Digitalisierung
01.02.2019

Smart-Meter-Rollout läuft nicht rund

Foto: Power Plus Communcations
Immerhin: Die Smart-Meter-Gateways von PPC wurden schon vom BSI zertifiziert.

Der geplante Einbau neuer intelligenter Messsysteme stößt auf viel Kritik. Die notwendige Zertifizierung weiterer Gateways lässt auf sich warten und die modernen Messeinrichtungen für Verbraucher gelten als nicht wirklich smart.

Der Smart-Meter-Rollout kommt nicht voran. In einer jüngst vorgelegten Marktanalyse hat das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) die Situation analysiert: Demnach sind die Voraussetzungen für die Markteinführung der intelligenten Zähler weiterhin nicht gegeben – nach wie vor ist bislang lediglich ein Gateway zertifiziert. Offen ist, wann die gesetzlich geforderten weiteren zwei Zertifizierungen folgen.

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Das von den Unternehmen Power Plus Communications und Open Limit Sign Cubes entwickelte Gerät wurde im Dezember 2018 vom BSI zertifiziert. Dies könne laut Behörde auf Kundenwunsch auch schon jetzt installiert werden. Aktuell befinden sich acht weitere Smart-Meter-Gateway-Hersteller im Verfahren. Der gesetzlich vorgeschriebene Rollout kann aber erst beginnen, wenn drei Geräte unterschiedlicher Hersteller vom BSI freigegeben wurden.

Im Grunde stehe die für den sicheren Betrieb der intelligenten Messsysteme notwendige Infrastruktur vollständig zur Verfügung, schreibt die Behörde. Das BSI sei zuversichtlich, dass weitere Zertifizierungen bald erfolgen werden. Die Marktanalyse würde dann entsprechend aktualisiert.

Umfrage zeigt Verunsicherung

Jedoch ist es keinesfalls so, dass der Smart-Meter-Rollout von allen Seiten sehnlichst erwartet wird. Im Gegenteil: Betreiber von Photovoltaikanlagen sehen ihn überaus kritisch. Das zeigt eine aktuelle Umfrage der Interessensvertreter Photovoltaikforum und ComMetering unter 1.500 Betreiber von Photovoltaikanlagen aus dem gesamten Bundesgebiet.

Demnach ist die Akzeptanz des geplanten Pflichteinbaus von intelligenten Messsystemen unter PV-Anlagenbetreibern verheerend. Nicht einmal jeder Vierte sieht darin einen energiewirtschaftlichen Nutzen. 77 Prozent der Befragten haben hingegen eine ablehnende Haltung. Dabei fällt die Bewertung besser aus, wenn der Smart Meter als Baustein für dezentrale Vermarktungsmodelle genutzt werden könnte: In diesem Fall lehnen den Smart-Meter-Rollout nur 59 Prozent ab.

Offenbar spielt der Kundennutzen eine wichtige Rolle dabei, wie der Rollout wahrgenommen wird. So sind die Solarbetreiber durchaus offen für die Digitalisierung des Energiemarktes. Rund 71 Prozent der Befragten sehen Chancen in neuen, digitalen Geschäftsmodellen. Mehr als 80 Prozent der Betreiber befassen sich mit dem Auslaufen der EEG-Vergütung und sind perspektivisch interessiert an Vertriebsmodellen für ihren Überschussstrom.

Gefahr für Energiewende

Doch die meisten der rund eine Million betroffenen PV-Betreiber wissen noch nicht genau, was auf sie zukommt. Nur 29 Prozent der Befragten geben an, sich mit den Konsequenzen befasst zu haben. Und jeder Zehnte vermutet fälschlicherweise, dass er nicht betroffen ist. „Wenn es irgendwann 2019 mit dem Rollout losgehen sollte und die ersten PV-Betreiber über den Pflichteinbau informiert werden, dürfte es einen Aufschrei geben“, sagt Fabian Zuber, Mitinitiator von ComMetering. Viele würden unvorbereitet mit den erhöhten Kosten und Anforderungen konfrontiert werden, ohne darin für sich einen Mehrwert zu erkennen.

„Die Digitalisierung und Akzeptanz der Energiewende geraten dadurch in Gefahr“, sagt Zuber. Dabei könnten digitale Zähler auch aus Sicht der Betreiber sinnvoll und gewünscht sein. Aber sie müssten den Anforderungen jener, die dafür bezahlen, besser gerecht werden. Sein Unternehmen setzt sich im Zuge des Rollouts für die Belange der PV-Betreiber ein und bildet eine Einkaufsgemeinschaft für die Umsetzung des Pflichteinbaus von Smart Metern.

Kein Mehrwert für Verbraucher

„Der vom Gesetzgeber vorgeschriebene Smart-Meter-Rollout ist alles andere als smart“, sagt auch Christian Bogatu, Mitbegründer und Geschäftsführer des Berliner Stromdienstleisters Fresh Energy. Er bezieht seine Kritik jedoch nicht auf die Smart-Meter-Gateways bei Anlagenbetreibern sondern auf die neue digitalen Messtechnik, die die analogen Ferraris-Zähler bei den Stromverbrauchern ersetzen soll. Der flächendeckende Einbau der modernen Messeinrichtungen (mME) bei Stromkunden beginnt dieser Tage, ihr Nutzen erscheint aber fraglich.

„Dieser Gerätetyp hat überhaupt keinen erkennbaren Mehrwert für Verbraucher“, sagt Bogatu. Die mME könnten keine Daten übertragen, weshalb eine Fernablesung des Zählerstandes nach wie vor nicht möglich sei. Das bedeute, dass auch zukünftig noch vor der Zustellung der Jahresabrechnung der Ableser ins Haus kommen oder die Kunden die Zählerstände selbst ablesen und übermitteln müssten.

Für Bogatu eine vertane Chance: In Deutschland würden im Rahmen des Smart-Meter-Rollouts geschätzt 39 Millionen mME eingebaut. Dies bedeute eine Gesamtinvestition von rund fünf Milliarden Euro. Dieses Geld hätte man seiner Ansicht nach sinnvoller investieren können: „Ein Rollout mit wirklichen smarten Stromzählern könnte eine große Sache sein – was den Verbrauchernutzen sowie den Umweltschutz anbelangt.“

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Carsten Kloth
Keywords:
Digitalisierung | Smart Meter
Ressorts:
Technology

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