Es war ein historischer Spatenstich. Dreißig Jahre nach der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl begann kürzlich der Bau eines Atomkraftwerks in Finnland – mit russischen Krediten, mit russischer Technik und durch einen russischen Projektbetreiber, die staatliche Atomgesellschaft Rosatom. Am bottnischen Meerbusen, nördlich der Ortschaft Pyhäjoki mit seinen knapp 3.000 Einwohnern fräsen sich jetzt Baggerschaufeln in den einst bewaldeten Boden. Eine Zufahrtsstraße wurde bereits im vorletzten Jahr gebaut. Wenn alles nach Plan läuft, sollen ab 2024 zwei Reaktoren des Typs WWER-1200 Atomstrom ins finnische Netz einspeisen. Sechs bis sieben Milliarden Euro kostet das Projekt insgesamt, von denen etwa zwei aus dem russischen Nationalen Wohlfahrtsfonds stammen.

Das neue Kernkraftwerk ist ein Coup für die Russen, denn eigentlich hatte die finnische Betreibergesellschaft Fennovoima einen ganz anderen Wunschpartner: den deutschen Eon-Konzern. Doch als sich Eon nach der Fukushima-Katastrophe und dem von der Bundeskanzlerin verkündeten Atomausstieg aus dem Projekt zurückzog, sprangen die Russen dankbar ein. Sie übernahmen die 34 Prozent Eon-Anteile an Fennovoima. Dann begann eine Zitterpartie. Anwohner sammelten Unterschriften und blockierten Baumaschinen, weil sie keinen Atomreaktor in ihrem nordfinnischen Küstenidyll dulden wollten, schon gar keinen mit russischer Technik. Die Hauptstadtpresse und Oppositionspolitiker in Helsinki kritisierten das Projekt, weil man sich damit in jahrzehntelange Abhängigkeit von Russland begebe. Im Parlament gab es immer wieder Streit um die Zustimmung.

 

In Finnland konkurrieren Russen und Franzosen

Rosatom seinerseits holte den ehemaligen Chef der finnischen Atomaufsichtsbehörde Jukka Laaksonen als Vize-Präsident seiner Auslandsaktivitäten ins Boot und fand mit der Energiegesellschaft Fortum einen weiteren finnischen Investor. Schließlich bekam das Projekt Ende 2015 doch grünes Licht und Russlands Präsident Wladimir Putin sagte voller Stolz:  „Ungeachtet aller Versuche, das Vorhaben zu sabotieren, hat das finnische Parlament, was mich persönlich überrascht hat, eine feste Entscheidung getroffen.“ Putin sehnt eine Renaissance der russischen Atomwirtschaft herbei. Das Bauvorhaben in Finnland ist ein wichtiges Puzzelteil in der Unternehmensstrategie des nuklearen Staatskonzerns Rosatom. Einerseits konkurriert das russische Projekt mit einem Vorhaben des französischen Unternehmens Areva, das an anderer Stelle im Land bereits in der Umsetzung steckt. Nicht ohne Probleme, denn die Kosten explodierten von drei auf neun Milliarden Euro, während der Bau mindestens sieben Jahre hinter dem ursprünglichen Plan steckt. Die Russen wittern ihre Chance, im direkten Vergleich besser dazustehen und anderswo Exportaufträge zu ergattern.

Der Schlachtplan zum atomaren Wiederaufstieg reifte im Kreml Mitte der 2000er-Jahre, als die Einnahmen aus Öl-und Gasexporten sprunghaft stiegen. Der Mann, der es für Wladimir Putin richten sollte, hieß Sergej Kirijenko. Der hatte sich 1998 im Alter von nur 35 Jahren schon mal im Sessel des Premierministers versuchen dürfen, scheiterte jedoch damals nach wenigen Wochen am unabwendbaren Staatsbankrott. Als junger Reformer bekam er nun eine zweite Chance und wurde 2005 Chef der russischen Atombehörde. Kirijenko formierte in wenigen Jahren einen mächtigen Staatskonzern, ließ einst privatisierte Uranförderer, Anlagen- und Maschinenbauer zurückkaufen. Rosatom hieß der neue Riese. „Unser Ziel ist die Wiedergeburt des sowjetischen Atomministeriums unter marktwirtschaftlichen Bedingungen”, erklärte der neue Rosatom-Chef Kirijenko damals kurz nach seinem Amtsantritt.

