Atomkraft
07.08.2019

Russlands Energiezukunft ist nuklear

Foto: Rosatom
Das schwimmende Kernkraftwerk Akademik Lomonossow fährt bald in den Nordosten Russlands.

Zwar gibt es ein Programm für erneuerbare Energien. Doch in erster Linie setzt Russland auf die Kernenergie – zum Beispiel auf das schwimmende Atomkraftwerk Akademik Lomonosow.

Wenn es nach Wladimir Iriminku geht, dann steht Russland kurz vor einem nuklearen Durchbruch. „Es ist für mich wie der erste Flug mit einer Rakete“, sagt der Russe. Als er von der freien Stelle auf dem ersten schwimmenden Atomkraftwerk gehört hat, habe er seinen Job in einem russischen Atommeiler an Land gekündigt. Er wolle dabei sein, wenn das erste AKW auf dem Seeweg etwa 5000 Kilometer Richtung Osten aufbricht, um die Hafenstadt Pewek und die Region Tschukotka im äußersten Nordosten Russlands mit Wärme und Strom zu versorgen.

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Noch liegt die Akademik Lomonosow – halb Schiff halb Kraftwerk – in einem Hafen bei Murmansk, Europas nördlichster Großstadt. Die beiden Reaktoren, die insgesamt 70 Megawatt (MW) Leistung bringen, laufen schon. In knapp zwei Wochen soll die Reise beginnen. Kein einziges Land der Welt hat bisher eine solche Technologie im Einsatz. Auch in Russland war das Projekt umstritten. Zu teuer, sagten Wirtschaftsexperten. Zu riskant, die Umweltschützer. Über die Kosten des Projekts hält sich das russische Staatsunternehmen Rosatom bedeckt.

Putin schwärmt von der Kernfusion

Für Iriminku sind das alles keine Gründe an dem Projekt zu zweifeln. Das Kraftwerk sei nach dem Fukushima-Unfall nachgebessert und von internationalen Kommissionen unter die Lupe genommen worden. Gleichzeitig könne es bei einem solchen Pilotprojekt noch nicht um wirtschaftlichen Gewinn gehen, dazu bräuchte es eine Serienproduktion. „Für mich hat Atomkraft mittelfristig auf jeden Fall eine Zukunft“, resümiert der Rosatom-Mitarbeiter.

Damit liegt er auf einer Linie mit Russlands Präsident. Erst kürzlich verglich Wladimir Putin den Atomausstieg mit dem Wunsch „sich Felle überzuziehen und wieder in Höhlen zu leben“. Windräder würden Vögel töten und Würmer aus der Erde treiben. Zwar hat Russland vor einigen Jahren auch ein Programm zur Entwicklung erneuerbarer Energien gestartet. Die Beratungsgesellschaft Vygon Consulting geht jedoch davon aus, dass der Beitrag der Erneuerbaren zur Energiebilanz im Jahr nur ein Prozent betragen werde. Stattdessen schwärmt Putin von der Kernfusion, an der in Russland gearbeitet werde.

Große Pläne für das Ausland

Und so treibt Russlands Staatskonzern den Bau neuer Reaktoren nicht nur in Russland voran. Im Inland werden demnächst zwei neue Kraftwerke bei Sankt Petersburg und Woronesch zwei alte Meiler ersetzen. Im vergangenen Jahr startete zudem der Bau des AKW Kursk-2. Noch größer sind die Pläne im Ausland: China, Indien, Türkei und Weißrussland gehören zu den Kunden von Rosatom. In Weißrussland wird noch in diesem Herbst ein neuer Reaktorblock in Betrieb genommen. Ende Juni meldete Rosatom den Baustart für PAKS-2 in Ungarn. Auch EU-Land Finnland soll ein neues Kraftwerk aus russischer Produktion bekommen, allerdings stockt dort das Genehmigungsverfahren.

Auch durch Erkenntnisse internationaler Experten lassen sich Russlands Atomkraftbefürworter nicht beirren. Erst kürzlich stellten Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus Berlin fest, dass Atomkraftwerke nicht rentabel seien und nur dank staatlicher Subventionen existierten. Für Russland ist die Atomindustrie jedoch einer der wenigen Wirtschaftszweige, in dem das Land mit internationalen Konzernen konkurrieren kann.

"Die nächste Generation soll kleiner werden"

Die Akademik Lomonosow soll dieses Exportpotenzial weiter stärken. „In Russland mit seinen großen Entfernungen und entlegenen Rohstoffvorkommen ist so ein mobiles Kraftwerk auf jeden Fall sinnvoll“, erklärt Kirill Toropow, Direktor des schwimmenden Kraftwerks. Auch Länder in Asien und Lateinamerika hätten Interesse bekundet. Wüstenstaaten könnten eine solche Anlage zur Entsalzung vom Meereswasser nutzen. „Die nächste Generation schwimmender Kraftwerke soll noch kleiner werden und mit 100 MW Leistung mehr Strom und Wärme liefern“, sagt Toropow. „Diese wollen wir dann ausländischen Käufern anbieten“.

Dass das Projekt weitergeht, scheint ohnehin gesichert. Schließlich muss die Akademik Lomonosow nach 12 Jahren zur Wartung nach Murmansk zurück. Spätestens dann braucht es ein zweites Kraftwerk, dass sie für eine Zeit ersetzen kann. Insgesamt geht Rosatom von einer wirtschaftlich sinnvollen Nutzung der Technologie bei sechs schwimmenden Kraftwerken und einem Ersatzkraftwerk aus.

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Maxim Kireev, Sankt Petersburg
Keywords:
Russland | Atomkraft | Kernenergie
Ressorts:
Governance | Technology

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