Studie
11.09.2019

PPAs wenig geeignet für Erneuerbaren-Ausbau

Foto: Naturstrom AG
Die Windkraft ist in der Krise. Auch PPAs werden den Ausbau nicht voranbringen.

Power Purchase Agreements werden für den Windenergiemarkt immer wichtiger. Doch die privaten Stromabnahmeverträge eignen sich offenbar nicht dafür, massenhaft neue Anlagen zu bauen, wie eine Analyse zeigt.

Rund 260 Kilometer liegen die beiden Windräder auseinander: die 1,5-Megawatt-Anlage von Johannes Bentfeld im Windpark Paderborn-Dahl und die 600-Kilowatt-Anlage von Dedo Behrends nahe dem Küstenort Carolinensiel bei Wittmund in Ostfriesland. Gemeinsam haben sie aber zwei Dinge: Zum einen gingen sie vor dem Jahr 2000 ans Netz und verlieren demnächst ihre EEG-Förderung. Zum anderen ist bei beiden Windrädern der Weiterbetrieb vorerst gesichert, jedenfalls für einige Jahre.

Anzeige

Mit den Eignern hat das Ökoenergieunternehmen Naturstrom jetzt einen Langfrist-Stromliefervertrag geschlossen, ein so genanntes Purchase Power Agreement (PPA). Die 600-Kilowatt-Anlage von Behrends im Ostfriesischen ist seit 1996 in Betrieb. Heutzutage ist die fünf- bis siebenfache Leistung Standard. Dennoch traut Behrends seiner Anlage noch Einiges zu. Sie könne „noch eine ganze Weile weiterlaufen und günstig Strom produzieren“, meint der Landwirt. Das PPA schaffe dabei Sicherheit fürs Post-EEG-Zeitalter. So sieht es die Naturstrom AG. Doch können diese Verträge auch öffentliche Vergütungsmechanismen wie das EEG für Neuanlagen ersetzen?

Anzeige

Sichere Erlöse für Post-EEG-Anlagen

Nach Angaben von Naturstrom fällt ab Ende 2020 insgesamt Windenergie mit einer Leistung von rund 4.000 Megawatt aus der EEG-Förderung. Den Strom müssen die Betreiber dann selbst verkaufen – an der Börse oder an Abnehmer aus Industrie, Gewerbe oder an Energieversorger. Dafür fehlt gerade Windkraftpionieren oft die Zeit und das Know-how.

Vor allem den älteren Post-EEG-Anlagen sollen die Langfristverträge sichere Erlöse für bis zu fünf Jahren sichern, auch um die nötigen Investitionen in eine verlängerte Laufzeit zu finanzieren, schreiben Nils May und Karsten Neuhoff vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer Analyse. Doch um massenhaft neue Windkraft-Anlagen zu bauen, eignen sie sich May und Neuhoff zufolge nicht. Daran hapert es ja gerade in Deutschland.

Mehr Risiken lassen Kapitalkosten steigen

Übernehme ein Versorger mittels langfristigem PPA das Strompreisrisiko, könne er dieses nicht immer weitergeben. Der Grund: Stromverträge mit privaten Haushalten liefen maximal zwei Jahre und mit Industriekunden drei bis fünf Jahre. Mehr Risiken ließen aber die Kapitalkosten steigen, was gerade bei den kapitalintensiven erneuerbaren Energien die Gesamtkosten deutlich erhöhe, so die DIW-Experten.

Auch für energieintensive Industrien, die auf grünen Strom umsteigen wollen, sind PPAs wenig brauchbar, heißt es weiter. Setzten große deutsche Stahlunternehmen oder Versorger wie EnBW, RWE, Eon und Uniper allein auf PPAs, um auf 100 Prozent erneuerbare Energien umzusteigen, würde das ihre Finanzkraft weit übersteigen. Alles in allem beziffert das DIW die Mehrkosten bei den privat-abgesicherten langfristigen Stromverträgen auf etwa 29 Prozent im Vergleich zur sicheren EEG-Vergütung. Für 2030 entspreche das einer Summe von rund drei Milliarden Euro pro Jahr.