 

Atomenergie ist bei Putin Chefsache

Seitdem ist Atomenergie in Russland Chefsache. Präsident Putin ist bei jedem Reaktorstart persönlich dabei und bei potenziellen Partnern im Ausland fühlt er oft persönlich vor. Meist sind es Entwicklungsländer wie Bangladesch oder Ägypten, die Interesse zeigen. Aber auch mit der Türkei und Ungarn wurden bereits Verträge unterschrieben, Brasilien und Südafrika verhandeln noch. Bei seinem letzten Treffen mit Regierungschef Dmitri Medwedew bezifferte Rosatom-Chef Kirijenko das Auftragsportfolio aus dem Ausland mit 300 Milliarden Euro.

Viele dieser Aufträge existieren bisher nur auf dem Papier. Doch ein erfolgreiches Projekt in einem EU-Staat wie Finnland könnte diesen Plänen Aufschwung geben. Die Logik ist klar: Wenn schon finnische Aufsichtsbehörden nichts zu beanstanden haben an russischer Kerntechnik, dann könnte der Makel von Tschernobyl endlich zu den Akten gelegt werden. Damals, im April 1986, endete ein simulierter Stromausfall am Reaktor wegen einer Mischung aus Fahrlässigkeit und Bedienfehlern in einer Kernschmelze und der Freisetzung riesiger Mengen Radioaktivität. Zehntausende Menschen mussten umgesiedelt werden, Tausende starben an den kurz- und langfristigen Folgen der Verstrahlung. In der Bundesrepublik nahm die Abkehr von der Kernkraft ihren Lauf.

 

Tschernobyl wird verdrängt

Russlands Atombefürworter würden diese Episode gerne wie einen alten Albtraum vergessen. Am dreißigsten Jahrestag der Katastrophe Ende April würdigte Putin nur die unmittelbaren Opfer der Katastrophe und die Aufräumarbeiter mit einem knappen Telegramm. Andere Politiker nutzten den Jahrestag zu Sticheleien gegen die Ukraine, auf deren Territorium heute Tschernobyl liegt. Viele von der Katastrophe mittel- und unmittelbar Betroffene fühlen sich immer mehr im Stich gelassen, von einem Staat, der mit Atomkraft vor allem eine glänzende Zukunft verbindet und nicht Zehntausende Todesopfer, die der Unfall über Jahre gefordert hat. Branchenexperten beteuern dennoch, dass die Lektion gesessen hat. „In den vergangenen zehn Jahren gab es keine nennenswerten Vorfälle in einem russischen Kernkraftwerk“, erklärt Leonid Bolschow, Leiter des Moskauer Instituts für Sicherheit der Atomenergie. Er selbst war vor 30 Jahren nach der Tschernobyl-Katastrophe als Wissenschaftler bei der Liquidation dabei – und macht für den Unfall vor allem den sowjetischen Technikglauben verantwortlich: „Es gab die Meinung, man könnte ein AKW ohne Risiko auf dem Roten Platz bauen“, sagt Bolschow. „Entsprechend gab es kaum Spezialisten für Havarien und auch die Erfahrungen in anderen Ländern wurden links liegen gelassen.“

Allerdings habe sich „die ganze Industrie seit dieser Zeit grundsätzlich gewandelt“, erklärt Bolschow. Viel Geld sei in Modernisierung, in neue Sicherheits- und Kontrollsysteme geflossen. Sicherheitsbehälter um den Reaktor wurden verstärkt und Auffangbecken für den Fall einer Kernschmelze installiert. Zudem setze Russland heute auf die weltweit üblichen Druckwasser-Reaktoren, die prinzipiell als weniger anfällig gelten als die Graphit-Wasser-Reaktoren von Tschernobyl. Allerdings: Wladimir Tschuprow, Leiter des Energieprogramms bei Greenpeace Russia, hält solche Argumente für trügerisch. „Die heutigen Nuklearexperten sind wie Generäle, die sich für einen längst vergangenen Krieg rüsten“, sagt er. Eine Katastrophe wie Tschernobyl werde es wohl nicht geben, aber die Technik biete andere Schwachstellen, wie etwa die Bedrohung durch Terrorismus. „Auch das Problem der Abfälle ist technisch nicht gelöst. Der einzige Weg ist, sie zu vergraben“. Ohnehin werde die Atomenergie in Russland mit Subventionen und Vorteilen überschüttet, die ihre wahren Kosten verdeckten. 

