Der Zeitenwechsel ist beim Pariser-Autosalon mit Händen zu greifen. Der Abschied vom Diesel und der zweite Anlauf für Elektroautos sind ausgerufen. Schon im Dezember 2014, ein Jahr vor Dieselgate, hatte die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo angekündigt, bis zum Jahre 2020 ein generelles Verkaufsverbot für Dieselautos zu erlassen. Das tut Not: Die Luft in Paris ist wie in anderen europäischen Ballungszentren drückend; Stickdioxide belasten die Gesundheit von Bürgern und die Umwelt. In einem aufsehenerregenden Urteil hat das Düsseldorfer Verwaltungsgericht jüngst die Einhaltung der von der EU vorgegeben Umweltstandards eingefordert – notfalls durch Fahrverbote für Diesel-Pkw. 

Es gab schon einmal ein regelrechtes Dieselpartikel-Drama, das einst mit Fahrverboten für Diesel-Pkw ohne Partikelfilter entlang der Landsberger Straße in München begann. In der Folge wurden Umweltplaketten eingeführt und Diesel ohne Partikelfilter ausgegrenzt. 

Das Drama scheint sich zu wiederholen – allerdings mit schlimmeren Folgen. Die echten Testwerte moderner Diesel-Pkw sind im Gegensatz zu den geschönten Laborwerten sehr ernüchternd. Ein wirksamer Schutz zur Einhaltung der Stickoxid-Emissionen ist weit und breit nicht in Sicht. Das Fachmagazin Auto, Motor und Sport hat just zur Pariser Autoshow die echten Stickoxid-Emissionen von neuen Pkw mit der Euro-6-Norm publiziert. Ergebnis: BMW X5, Opel Mokka, Renault Espace, Renault Megane, Seat Leon, Volvo XC 90 – keiner konnte auch nur ansatzweise den NOx-Grenzwert von 0,08 Gramm pro Kilometer einhalten. Die Modelle mit der neusten Abgasreinigungstechnik scheiterten. Einzig der VW Tiguan konnte im Stadtbetrieb den Grenzwert erfüllen. Das klingt nach Dieselgate fast zynisch.

Die Branche muss schnell umsteuern, sonst droht der ganz große Ärger mit Verwaltungsgerichten. In Paris ist das zu spüren. Die Branche ist nicht wiederzuerkennen. Ähnlich wie die Pechmarie bei Frau Holle stehen die Dieselfahrzeuge am Rande. Die Chefs von Audi, BMW, Mercedes und VW schwärmen von ihren Elektroautos, die in zwei oder drei Jahren bei den Händlern stehen sollen. Dieselben Chefs wirkten in den Vorjahren bei dem Thema noch lustlos. Doch sie wissen jetzt: Der zweite Anlauf für das Elektroauto muss klappen. Soeben hat sich der Bundesrat dafür ausgesprochen, dass in Europa ab 2030 keine neuen Diesel und Benziner mehr zugelassen werden sollen. Solch ein Verbot würde in der Praxis gut funktionieren und die Entwicklung hin zum Elektroauto beschleunigen.

Herbstmessen wie Paris geben üblicherweise einen Vorgeschmack auf die Autos, die im nächsten Frühjahr zu kaufen sind. Diesmal geht es um Autos, die in drei Jahren zu haben sein sollen. Mit einer Ausnahme: Tesla. Elon Musk hat mitten zur Automesse aus Palo Alto seine Verkäufe im ersten Halbjahr gemeldet: 24.500 Model S und Model X Fahrzeuge wurden Kunden übergeben. Im zweiten Halbjahr 2016 kann mit 50.000 neuen Tesla-Elektroautos gerechnet werden. Paris zeigt, dass die Autobauer jetzt auf der richtigen Spur fahren. Einzig das Tempo dürfte – aus Sicht vieler Verwaltungsrichter – noch zu gering sein. 

Über den Autor: Ferdinand Dudenhöffer, seit vier Jahren regelmäßiger bizz-energy-Kolumnist, hat gerade ein lesenswertes Buch über die Zeitenwende in der Autoindustrie (Titel „Wer kriegt die Kurve?“) geschrieben, das im Campus-Verlag erschienen ist. Der Autor ist Direktor des CAR-Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen sowie Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen.

Beim Pariser Autosalon zeigt Opel sein neues Elektroauto Ampera. In der französischen Hauptstadt sollen ab 2020 keine Diesel mehr zugelassen werden dürfen. (Foto: Opel)