Grünes Gas
27.08.2019

Power-to-X: Wissenschaftler warnen vor falschen Hoffnungen

Foto: Patrick Langer, KIT
Eine Versuchsanlage stellt Kraftstoffe aus Kohlendioxid der Luft, Wasser und Ökostrom her.

Wissenschaftler raten davon ab, nur auf grüne Brennstoffe zu setzen. Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe seien ein wichtiger Baustein der Energiewende, aber ohne deutliche Effizienzfortschritte nicht praktikabel.

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Fraunhofer-Experte Eichhammer hegt zudem grundsätzliche Bedenken gegen eine Auslagerung der Ökostromerzeugung. Das führe nicht nur zu einer massiven Abhängigkeit von Importen, auch Umweltauswirkungen würden verlagert. Aber selbst Wüstenregionen, wo nach allgemeiner Lesart genug Fläche für Wind und Sonne vorhanden ist, seien "empfindliche Ökosysteme", so Eichhammer.

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Ihre Nachteile machen synthetische Kraftstoffe laut Dossier drei bis sechs Mal teurer als Erdgas. Julia Repenning vom Ökoinstitut veranschlagt den aktuellen Preis für Ökostrom-Fuels auf 20 bis 30 Cent pro Kilowattstunde. 2030 könnten es möglicherweise 10 bis 20 Cent sein. Das sei aber ein "sehr ambitioniertes Ziel" bei der Kostendegression. Zum Vergleich: Bei Benzin kostet die Kilowattstunde im Schnitt sechs Cent.

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PtX auch volkswirtschaftlich teurer

Laut einer Studie, die das Ökoinstitut für das Bundesumweltministerium Anfang 2019 anfertigte, ist der verstärkte Einsatz von PtX auch volkswirtschaftlich teurer. Eine Strategie, die zuallererst auf Energieeffizienz baut, erbringt demnach über alle Sektoren gesehen allein im Jahr 2030 Kosteneinsparungen von 7,4 Milliarden Euro. Ein Konzept, das dagegen vor allem auf synthetische Kraftstoffe setzt, bedeutet jährliche Mehrausgaben von 1,6 Milliarden Euro, so Schumacher.

Rundweg lehnen die Kritiker den Grünes-Gas-Pfad aber nicht ab: "Nicht Power-to-X ist schlecht, sondern die Überlegung, das heutige System mehr oder weniger Eins zu Eins auf Power-to-X umzustellen", sagt Eichhammer. Er fordert deswegen, zunächst den Primärenergieverbrauch in Deutschland zu halbieren. "Das ist der erste Schritt, um den künftigen Energiebedarf überhaupt mit Erneuerbaren zu decken", so der Experte.

Effizienztechnologien wirkungsvoller

Der Physiker fragt sich auch, wo ab 2050 die großen Mengen an Kohlenstoff herkommen sollen, die für eine PtX-Strategie nötig sind. "In einer Welt, wo wir 95 Prozent des CO2 reduziert haben, ist nicht ganz klar, wo dieser Kohlenstoff herkommen soll", sagt Eichhammer. Denn C02, dass als "Abfallgas" beispielsweise in der Stahlherstellung anfällt, stünde in einer klimaneutralen Welt nicht mehr zur Verfügung. Insofern müsse der für PtX benötigte Kohlendioxid aus der Luft genommen werden, zum Beispiel mit dem Direkt-Air-Capture-Verfahren. Diese Art der CO2-Gewinnung verschlechtere allerdings den Wirkungsgrad.

Den Einsatz von PtX hält der Fraunhofer-Experte ohnehin erst dann für nötig, wenn wir von einer 80- zu einer 95-prozentigen CO2-Reduktion kommen wollen. Aber auch dann sollten grüne Gase exklusiven Anwendungen vorbehalten sein: dem internationalen Luft- und Schiffsverkehr, der industriellen Prozesswärme und der Chemikalienproduktion.

Die Autoren sehen in Politik und Wirtschaft die falsche Hoffnung keimen, der "großskalige Einsatz" von PtX könne "Eins zu Eins unser heutiges System erhalten". Wer diesem Glauben anhänge, verschenke wertvolle Zeit für Effizienz. Für Martin Jänicke vom IASS würden grüne Brennstoffe noch weit hinter Effizienztechnologien herhinken. Grüne Gase könnten am Ende nicht mehr leisten, als die „Lücke“ abzudecken, die Energieeffizienz und die direkte Nutzung erneuerbaren Stroms lasse.

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Jörg Staude
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Keywords:
Wasserstoff | Power-to-X | E-Fuels
Ressorts:
Technology

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