Elektromobilität
07.02.2020

Vor dem Sturm – der Wandel in der Autowelt

Foto: Volkswagen AG
Das VW-Werk in Braunschweig wird zum Zentrum für Batteriesysteme.

In der Autobranche wandelt sich die Arbeitswelt radikal. Viele Jobs, die am Verbrennungsmotor hängen, fallen bald weg – nicht jeder kann E-Antriebe bauen. Ein Werkstattbesuch.

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Gerade ist Schichtwechsel. Metallgeruch liegt in der Luft. Ein kleiner Roboter verschraubt Ölabscheider, in enger Abstimmung mit den Menschen ringsum. Neben einer alten Anlage aus den Neunzigern liegen "neue Einrüstungen", so groß wie halbe Fußballfelder. Vieles ist reserviert für neue Antriebe, 1200 Mitarbeiter wurden qualifiziert.

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Gleichwohl seien moderne Verbrenner lange nicht am Ende, argumentiert der Werkschef: "Es gibt Effizienzreserven." Zahlreiche Methoden - Zylinder-Abschaltsysteme, eine besondere Wasserkühlung, Ölpumpen mit reduzierter Reibung - haben die eigenen Ingenieure entworfen. Doch inzwischen sitzen vier von fünf Entwicklern an Elektro-Komponenten.

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Vergangenheit und Zukunft unter einem Dach

VW ID.3
Im Werk Zwickau läuft bereits die Fertigung des Elektroautos ID.3.
Foto: Volkswagen AG
Herz jeder E-Maschine sind die Rotoren und Statoren, bewegliche und feste Teile, die die elektromagnetische Kraft zur Wandlung von elektrischer in Antriebsenergie nutzen. Einmal fertiggestellt, kommen sie aus Salzgitter ins Getriebewerk Kassel, wo das Komplettaggregat entsteht. Danach geht es weiter zur ID.3-Montage nach Zwickau.

Jens Falkenberg, Leiter der Rotor-Stator-Fertigung, steuert heute die Produktion. "Bis zum Ende des Jahres wollen wir auf voller Kapazität sein", kündigt er an. Dann soll die Zahl der Einheiten von 200 auf 2000 Stück pro Tag erhöht sein. "Man muss ein Gefühl dafür bekommen", sagt Falkenberg. "Und die Erfahrungen der Kollegen mit einfangen."

Das Wissensreservoir der Diesellinien sei groß, meint Tobias Heitmann (48). Er ist seit 1990 in Salzgitter, lernte Industriemechaniker, wurde Technischer Sachbearbeiter. "Ich bin jetzt seit zwei Jahren dabei", sagt er über seinen Sprung in die E-Mobilität. Vorher fertigte er Kurbelgehäuse oder Zylinderköpfe. Mike Gleiss (47), ursprünglich Industrieelektroniker, ist heute Elektroniker für Informations- und Systemtechnik, mit vielen Berührungspunkten zu den Software-Grundlagen. "Es ist für die Zukunft", erklärt er.

Zellfertigung - "Was macht ihr da?"

Nebenan in Halle 3 wirkt die Szenerie aufgeräumt, beinahe klinisch sauber. Das muss auch so sein, denn hier hat sich wirklich eine neue Welt breitgemacht: Volkswagens Pilotfertigung von Batteriezellen. Eine noch überschaubare Gruppe baut seit kurzem Lithium-Ionen-Akkus für Prototypen, aktuell schafft sie um die 50 Stück pro Schicht.

Nicht alle sind aus dem Konzern, Verfahrenstechniker oder Chemiker lassen sich schwer finden. Alex Tornow, promovierter Maschinenbauer, kam von außen. "Deutschland hat in der Forschung gut nachgearbeitet", meint der 35-Jährige zur hohen Abhängigkeit von Zelllieferanten aus Asien. "Jetzt geht es darum, Erfahrungen im Unternehmen zu streuen."

Die Linie erinnert auch optisch kaum mehr an das, was man sich unter einer Autofabrik vorstellt. Sie mutet eher an wie eine Mischung aus Chemie-, Papier- und Chipwerk. Das Material für die hauchdünnen Batterie-Elektroden wird zunächst angemischt. Dann erhalten die Teile ihre Beschichtung, werden zugeschnitten und zu Zellen zusammengebaut. 125 Elektrodenblätter bilden einen Zellstapel, 24 Zellen ein Modul, beispielsweise 12 Module eine Batterieeinheit. In Braunschweig kommt diese schließlich zusammen mit der Steuerung ins Systemgehäuse.

Alena Husung (30) startete als Industriemechanikerin, nun steht sie am Fenster des abgeschotteten, grell ausgeleuchteten Reinraums. Als Anlagenführerin war sie am Aufbau einer Linie zur speziellen Beschichtung von Oberflächen beteiligt, wurde auf das Zellprojekt aufmerksam. "Dann ging es steil weiter." Schulungen in Wolfsburg, Praktika in China. Heute fragten ehemalige Kollegen: "Was macht ihr da?" Die Neugier wachse, so Thomas Przyklenk (35). Der Elektroniker für Automatisierungstechnik wollte selbst mehr, schloss ein Studium mit Schwerpunkt E-Mobilität an. "Da begann meine Transformation."

Die Nagelprobe kommt erst noch

Ernst wird es zur Jahreswende 2023/24. Dann ist der Produktionsanlauf der neuen Zellfabrik angepeilt, die VW mit dem schwedischen Partner Northvolt demnächst auf der noch freien Nordfläche des Werksareals baut. Mittelfristig sollen in Salzgitter über 1000 Jobs entstehen. Ähnliches plant der PSA-Konzern mit seiner deutschen Tochter Opel und dem französischen Batteriehersteller Saft in Kaiserslautern.

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Keywords:
Elektromobilität | Autokonzerne | Volkswagen
Ressorts:
Technology | Markets
 

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