Stromzähler
11.01.2018

Smart Meters: Datenschützer Schaar mahnt Strombranche zu Mäßigung

Foto: Creative Commons/Tobias Klenze /CC-BY-SA 4.0
Der frühere Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar

Der Datenschützer Peter Schaar warnt die Strombranche davor, die technischen Möglichkeiten von Smart Meters voll auszureizen. Die Versorger sollen sich beim Sammeln von Verbrauchsdaten ihrer Kunden zügeln.

In den kommenden Jahren installieren Stadtwerke und andere Stromnetzbetreiber voraussichtlich Tausende sogenannte Smart-Meter-Gateways. Die intelligenten, zentral auslesbaren Geräte können den Versorgern Unmengen detaillierter Informationen über die Lebensweise ihrer Kunden liefern. Dem muss nach Ansicht des renommierten Datenschützers Peter Schaar ein Riegel vorgeschoben werden.

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Für den früheren Bundesdatenschutzbeauftragten haben vor allem die Stromkunden selbst Anspruch auf ihre Daten, damit sie ihr eigenes Verbrauchsverhalten analysieren und verbessern können. Die Betreiber der Messstellen dagegen müssten für ihre Zwecke gar nicht so genau hinsehen: „Das Unternehmen braucht nicht zu wissen, ob gerade ein Rasierapparat oder eine Kaffeemaschine läuft“, sagt Schaar im Gespräch mit dem Magazin bizz energy.

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Datenpakete alle 15 Minuten

Theoretisch sind Smart-Meter-Gateways in der Lage, Informationen im Sekundentakt zu liefern. In der Praxis sollen die Geräte nach aktueller Gesetzeslage aber nur alle 15 Minuten Verbrauchsdaten an die Messstellen schicken, die in den meisten Fällen von den Netzanbietern betrieben werden. Mithilfe solcher Daten wollen Versorger künftig unter anderem variable Stromtarife anbieten, je nach verfügbarer Menge von Wind- und Solarstrom.

Schaar geht mit seiner Empfehlung für die „sehr kritische Infrastruktur“ der digitalisierten Stromnetze jedoch weiter: Er plädiert dafür, dass aus Datenschutzgründen nicht jede Wohnung einzeln ausgelesen wird. Die Werte großer Wohngebäude oder mehrerer Einfamilienhäuser zusammenzufassen, reiche für die Ziele der Messstellenbetreiber aus.

Enormes Potenzial für Missbrauch

Der Buchautor und Lehrbeauftragte am Fachbereich Informatik der Universität Hamburg, der von 2003 bis 2013 Bundesdatenschutzbeauftragter war, warnt außerdem vor dem Datenhunger von Telekommunikations- und anderen Dienstleistungsunternehmen. Die Messstellenbetreiber müssten sicherstellen, dass Verbrauchsdaten nicht von solchen Dritten zweckentfremdet würden.

Ob die Stromkundendaten ausreichend gegen den Zugriff Unbefugter gesichert werden können und ob Messstellen und Stromversorger verantwortungsvoll damit umgehen, ist im Vorfeld des massenhaften Smart-Meter-Einbaus umstritten. Fest steht: Das Potenzial der Daten ist enorm. Forscher der Fachhochschule Münster haben vor einigen Jahren in einem Versuch gezeigt, dass ein Messtakt von zwei Sekunden ein extrem detailliertes Verbrauchsbild ermöglicht. Die Forscher konnten daran erkennen, welchen Film ein Stromverbraucher gerade auf seinem Fernsehgerät sah.

Bewährungsprobe steht aus

Die vorgeschriebene 15-Minuten-Taktung dürfte solche Rückschlüsse zwar unmöglich machen. Der Test, wie Stromversorger und Messstellenbetreiber in der Praxis mit den Daten umgehen, steht aber noch aus. Denn noch immer hat das Bundesamt für Sicherheit in der Informationswirtschaft (BSI) keines der neun von unterschiedlichen Herstellern eingereichten Modelle zugelassen.

Immerhin hat die Behörde bereits 24 sogenannte Smart-Meter-Gateway-Administratoren zertifiziert – häufig sind das die künftigen Messstellenbetreiber. Diese Unternehmen, darunter beispielsweise Innogy Metering, Stromnetz Hamburg, Thüga Smart Service und Soluvia Metering (MVV Energie) sind unter anderem für Installation, Inbetriebnahme und Konfiguration der Geräte zuständig.

Hohe Anforderungen des BSI

Die hohen Datenschutzanforderungen des BSI an die Hersteller der schlauen Zähler gelten derzeit als Hauptgrund für die Verzögerungen. Das BSI richtet sich bei seiner Prüftätigkeit nach dem IT-Sicherheitsgesetz von 2015 und nach der „europäischen Richtlinie zur Gewährleistung einer hohen Netzwerk- und Informationssicherheit“ (NIS-Richtlinie). Die Strombranche rechnet in diesem Jahr mit den ersten Zulassungen von Smart-Meter-Gateways.

Lesen Sie auch: Smart Meters – Bund überprüft schleppende Digitalisierung

 

(Fotolizenz Creative Commons siehe hier)

Christian Schaudwet
Keywords:
Smart Meter | Datenschutz | Smart Grid
Ressorts:
Governance | Technology

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