Das inzwischen geflügelte Wort vom Wasserstoff als "Champagner der Energiewende"  ist in aller Munde. Auch der Chef der Stiftung Klimaneutralität, Rainer Baake, verwendete das eingängige Bild im Oktober 2020, als seine Denkfabrik zusammen mit Agora Energiewende eine Studie für ein klimaneutrales Deutschland bis 2050 präsentierte. Den Ausdruck hatte Claudia Kemfert, Energieexpertin beim  DIW Berlin, zuvor in die öffentliche Debatte eingebracht - unter anderem in einem Interview im Juni 2020.

Wörtlich setzte Baake noch eins drauf: Der grüne Wasserstoff sei der "ganz teure Champagner der Energiewende". Der Einsatz des grünen H2 soll aus seiner Sicht deshalb auf die Bereiche begrenzt werden, in denen es keine brauchbare Alternative gebe: Industrieprozesse, Fliegen und Schifffahrt.

Für Baake sollte auch kein H2-Molekül in den Straßenverkehr gehen. Lkw müssten sich mit Batterien oder Oberleitungen begnügen. Auch vom Wärmemarkt war bei ihm nicht die Rede. Einzig den Einsatz von Wasserstoff in sogenannten Backup-Kraftwerken befürwortete Baake, um das auf Sonne und Wind basierende Stromnetz stabil zu halten.

Von einem so eingehegten Einsatz wollen die Spitzenpolitiker von Union, SPD und FDP so gut wie nichts wissen. Das zeigte eine weitgehend virtuelle Debatte von vier Parteivorsitzenden auf der laufenden Jahrestagung des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) am Dienstag.

Für die letzte Debattenrunde der geladenen Vier - Habeck (Grüne), Laschet (CDU), Lindner (FDP) und Walter-Borjans (SPD) - servierte Arnt Baer, beim Versorger Gelsenwasser für Public Affairs zuständig, die Frage: Wann entscheide sich Deutschland dafür, Wasserstoff "groß" zu denken und den "grünen Wasserstoff-Champagner zu Leitungswasser" zu machen? Baer hatte zuvor den Einsatz von Wasserstoff im Gasnetz dahingehend gelobt, dass dieses steuerbar und sicher sei und ein Dutzend Millionen Kunden quasi schon auf H2 warteten.

Wasserstoff soll "groß" gedacht werden

FDP-Chef Christian Lindner bedauerte in seiner Replik die "restriktive“ Champagner-Debatte generell und setzte sich dafür ein, "so bald als möglich" Wasserstoff im Wärmemarkt zu nutzen. Es gelte, Wasserstoff zu einem "Leitenergieträger" zu machen. Dabei müsse man, so Linder, europäisch denken. Die Milliarden, die im Rahmen des Green Deal mobilisiert werden, müssten auch für den Ausbau der Energie-Infrastruktur ausgegeben werden, insbesondere für Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe.

CDU-Vorsitzender Armin Laschet plädierte wie Lindner für eine europäsiche Kooperation. "Wir werden in Deutschland nicht so viel grüne Energie herstellen können, wie wir sie für die Wasserstofftechnologie brauchen." Der Bedarf sei viel, viel größer. Laschet erscheint dabei vorteilhaft, dass Wasserstoff über Schiffe und Pipelines transportierbar ist. Das eröffne neue Partnerschaften und Kooperationen mit den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens wie auch den Anrainerstaaten des Mittelmeeres. Das könne am Ende ein Innovationsprojekt bis hinein in jedes einzelne Stadtwerk werden, schlug Laschet den Bogen zur Jahrestagung.

Auch SPD-Chef Norbert Walter-Borjans sprach davon, Wasserstoff "groß" zu denken. Als Beispiel dafür nannte er die letztes Jahr beschlossene nationale Wasserstoffstrategie. Man müsse sich beim Einsatz aber konzentrieren. So habe Wasserstoff in der Stahlindustrie den stärksten Klimaeffekt - eine Tonne H2 vermeide dort 26 Tonnen CO2, sagte er. Umgestellt werden müssen für Walter-Borjans auch Verkehrsbereiche. Es sei aber nicht effizient, Wasserstoff in "kleine Gefäße" wie Pkw zu gießen.

Im Wärmebereich sprach sich Walter-Borjans dafür aus, übergangsweise auch Erdgas einzusetzen, weil der Aufbau einer grünen Wasserstoff-Infrastruktur mit Tankschiffen, Pipelines und Offshore-Leitungen viel Zeit beanspruche. Dabei ermöglichten es seiner Ansicht nach, noch nicht fertiggestellte Pipelines wie Nordstream 2 später auch Wasserstoffgemische zu transportieren. "Wir müssen grünen Wasserstoff haben, das aber heisst nicht, dass wir solange warten, bis alles hundertprozentig geht", so Walter-Borjans.

Allein der grüne Parteichef Robert Habeck wollte den Wasserstoff-Champagner nicht so stark verwässern. Für ihn sind die aktuellen Wasserstoff-Vorhaben, wie sie derzeit zum Beispiel mit abgeregeltem Windstrom laufen, mehr oder weniger nur "Schaufenster“-Projekte. Aus Habecks Sicht fehlt hier eine systematische Reform des Energiewirtschaftsrechts, um den erneuerbaren Überschuss-Strom für innovative Prozesse wirklich verfügbar zu machen. Das sei bisher nicht angegangen worden und ein Versagen der letzten beiden Bundesregierungen. Da würden Millionen Kilowattstunden Ökostrom verschenkt.

Habeck goß ein wenig Wasser in den Champagner und beharrte darauf, dass Wasserstoff nur dann ein guter Energieträger sei, wenn andere klimaneutrale Möglichkeiten nicht genutzt werden können. Wegen der schlechten Effizienz von grünem Waserstoff aufgrund der doppelten Umwandlung brauche man für diesen die doppelte Menge an erneuerbarer Ausgangsenergie.

Auch für den grünen Vorsitzenden ist Deutschland am Ende darauf angewiesen, Wasserstoff aus dem Ausland zu beziehen – die nötige Infrastruktur aufzubauen werde aber sehr lange dauern. Deutschland konkurriere da auf einem internationalen Markt. Das werde vergleichsweise ziemlich teuer. Insofern müsse man, so Habeck weiter, den Wasserstoffeinsatz auf Branchen wie Stahl oder auf Antriebe begrenzen, bei denen eine Elektrifizierung nicht funktioniere. Alles mit Wasserstoff zu machen, hieße aufs falsche Pferd zu setzen, sagte Habeck. Das gilt für ihn auch für den Wärmemarkt.

Moderatorin Astrid Frohloff dirigierte die Runde der Parteichefs: Robert Habeck (Bündnis 90/Grüne), Christian Lindner (FDP), Norbert Walter-Borjans (SPD) und Armin Laschet (CDU). Direkt konnten die Vier nicht auf die Einlassungen des Andern reagieren. (Copyright: VKU/Till Budde)