Beschaulichkeit war gestern. Wenn Aktionäre heutzutage zur alljährlichen Hauptversammlung eines Konzerns kommen, reicht es nicht mehr, die saalfüllenden Kleinaktionäre mit einem üppigen Mittagsbuffet bei Laune zu halten und die Vertreter institutioneller Investoren mit einem rosige Geschäftsausblick abzuspeisen. Die wollen immer öfter nicht nur tief in die Bilanz sehen, sondern prüfen auch das ökologische, soziale und ethische Gebaren der Konzerne akribisch. 

Zu dieser neuen Klasse institutioneller Investoren gehören Fondsmanager wie Ingo Speich. Wenn der 38-Jährige auf Hauptversammlungen das Wort ergreift, geht es nicht allein um mehr Gewinn und Dividende, sondern auch um mehr Umwelt- und Klimaschutz, um bessere Arbeitsbedingungen und manchmal sogar um grundsätzliche Menschrechte. Die vorne auf dem Podium sitzenden Vorstände und Aufsichtsräte sind zuweilen drei Jahrzehnte älter als Speich und reagieren eher verdutzt auf Fragen zu nachhaltiger Unternehmensführung. Dabei orientieren sich immer mehr Fondsmanager und Investoren an den Kriterien für klimaschonende, sozial gerechte sowie verantwortliche Unternehmensführung – den Environment-Social-Governance-(ESG)-Kriterien.

 Vor zehn Jahren konnten Konzernlenker solche Fragesteller noch als notorische Hauptversammlungsnörgler abtun; Wortgefechte waren zwar lästig, blieben aber folgenlos. Wenn Speich heute bei Lufthansa oder Daimler den zu hohen Flottenverbrauch reklamiert, genießt er dagegen die volle Aufmerksamkeit der Unternehmensspitze. Denn Speich hat 7,5 Milliarden Euro im Rücken – das rein nachhaltig angelegte Kapital seines Arbeitgebers Union Investment. Die Fondsgesellschaft der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken managt insgesamt ein Anlagevermögen von 220 Milliarden Euro.

 Auch die Vertreter von Deka (Fondsgesellschaft der Sparkassen), Deutscher Bank, Allianz, Münchner Rück und ausländischer Versichrungen sind Schwergewichte auf deutschen Hauptversammlungen. Allein der italienische Versicherungskonzern Generali verwaltet zum Beispiel 340 Milliarden Euro, davon 22 Milliarden nach ESG-Kriterien.

Im Handelsraum Deutsche Bank in Frankfurt werden Konzerndaten diskutiert – auch im Hinblick auf die Wirkung der Unternehmen für Mensch und Umwelt. (fotos: PR)