sind.

Weswegen?

Wir sind ein globales Unternehmen. Und wir erleben, dass fast überall auf der Welt über CO2-Bepreisung nachgedacht wird. Bis 2020 werden rund 75 Prozent unseres Umsatzes von unterschiedlichen CO2-Regimes abgedeckt sein. In Europa haben wir den Emissionshandel, in Schweden eine CO2-Steuer von 135 Euro je Tonne, Singapur bepreist Emissionen vom laufenden Jahr an mit zunächst fünf Dollar je Tonne und, und, und.

Sie treibt die Angst vor schärferen Regulierungen?

Überhaupt nicht. Unser CO2-Preis ist kein vorauseilender Gehorsam künftigen Klimagesetzen gegenüber. Unser Ansatz ist nicht regulierungsgetrieben, sondern marktgetrieben. Unsere Kunden fordern mehr Nachhaltigkeit von uns – weil sie ihren eigenen ökologischen Fußabdruck mit unserer Hilfe verkleinern wollen. Hinzu kommt: Die Sensibilität für Nachhaltigkeit ist weltweit gestiegen. Da sehen wir sehr gute Geschäftschancen.

Ein CO2-Preis ist da nicht kontraproduktiv, weil verteuernd?

Schauen Sie: Bei uns wie bei vielen anderen Unternehmen gibt es etliche ökologisch sinnvolle Lösungen, die erwiesenermaßen besser sind als konventionelle Vergleichsprodukte, die dann aber im Markt mit Preisnachteilen zu kämpfen haben. In einer Studie mit dem World Business Council Sustainable Development haben wir gezeigt, dass allein die konsequente Nutzung der jeweils besten vorhandenen Lösungen der Chemie rund 1,4 Gigatonnen CO2 jährlich bis 2030 einsparen würde. Natürlich wünschen wir uns entsprechende Marktanreize.

Es wird immer Unternehmungen und Produkte geben, die CO2-intensiver sind als andere.

Genau. Trotzdem können die CO2-intensiveren wichtig für den Klimaschutz sein, weil durch sie zum Beispiel in der Nutzungsphase massiv CO2 vermieden wird. Wenn die Emission von zehn Tonnen CO2 bei Unternehmen A zu Einsparungen von 100 Tonnen CO2 bei Unternehmen B führt, dann sollte sich das auch finanziell lohnen.

Ein Marktpreis für CO2 kann da helfen?

Das schafft zumindest einen Ausgleich dafür, dass der ökologische Fußabdruck eines Produkts in der Regel ungleichmäßig über unterschiedliche Wertschöpfungsstufen verteilt ist. Warum soll derjenige, der etwa eine Autobatterie zusammenbaut, als „grünes“ Geschäft gelten, der Zulieferer, der dazu zwingend erforderliche Komponenten beisteuert, aber nicht? Oft tragen die CO2-intensiveren den Rucksack für nachgelagerte Wertschöpfungsstufen. Das sollten wir nicht verteufeln. Viele dieser Vorleistungen werden wir auch in Zukunft dringend brauchen.

Gäbe es eine CO2-Steuer, wäre ihr interner Preis dann noch nötig?

Wenn sich das weltweit durchsetzen würde, wäre das Thema wohl obsolet. Dafür hätten wir durchaus Sympathien. Alles, was einen fairen Markt für CO2 schafft, ist gut. Die Alternative wären eher planwirtschaftliche Instrumente mit starren Taxonomien, „green- und „brown lists“ oder fixen Emissionskontingenten. Das wird komplexen Wertschöpfungsketten unseres Erachtens kaum gerecht. Im Zweifel würden dann gerade die Ermöglicher klimafreundlicher Lösungen abgestraft. Mit dem Effekt, dass viele gute Produkte in der Schublade blieben.

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Interview: Thomas Wischniewski
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