Stromspeicher
29.03.2018

Siemens-Batterien sollen Gaskraftwerke schneller machen

Foto: Siemens
In Containern untergebracht, sollen Siemens-Stromspeicher wie dieser an Gaskraftwerke gekoppelt werden.

Durch Stromspeicher sollen Gaskraftwerke flexibler und sicherer werden. Siemens hofft auf lukrative Aufträge zur Nachrüstung mit Batterien. Denn im klassischen Kraftwerksgeschäft läuft es schlecht.

Für Stahlwerker ist es ein Horrorszenario: Die Stromversorgung bricht zusammen, das flüssige Metall erkaltet und setzt sich in elektrischen Schmelzöfen, Gießanlagen und anderer millionenteurer Herstellungstechnik fest. Nichts geht mehr, der Reparaturaufwand ist enorm. „In Deutschland würde ein solches Stahlwerk wahrscheinlich nicht wieder in Betrieb genommen“, sagt Uwe Fuchs, Vertriebsmanager für Energiespeicher bei Siemens im Gespräch mit bizz energy. Dann verlöre ein Stahlstandort wie Bochum, Salzgitter oder Georgsmarienhütte Hunderte von Arbeitsplätzen.

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Solche Szenarien wecken bei Siemens die Hoffnung auf ein neues Geschäftsfeld. Batteriespeicher sollen die Stromversorgung aus Gaskraftwerken absichern. Die Idee: Im Zuge der Energiewende wird immer mehr Strom dezentral und in schwankenden Mengen aus Wind- und Solarenergie erzeugt, während große Kohlekraftwerke nach und nach aus dem Markt gehen. Die Stabilität des Stromnetzes sollen nun die vergleichsweise klimaschonenden Gaskraftwerke garantieren. Diese müssen in dieser Rolle aber flexibler arbeiten als bisher. Dazu sollen Batteriespeicher sie befähigen.

„Schwarzstart“ und „Inselbetrieb“

„Die Stabilisierung wird eine komplexe Aufgabe“, sagt der gelernte Ingenieur Uwe Fuchs. „Kein Zweifel, wir müssen im ganzen System eine bessere Speicherung implementieren.“ Lithium-Ionen-Großbatterien mit einer Leistung von bis zu 100 Megawatt sollen binnen Millisekunden auf unerwartet hohen Strombedarf reagieren können. Außerdem sollen sie gewährleisten, dass Gaskraftwerke aus dem Stand auch ohne Strom aus dem Netz starten können („Schwarzstart“) und ihnen notfalls helfen, im sogenannten Inselbetrieb ein kleines regionales Verteilnetz allein zu versorgen.

Viele große Gaskraftwerke machen ihren Betreibern derzeit wenig Freude. Sie stehen häufig still, da sie mit dem zumeist billigeren Strom aus Erneuerbaren und aus Braunkohlekraftwerken nicht konkurrieren können. Doch im Zuge des Atomausstieges und einer Senkung der Kohleverstromung gilt Gas als unverzichtbar, wenn Deutschland seine Klimaziele erreichen soll. Der Stromhändler Trianel hält einen wirtschaftlichen Betrieb von Gaskraftwerken ab 2022 wieder für möglich – dann soll das letzte deutsche Kernkraftwerk vom Netz gehen. Auch der Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz erwartet, dass Gaskraftwerke künftig wieder besser zum Zuge kommen, insbesondere moderne Gas- und Dampfturbinen-Anlagen.

Referenzprojekt Eisenhüttenstadt

Die Stromversorgung des Arcelor-Mittal-Stahlwerks in Eisenhüttenstadt wird von einer
Siemens-Batterie abgesichert. Foto: ArcelorMittal
Der deutsche Kraftwerkspark zählt derzeit fast 90 Gaskraftwerke ab 100 Megawatt Leistung. Diese und viele andere auf der Welt sind für Siemens Kandidaten für Batteriespeicher. Das Interesse der Betreiber nehme zu, sagt Vertriebsmanager Fuchs: „Unsere Kunden sehen, dass das Risiko steigt.“ Bei dem Energieversorger VEO in Eisenhüttenstadt hat Siemens bereits ein Batteriesystem installiert, das dessen Gaskraftwerk zum Schwarzstart befähigt. VEO erzeugt Strom für die Stadt und das örtliche Werk des Stahlkonzerns Arcelor Mittal.

Die nächsten Aufträge könnten bald folgen. In diesen Monaten beginnen mehrere Ausschreibungen für Großbatterien zur Nachrüstung von Gaskraftwerken. Siemens bietet mit. Potenzial sieht Fuchs vor allem in Deutschland, Frankreich, Großbritannien sowie in osteuropäischen Ländern mit hohem Gasturbinen-Anteil an der Stromerzeugung. (Lesen Sie auch: "Der Markt geht durch die Decke" – Lieferengpass bei Batteriezellen)

Je dezentraler, desto mehr Speicher

Siemens stützt sich bei seiner Einschätzung teils auf Vorhersagen des Marktforschungsunternehmens IHS und des Wirtschaftsinformationsdienstes Bloomberg. Deren Berechnungen zufolge wächst der Zubau dezentraler Stromerzeugung zwischen 2010 und 2030 pro Jahr um 2,5 Prozent, während er bei zentraler Erzeugung in großen Kraftwerken um 1,3 Prozent sinkt. Mehr Dezentralität führt nach Siemens‘ Lesart zu höherer Nachfrage nach Speichern, die die Netzstabilität absichern – auch im Zusammenwirken mit Gaskraftwerken.

Fürs Speichergeschäft hat Siemens Anfang des Jahres mit dem US-amerikanischen Stromversorger AES das Gemeinschaftsunternehmen Fluence gebildet. Damit wolle man besser auf den „fragmentierten, aber schnell anwachsenden Energiespeichersektor reagieren“, teilten die Unternehmen mit.

Ein Aufwärtstrend im Speichergeschäft käme Siemens gelegen. Denn auf dem klassischen Kraftwerksmarkt läuft es für den Konzern zusehends schlechter. Die schwierige Marktlage der Gaskraftwerke hat die Nachfrage nach Gasturbinen in Deutschland einbrechen lassen. Siemens-Chef Joe Kaeser will – überwiegend in der Kraftwerkssparte „Power & Gas“ – rund 6.900 Arbeitsplätze abbauen, was bereits zu heftigen Protesten der Belegschaften geführt hat.

Lesen Sie auch: Erster Spezialfonds für Batteriespeicher geht an die Börse

 

Christian Schaudwet
Keywords:
Gaskraftwerk | Stromspeicher | Siemens
Ressorts:
Technology | Markets

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