Finanzkolumne
21.08.2012

Power to the People

Warum Kernkraftwerke in ganz Europa heute nur noch Auslaufmodelle sind. Eine Kolumne von unserem Finanzexperten Gerard Reid.

Als die Bundesregierung gleich nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima den beschleunigten Atomausstieg verkündete, wurde dies in der angelsächsischen Welt gern als „emotionaler Schnellschuss“ bezeichnet.

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Doch inzwischen sind auch kühl kalkulierte betriebswirtschaftliche Argumente für einen Atomausstieg evident – nicht nur in Deutschland. Bei Großhandelspreisen von 50 Euro pro Megawattstunde (MWh) rechnen sich neue Kernkraftwerke nicht, weder in Deutschland, noch im übrigen Europa. Kurz vor seinem Amstantritt stellte der neue RWE-Chef Peter Terium klar, dass seine ausländischen Konzerntöchter selbst bei Preisen von 60 Euro pro MWh keine neuen Nuklearanlagen bauen werden; dazu sei ein Börsenpreis von deutlich über 100 Euro pro MWh erforderlich.

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Zudem sind die Kosten für Neubauten in den letzten Jahren geradezu explodiert. Bestes Beispiel: der französische Reaktor Flamanville 3, der 2016 in Betrieb gehen soll, vier Jahre später als ursprünglich geplant. Die Kosten pro installiertem Megawatt (MW) Leistung liegen bei 3,7 Millionen Euro. Zum Vergleich: Der französische Reaktor Fessenheim nahe der deutschen Grenze kostete 1978 inflationsbereinigt rund eine Million Euro pro MW. Als das nordfranzösische Kernkraftwerk Chooz im Jahr 2000 ans Netz ging, hatten sich die Kosten bereits auf rund zwei Millionen Euro pro MW verdoppelt.

Im Gegensatz dazu wurde Solarstrom im gleichen Zeitraum viel günstiger. Die Investionskosten für ein Megawatt installierter Leistung sind von hundert auf unter zwei Millionen Euro gefallen. Der Trend zu mehr Ökostrom und zu dezentraler Energieversorgung ist unumkehrbar. In Deutschland besitzen Privatpersonen Ökostromanlagen mit insgesamt 22 Gigawatt installierter Leistung, das entspricht in etwa 22 Kernkraftwerken und ist das Doppelte der gesamten Öko-Kapazität von Großbritannien. Im Gegensatz dazu kommen die großen Vier Eon, RWE, Vattenfall und EnBW zusammen gerade mal auf vier Gigawatt. Eon baute sogar mehr Öko-Kapazität in Großbritannien als in Deutschland. Warum? Antwort: Deutsche Photovoltaik-Anlagen zum Beispiel versprachen lange nicht jene zweistelligen Renditen, die Stromkonzerne mit ihrem eingesetzen Eigenkapital erzielen wollen. Aber für private Haushalte war die Ausbeute attraktiv genug. Heute liegt darum viel mehr Stromerzeugung in der Hand von Privatpersonen als vor 15 Jahren. Es gilt das Motto: Power to the People.

An der Energiebörse EEX in Leipzig zeigt dieser Trend Wirkung. Die Marge zwischen dem höchsten (peak) und dem niedrigsten (load) Strompreis ist so gering wie nie zuvor. Die knapp 30 Gigawatt installierter Solarleistung drücken den Großhandelspreis, insbesondere zur Mittagszeit. Während sich die energieinten-sive Industrie in Deutschland darüber freut, trauern die Trader von Eon, RWE und Co.

Außerhalb von Deutschland bewerten zwar manche Beobachter die Energiewende als waghalsig, um nicht zu sagen – verrückt. Doch was wirklich zählt ist dies: Viele ausländische Investoren sind gern bereit, den deutschen Umbau der Energieinfrastruktur zu bezahlen. Warum? Deutschland gilt als Stabilitätsanker inmitten der Eurokrise. Genau den suchen ausländische Investoren. Vorausgesetzt, sie finden einen sicheren und transparenten Regulierungsrahmen wie im Solarmarkt. Als Folge werden auch jene 20 Milliarden Euro nach Deutschland strömen, die für neue Stromtrassen gebraucht werden, um insbesondere Onshore-Windenergie zu transportieren. Konzerne wie der russische Riese Gazprom und der staatliche Netzbetreiber China State Grid warten nur darauf, in die deutsche Infrastruktur zu investieren.

Einen Vorgeschmack auf die Zukunft bot im Mai die australische Investmentbank Macquarie, als sie einen Teil des Eon-Gasnetzes für 3,2 Milliarden Euro kaufte. Auch angelsächsische Kapitalgeber werden bei der Energiewende mitspielen. Deutsche sowieso. Für die Finanzwelt beginnt eine spannende Dekade.

Gerard Reid
Keywords:
Banken und Finanzinvestoren | Endlager | Kernenergie | AKW | Atomkraftwerk
Ressorts:
Finance

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