Potenzial von PPAs zu begrenzt

Nach Ansicht von May und Neuhoff ist das Potenzial von PPAs zu begrenzt, um den Ausbau der Erneuerbaren darauf aufzubauen. Sie berufen sich auch auf die Berater von Aurora Energy Research, die ausgerechnet haben, dass private PPAs nur ein Zehntel des bis 2030 vorgesehenen Öko-Zubaus ermöglichen.

Auch nach Ansicht von Naturstrom-Vorstand Oliver Hummel können PPAs für Neuanlagen das EEG-System zwar ergänzen, es aber mittelfristig nicht ersetzen. „Das gilt besonders für kleinere Anlagen. Aber auch bei Wind- und großen Solarparks werden PPAs das EEG nicht im Handstreich ablösen“, sagt Hummel.

Entscheidender für ihn ist, dass der Börsenstrompreis am Terminmarkt im langfristigen Trend eher nach oben zeigt. „Nur dann ist es für Unternehmen attraktiv, zumindest einen Teil ihres Strombedarfs durch langfristige Verträge mit Ökostromanlagen abzudecken“, so Hummel. Aber auch die Finanzierer von Ökostromprojekten müssten sich auf PPAs einstellen und damit umgehen, dass sich die Risiken im Vergleich zum EEG-System erhöhten.

Entwicklung des Strompreises entscheidend

Anders liegen die Dinge für den Naturstrom-Vorstand bei den PPAs für Altanlagen. Diese Windräder müssten ihre Investitionen nicht mehr einspielen. Außerdem sei mit einer deutlich kürzeren Vertragslaufzeit zu rechnen als bei Neuanlagen. Es gebe zudem noch keine Erfahrungen, wie lange Ökostromanlagen nach mehr als 20 Jahren Betriebsdauer noch weiterlaufen könnten.

Für den Weiterbetrieb von Altanlagen bleibe aber letztlich die weitere Entwicklung des Strompreises entscheidend, erklärt Oliver Hummel. Falle dieser, bestehe ein erhebliches Risiko, dass ein großer Teil dieser Anlagen nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden könne. Deutschland würde sich dann noch weiter von seinen Klimaschutzzielen entfernen. „Die Bundesregierung geht in dieser Sache voll auf Risiko, indem sie allein dem Markt vertraut und keinerlei Plan B entwickelt. Im Sinne der Energiewende heißt es daher: Daumen drücken für stabile Börsenstrompreise“, sagt der Naturstrom-Vorstand mit ironischem Unterton.

"Echter" Ökostrom aus Altanlagen

Naturstrom wie auch andere Anbieter hoffen allerdings auch, mit dem Weiterbetrieb der Altanlagen endlich genügend frei verfügbaren Ökostrom in die Leitungen zu bekommen. „Ab 2021 wird endlich Windstrom für die Belieferung von Endverbrauchern zur Verfügung stehen. Bislang finden die Ökostromerzeugung in Deutschland und die Energiebeschaffung für Ökostromtarife in Parallelwelten statt“, so Hummel.

Er spielt damit auf dem Umstand an, dass der allergrößte Teil des in Deutschlands verkauften Grünstroms über Herkunftsnachweise „erzeugt“ wird und sich viele Anbieter nur dadurch unterscheiden, ob sie sich die Nachweise europaweit oder aus inländischen Quellen besorgen. Damit könnte es dank der Direktverträge bald teilweise vorbei sein – im Sinne des Kunden, der mehr und mehr am Bezug echten Ökostroms interessiert ist.

Lesen Sie auch: „Der Innovationsmotor Windkraft stottert“

Lesen Sie auch: PPA: Lichtblick für alte Windenergieanlagen

Jörg Staude
Keywords:
Power Purchase Agreement | Windenergie | EEG
Ressorts:
Markets

Neuen Kommentar schreiben

 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen