Digitalisierung
27.01.2020

„Smart Cities“: Startvorteil für Stadtwerke

Foto: iStock
„Die Smart City muss eine Green City sein“, sagt Susanna Zapreva vom Hannoveraner Energiedienstleister Enercity.

Die Mehrheit der Deutschen erhofft sich von der „Smart City“ einen Beitrag zum Klimaschutz – so das Ergebnis einer Studie. Die Befragten möchten die vernetzte Stadt mitgestalten und vertrauen bei der Umsetzung vor allem auf kommunale Akteure.

Viele Deutsche sehen in „Smart Cities“ Chancen für den Klimaschutz, den Ausbau Erneuerbarer und eine höhere Luftqualität. Das zeigt eine neue Umfrage. Beim Aufbau der „klugen Städte“ genießen bekannte Institutionen am meisten Vertrauen. 

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Dies hat das Düsseldorfer Marktforschungsinstitut Innofact in einer Umfrage für den Hannoveraner Energieversorger Enercity herausgefunden. Befragt wurden 1.505 Personen, 500 davon im Enercity-Hauptversorgungsgebiet. Die Befragten erwarten von den „Smart Cities“ demnach nicht nur Öko-Vorteile, sondern auch persönliche, beispielsweise mehr Zeit für Freunde und Familie. Effizientere städtische Warenströme sowie besser auf die Bürger zugeschnittene kommunale Dienstleistungen erhoffen jeweils knapp die Hälfte der Befragten. 

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Große Erwartungen für Nachhaltigkeit

Deutlich größer sind ihre Erwartungen an den Nutzen „smarter“ Städte für die Nachhaltigkeit. 68 Prozent gehen von Vorteilen für den Klimaschutz und die Güte der Luftqualität aus. Dass „Smart Cities“ für den Ausbau erneuerbarer Energien wichtig sind, meinen 65 Prozent. Immerhin 59 Prozent der Umfrageteilnehmer sehen in ihnen sogar Chancen für eine dezentrale Energieerzeugung bis hin zu neuen Möglichkeiten für Haushalte, selbst Energie zu erzeugen.

„Die Smart City muss eine Green City sein“, sagt Enercity-Chefin Susanna Zapreva zu den Befragungsergebnissen. Und dass die Menschen an ihrem Aufbau beteiligt werden wollen. 72 Prozent der Befragten votierten dafür und sprachen sich für entsprechende Abstimmungen oder Bürgerentscheide aus. Planung, Entwicklung und Aufbau der „Smart Cities“ möchten sie am liebsten in wohlbekannte Hände legen: Kommunale Energieunternehmen und die lokale Stadtverwaltung genießen das größte Vertrauen, noch vor städtischen Verkehrsbetrieben oder Bundesbehörden. Nur jeder Dritte möchte dagegen internationale IT-Konzerne im Boot haben.

Rasant wachsendes Marktvolumen

Für Stadtwerke und kommunale Energieversorger in Deutschland sind das gute Nachrichten. Zumal der Markt für „Smart-City-Anwendungen“ vor einem riesigen Boom stehen könnte: Das Bremer Marktforschungsinstitut Trendresearch rechnet in einer neuen Studie mit einem Anstieg des Marktvolumens von Smart City-Projekten von derzeit etwa 36 Milliarden Euro auf bis zu 47 Milliarden Euro im Jahr 2030. Im gleichen Zeitraum erwarten die Marktforscher, dass die Zahl der Städte wächst, die sich „smart“ aufstellen: von 100 heute auf 230 in zehn Jahren.

Dass kommunale Betriebe bessere Startchancen beim Aufbau von „Smart Cities“ haben, legt auch eine im Januar von der internationalen Unternehmensberatung Oliver Wyman vorgelegte Erhebung nahe. Ein Ergebnis: „Smarten“ Angeboten stehen viele Verbraucher aufgeschlossen gegenüber, vor allem solchen mit Gesundheits-, Verwaltungs- oder Mobilitätsnutzen. Jeweils mehr als ein Drittel der 1000 Befragten aus deutschen Großstädten hat ein hohes Interesse daran.

Druck auf Bestandsgeschäft lindern

Für Stadtwerke ergeben sich damit nach Einschätzung der Unternehmensberater neue Geschäftschancen: Energieversorger könnten sich mit „Smart City“-Lösungen „über klassische Angebote hinaus in den Bereichen Strom, Gas oder Wärme“ aufstellen, sagt Thomas Fritz, Partner bei Oliver Wyman in Düsseldorf. Darin lägen gute Chancen, „sich als innovativer Lösungsanbieter“ zu etablieren, beim Aufbau einer smarten Mobilitätsinfrastruktur etwa oder bei der „intelligenten“ Abfallentsorgung.

„Wenn Mülltonnen mit Sensoren ausgestattet werden, ermöglicht das eine füllstandsabhängige Leerung“, sagt Oliver Wyman-Partner Jörg Stäglich. Weil sich die Routen der Entsorgungsdienste so optimieren lassen und überflüssige Fahrten entfallen, sinken die Kosten. Zwischen 60 und 103 Euro im Jahr würden sich die Befragten der Studie zufolge solcherlei Intelligenz an der Tonne kosten lassen. Für lokale und dezentrale Energieversorgungskonzepte, die auf erneuerbare Quellen setzen, würden sie sogar bis zu 255 Euro im Jahr zusätzlich zahlen. 

Zahlungsbereitschaft hat Grenzen

Insgesamt liegt die Zahlungsbereitschaft für „smarte“ Extras mit 72 bis 124 Euro im Jahr auf eher bescheidenem Niveau. „Bei öffentlichen Gütern wie Verwaltung, Gesundheit und Sicherheit erwarten viele Verbraucher ein kostenloses Angebot“, so Wyman-Berater Fritz. Gegen solche gelernten Strukturen zu arbeiten, könnte sich als Kampf gegen Windmühlen erweisen. Tiefer in die Tasche greifen wollen die meisten Befragten ohnehin nur dann, wenn die Dienste zusätzlichen Komfort bieten, eine einfache Nutzung oder eine höhere Umweltverträglichkeit.

Ausgerechnet hier geraten die Kommunalen der Wyman-Erhebung zufolge ins Hintertreffen: In sechs von acht untersuchten Themenclustern sieht die Studie diese zwar gegenüber großen Energieversorgern im Vorteil – nicht aber im Cluster Nachhaltigkeit. Da schaffen es große Konzerne auf die vorderen Ränge. Um aufzuschließen, rät Berater Fritz den Stadtwerken zu Kooperationen mit den großen Versorgern. Einzubringen hätten sie ja einiges: Sie könnten ihre „hohe lokale Verankerung und etablierte Kundenzugänge“ in die Waagschale werfen.

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Thomas Wischniewski
Keywords:
Smart City | Digitalisierung | Stadtwerke
Ressorts:
Technology
 

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