Flexibilisierung
25.05.2016

Ringen um Lösung für Grünstrom-Stau

Foto: Wikipedia/Sandri Alexandra, Wikipedia/Dirk Ingo Franke
Energiewendeminister Robert Habeck will Ökostrom-Überschüsse verkaufen anstatt sie abzuregeln.

Schleswig-Holsteins grüner Energiewendeminister Robert Habeck plant, nicht benötigten Windstrom künftig durch zuschaltbare Lasten ins Netz einzuspeisen.

 

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Um Akzeptanz für die hohen Ausbauziele für Grünstromanlagen in Schleswig-Holstein zu schaffen, will der grüne Energiewendeminister Robert Habeck zusammen mit Branchenvertretern und der norddeutschen Wirtschaft eine Klausel für zuschaltbare Lasten ins EEG schreiben. Einen entsprechenden Vorschlag will das Bündnis bei der Konferenz der Ministerpräsidenten zum EEG am kommenden Dienstag vorlegen.

Damit will der Grünen-Politiker einem Vorstoß von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) etwas entgegensetzen. Gabriel hatte gefordert, in den norddeutschen Bundesländern nur noch halb so viel Windkraftleistung ausschreiben lassen, wie im Durchschnitt der vergangenen drei Jahre neu entstanden ist. Der Grund: Im windreichen Norden wird besonders oft Wegwerf-Ökostrom produziert wird, der zwar bezahlt werden muss, aber wegen zu schwacher Netze nicht eingespeist und abtransportiert werden kann.  Indem der Ausbau von Windrändern an Land gebremst wird, will Gabriel die Mehrkosten für den Stromverbraucher stoppen.

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Versteigerung von Überschuss-Strom

Im Jahr 2015 wurden in Schleswig-Holstein 200 Millionen Euro für Ökostrom gezahlt, der nie verbraucht wurde. Die Mehrkosten entstehen, wenn mehr regenerativer Strom produziert wird als Bedarf besteht. Damit die Versorgung stabil bleibt, müssen die großen Netzbetreiber in Deutschland die Leistung der Grünstrom-Anlagen, überwiegend Windmühlen, dann drosseln. Dennoch bekommen Windparkbetreiber Geld für den von ihnen produzierten Ökostrom. Mit dieser Regelung wollte der Gesetzgeber damals Investitionssicherheit schaffen.

Habeck und seine Mitstreiter argumentieren, es sei besser, lieber kein Geld auszugeben, für Strom, der nicht genutzt wird. Stattdessen sollte der Überschuss-Ökostroms ins Netz eingespeist und verkauft werden.
Ihr Vorschlag sieht nun vor, dass bestimmte Stromverbraucher im Fall der „Überproduktion“ von Ökostrom durch den Netzbetreiber zugeschaltet werden. Sie sollen diesen Strom verbilligt kaufen können. Dabei schwebt Habeck ein Preis zwischen drei und vier Cent pro Kilowattstunde vor. Die Strommengen sollen von den Netzbetreibern mittels Auktionen vergeben werden. Für sie könnten damit laut einem aktuellen Gutachten der Stiftung Umweltenergierecht und des Fraunhofer ISI Entlastungen von bis zu 100 Millionen Euro jährlich entstehen.
Profitieren würden von der Regelung theoretisch alle, die Strom flexibel einsetzen könnten. Beispielsweise Produzenten von Wasserstoff, Elektromobilität und andere Speicherformen für Erneuerbare.

Die Auswirkungen auf den Stromverbraucher sind schwer absehbar. Nach Angabe der Studienautoren ändert sich an den Kosten praktisch nichts.

 

Kein Ersatz für Netzausbau

Matthias Boxberger, Vorstandsvorsitzender der Hansewerk AG in Quickborn, hält das Lastmanagement trotz technischer und politischer Schwierigkeiten für durchaus machbar. Boxberger plädiert dafür, den Überschussstrom sinnvoll zu nutzen, indem die großen Stromverbraucher in Schleswig-Holstein und Hamburg für die Nutzung des flexibel anfallenden Ökostroms gewonnen werden. Das sei allerdings kein Ersatz für den dringend notwendigen Netzausbau, betont er. 
Denn das Zuviel an Ökostrom liegt auch daran, dass der Netzausbau nicht mit dem Zubau neuer Windanlagen Schritt gehalten hat.

Ob Habeck sich mit seinem Vorstoß durchsetzen kann, wird sich voraussichtlich am kommenden Dienstag entscheiden. Dann will das Bündnis aus der grünen Landesregierung und 60 Unternehmen aus Hamburg und Schleswig-Holstein den Vorschlag auf dem Ministerpräsidententreffen zur EEG-Reform einbringen. Energiewendeminister Habeck ist optimistisch, dass das Instrument tatsächlich in der neuen Novelle Platz findet. „Das ist uns bei den vorangegangenen Verhandlungen zugesagt worden“, sagte Habeck diese Woche in Berlin.

 

Abschaltbare Lasten schon gesetzlich geregelt

Derweil hat das Bundeskabinett am Mittwoch die Novelle der umstrittenen Verordnung zu abschaltbaren Lasten verabschiedet. Abschaltbare Lasten von Industriebetrieben sollen für ein stabiles Stromnetz sorgen. Die industriellen Verbraucher erhalten eine Entschädigung, wenn sie ihren Stromverbrauch für einige Minuten drosseln. Bislang waren abschaltbare Lasten sind ein Nischenprodukt für stromintensive Konzerne: Lediglich vier Unternehmen aus der Chemie- und Aluindustrie nutzen bisher das Instrument, schrieb die Bundesnetzagentur im Herbst 2015. Durch die Novelle der Verordnung wird die Bereitstellung der Last künftig ausgeschrieben. Dadurch  sollen mehr Unternehmen zum Zug kommen und es könnte endlich so etwas wie Wettbewerb entstehen – beispielsweise müssen stromintensive Betriebe künftig nicht mehr mindestens 50 MW Abschaltleistung anbieten, 10 MW sollen reichen. Dennoch bleibt die Verordnung in der Branche umstritten

Jana Kugoth
Keywords:
Robert Habeck | Schleswig-Holstein | Hamburg | zuschaltbare Lasten | Lastmanagement | Speicher | Industrie | Ökostrom-Überschüsse | Windkraft | EEG-Novelle
Ressorts:
Governance

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