Das war freilich nicht immer so. Nach dem Tschernobyl-Unfall und insbesondere nach der Auflösung der Sowjetunion fiel die einst mächtige Branche in einen Dornröschenschlaf, nicht nur wegen der anhaltenden Wirtschaftskrise in Russland, sondern auch wegen des geringem Rückhalts für neue Projekte in der Öffentlichkeit. Waren zwischen 1970 und 1990 25 neue Reaktorblöcke ans Netz gegangen, wurden in den nächsten 15 Jahren lediglich drei Anlagen aus der Sowjetzeit fertig gebaut. Auch die drei größten Exportprojekte im Iran, in Indien und China, die in den 1990er-Jahren angeschoben worden waren, stammten noch aus der kommunistischen Ära.

 

Der Mammutplan von Sergeij Kirijenko

Putins Günstling Kirijenko sollte das Ruder herumreißen. Er präsentierte auch tatsächlich vollmundig einen Mammutplan, der sich zunächst voll auf den Inlandsmarkt konzentrierte. 32 neue Reaktorblöcke mit je einem Gigawatt Leistung sollten bis 2020 entstehen, etwa so viele wie in der gesamten Sowjetzeit. Der Anteil von Atomenergie in der Stromerzeugung sollte um zwei Drittel steigen, von damals 15 auf rund 25 Prozent. „Wir rümpfen unsere Nase vor internationalen Ausschreibungen und wollen uns auf Russland konzentrieren“, erklärte Kirijenko.

Tatsächlich kam es jedoch genau umgekehrt. „Dieser Plan war von Anfang an aberwitzig und wohl auf den jugendlichen Eifer des neuen Chefs von Rosatom zurückzuführen“, erklärt Bulat Nigmatulin, der zwischen 1998 und 2002 Russlands stellvertretender Atomminister war und zu den größten Verfechtern der Atomenergie gehört. Die deutsche Energiewende hält er für eine Frage der Religion und nicht der Vernunft, die Diskussion in Deutschland sei „voll von Propaganda“. Doch auch mit der eigenen Atomwirtschaft geht Nigmatulin hart ins Gericht. Als die damaligen Pläne bekannt wurden, schrieb er einen Brandbrief an Kirijenko und warf ihm vor, die Staatsführung hinters Licht zu führen. „Gemessen an unserem Wirtschaftswachstum hätten wir niemals so viele neue Reaktoren gebraucht“, erklärt der Branchenkenner heute. Er rechnet vor, dass in den kommenden Jahren vielleicht sechs neue Reaktoren gebraucht werden, um alte Anlagen, darunter auch jene vom Tschernobyl-Typ, zu ersetzen. Man könnte heute von einem Versagen sprechen, denn von den geplanten Anlagen wurden nur drei Reaktoren fertiggestellt.

 

Kernkraft und Waffen als wichtige Exporgüter

Der Anteil der Atomenergie am Strommix stieg lediglich von 15 auf 17 Prozent. An fünf weiteren wird aktiv gebaut. In der Umsetzungsphase kommt es immer wieder zu erhöhten Kosten und Verzögerungen beim Bau, weil Subunternehmer pfuschen. „Technisch sind russische Anlagen auf der Höhe der Zeit, beim Projektmanagement gibt es allerdings großen Nachholbedarf“, sagt Ex-Minister Nigmatulin. Allerdings: Abseits der Umweltschützerszene ist Atomenergie in Russland weitgehend unumstritten. Die Staatsmedien präsentieren die Branche als innovativ. „Nuklearanlagen sind neben Waffen die einzigen nennenswerten Technologieexporte aus Russland“, erklärt Ex-Minister Nigmatulin. Kirijenko stellt er heute, trotz vehementer Kritik in der Vergangenheit, insgesamt ein gutes Zeugnis aus: „Er und sein Team haben in den Jahren dazugelernt und bauen keine Luftschlösser mehr. Gleichzeitig konnten sie viele Ressourcen lockermachen, was der Branche gut tut“, erklärt der Experte. Zwischen 2009 und 2015 pumpte der Staatshaushalt allein zwanzig Milliarden Euro an Investitionen in die Kassen von Rosatom. Auch sei es richtig, sich auf den Export zu konzentrieren. „Wir haben die industrielle Kapazität um zwei Reaktoren pro Jahr zu bauen und deren Abnehmer finden sich nur im Ausland, zumal die Rubelabwertung unsere Exporteure konkurrenzfähiger macht.“

Interessanterweise benutzen russische Atom- skeptiker ähnliche Argumente wie Nigmatulin, jedoch mit anderen Vorzeichen. „Ich frage mich, warum so viel Steuergeld in eine Branche gesteckt wird, aus der sich die meisten entwickelten Staaten verabschiedet haben”, kritisiert Wladimir Milow, Leiter des Instituts für Energiepolitik. Er vergleicht die Investitionen mit einer Brücke ins Nirgendwo. „Auch die zahlreichen Exportprojekte von Rosatom werden mit billigen Krediten aus der russischen Staatskasse finanziert, was die Rentabilität der Projekte für den russischen Haushalt insgesamt infrage stellt“, erklärt Milow. So offerierte Russland Ägypten etwa einen 25 Milliarden-Dollar-Kredit über 22 Jahre mit einem Zinssatz von nur drei Prozent. Selbst Länder mit einer Bonität auf Ramschniveau wie Bangladesch können mit einem Atomkredit aus Russland zu Zinssätzen unter drei Prozent rechnen. In der Türkei will Russland das geplante Akkuyu gleich komplett selber finanzieren und betreiben und am Stromverkauf im Land verdienen. Ein Modell, das bisher noch bei keinem Projekt weltweit angewandt wird.

 

Russlands Staatschef blickt nach Ungarn

Wladimir Putin lässt sich von diesen Einwänden nicht beirren. Stattdessen hat er nach Finnland bereits ein neues Exportziel für die russische Nukleartechnik ausgemacht. Bei einem Treffen Ende Februar in seiner Residenz bei Moskau mit Ungarns Staatschef Viktor Orbán machte Putin seinem Kollegen einen Kredit von zehn Milliarden Euro schmackhaft für den Bau zweier neuer Reaktoren im Paks-AKW, dem einzigen Atomkraftwerk des Landes. Wenn die EU-Kommission grünes Licht gibt, könnte es bereits das zweite Rosatom-Projekt in Europa werden. Allerdings muss Putin zuvor noch ein paar Hausaufgaben lösen. Eines der Sorgenkinder ist das neue Atomkraftwerk nahe seiner Heimatstadt Sankt-Petersburg, wo Russlands modernste Reaktorblöcke vom Typ VVER-1200 zum Einsatz kommen sollen. Die gleiche Technik ist auch für das Rosatom-Projekt in Finnland vorgesehen. Dennoch hinkt das Kraftwerk dem Zeitplan mehr als zwei Jahre hinterher. Umweltschützer kritisierten Unfälle auf der Baustelle, etwa als kürzlich ein tonnenschwerer Schutzröhrenblock vom Kran 20 Meter in die Tiefe stürzte.

Der folgende Auftritt von Oleg Iwanow, dem Chefingenieur der Anlage, auf der Bühne eines alten Kulturzentrums in Sankt Petersburg wirkte unbeholfen. „Ja, es gab Fehler beim Bau, aber die zuständigen Instanzen haben alles unter Kontrolle. Wir haben alle Mängel beseitigt“, erklärte Iwanow, genervt von der lauten Kritik der Umweltschützer im Saal. Für sie ist das Risiko zu hoch, den Reaktor so nah an der Fünf-Millionen-Metropole zu installieren. Iwanow konterte, dass die Rosatom-Anlage in China dem neuen Reaktor sehr ähnlich sei und problemlos funktioniere. Eine Garantie, dass eine Katastrophe wie in Tschernobyl ausgeschlossen sei, mochte Iwanow jedoch nicht geben. Sein Kernargument lautet: „Sie fahren ja Auto, obwohl es da auch Unfälle gibt“.

Am Bottnischen Meerbusen in Finnland plant Rosatom ein Atomkraftwerk. (Illustration: Fennovoima / Foto: Rosatom)