bizz energy: Anfang 2021 verlieren voraussichtlich 18.000 Photovoltaik-Anlagen mit zusammen bis 75 Megawatt Leistung den EEG-Zuschuss. Aus der Koalition ist dazu zu hören, das seien so wenige Megawatt, dass die Energieversorgung zu keiner Sekunde beeinflusst sein wird. Wo ist dann das Problem?

Körnig: Dies brüskiert die Leistung von tausenden Solarpionieren der ersten Stunde, die oft mit viel Idealismus und Risikobereitschaft zur Jahrtausendwende die Energiewende angeschoben haben. Zudem wird jedes Megawatt gebraucht, um die Lücke zu den Klimazielen zu schließen und das Aufreißen einer Stromerzeugungslücke bereits in wenigen Jahren infolge des notwendigen Atom- und Kohleausstiegs zu vermeiden.

bizz energy: Ein erster Entwurf des EEG 2021 aus dem Hause Altmaier ist jetzt geleakt worden. So soll das Ausbauziel bei Photovoltaik für 2030 von 98 um zwei auf 100 Gigawatt erhöht werden. Ist das zufriedenstellend?

Körnig: Das ist leider viel zu kurz gesprungen. Dieses Ziel müssen wir nach Auffassung von Marktforschern und Wissenschaftlern bereits Mitte der 20er Jahre erreicht haben.

Interview mit

Portrait Carsten Körnig
(Foto: BSW-Solar)

Carsten Körnig

Carsten Körnig (Jg. 1970) ist seit Anfang 2006 Geschäftsführer des BSW - Bundesverband Solarwirtschaft, der Interessenvertretung der Solartechnik- und Solarspeicherbranche in Deutschland. Zuvor hatte er neun Jahre die Geschäftsführung der Unternehmensvereinigung Solarwirtschaft (UVS) inne, die er 1997 in Berlin gegründet hatte. Diese ging 2006 mit dem Schwesterverband BSi zum BSW zusammen. Körnig war unter anderem am Zustandekommen des EEG, des ersten Bundesförderprogramms für Solarstromspeicher sowie der Förderung von Solarheizungen beteiligt. Seine Berufslaufbahn startete er in den 90er Jahren bei der Umweltorganisation Greenpeace, als Journalist und Unternehmensgründer.

bizz energy: Für kleinere Solarstrom-Anlagen, die ab 2021 aus der EEG-Förderung fallen, soll im EEG 2021 ein vereinfachtes Einspeisemodell geschaffen werden, bei dem der an den Netzbetreiber abgegebene Solarstrom zum Marktwert vergütet werden soll, abzüglich der Vermarktungskosten. Was halten Sie davon?

Körnig: Da bliebe in der Regel zu wenig übrig, um einen kostendeckenden Weiterbetrieb der Anlagen zu ermöglichen. Wichtig ist vor allen Dingen, dass Ü20-Betreibern keine Steine beim Umstieg auf den Eigenverbrauch oder die Zwischenspeicherung ihres Solarstroms in den Weg gelegt werden. Es ist geradezu schikanös, dass die Nutzung selbst erzeugten Solarstroms mit der EEG-Umlage belastet wird, wie derzeit im EEG geregelt. Diese "Sonnensteuer" verstößt bei Anlagen mit einer Leistung von bis zu 30 Kilowatt zudem gegen EU-Recht. Auf den Verzehr selbst gezüchteter Tomaten entfällt doch auch keine Steuer!

bizz energy: Aus Sicht der Energiewende ist es begrüßenswert, dass die Photovoltaik derzeit einen kleinen Boom erlebt – allerdings liefern all diese Anlagen ihren Strom um die Mittagsstunden und das trägt zu einem Überangebot an der Strombörse und damit zu einem sinkenden Preis bei. Das wiederum senkt den Marktwert, von dem nicht EEG-geförderte Anlagen leben, und verteuert auch die EEG-Förderung. Was schlägt der BSW Solar hier vor?

Körnig: Auch der Ausbau von Kurzfrist- wie Langfrist-Speichern muss auf allen Ebenen natürlich deutlich beschleunigt werden. Ferner müssen durch den Abbau von Marktbarrieren und mittels geeigneter Anreizmechanismen die erheblichen Flexibilisierungspotenziale im Bereich der dezentralen Sektorenkopplung gehoben werden, wie intelligentes Laden von E-Fahrzeugen, eine intelligente Steuerung von Wärmepumpen und anderes mehr.

bizz energy: Wer seine Photovoltaik-Anlage nach Ende der EEG-Förderung weiterbetreibt und dann einen Teil seines Stroms selbst verbrauchen will, muss sich laut dem Entwurf des EEG 2021 smarte Messtechnik zulegen, um die abgegebenen und die selbst verbrauchten Strommengen zu trennen. Lohnt sich dann der Weiterbetrieb der Anlagen noch?

Körnig: Dies dürfte zumindest dann häufig nicht möglich sein, wenn die Regelung Bestand haben sollte, dass die selbst verbrauchten Kilowattstunden vom eigenen Solardach auch noch mit der anteiligen EEG-Umlage von 40 Prozent belastet werden. Bei den Anforderungen des Regel-, Mess- und Meldewesens müssen vernünftige Bagatellgrenzen gezogen werden. Es kann nicht sein, dass ein kleiner solarer Selbstversorger genauso behandelt werden soll wie ein Kraftwerksbetreiber.

bizz energy: In den sozialen Medien wird in dem Zusammenhang besonders die Bundesnetzagentur seit Monaten als "Totengräber der Energiewende" angeprangert, weil diese mit ihren Modellvorschlägen Photovoltaik-Betreibern eine preiswerte Eigenversorgung mit Strom angeblich unmöglich macht. Teilt der BSW diese Kritik und unterstützt der BSW dementsprechende öffentlichkeitswirksame Aktionen wie Petitionen?

Körnig: In der Tat gibt es leider von verschiedenen Seiten immer wieder Bestrebungen, Solar-Prosumer zu entmündigen und ihnen das Wasser abzugraben. Derartigen Angriffen auf einen der wichtigsten Motoren der Energiewende treten wir entschieden entgegen. Petitionen sind bei der politischen Willensbildung allerdings nach unserer Erfahrung meist weitgehend wirkungslos. Hier bedarf es anderer legitimer Instrumente der Überzeugungsarbeit.

bizz energy: In einer entsprechenden Petition wird gefordert, dass der durch eine PV-Anlage erzeugte Strom, der selbst verbraucht wird, nicht mit zusätzlichen Abgaben oder Gebühren "künstlich verteuert" werden soll. Gerade aber die Solaranlagen, die jetzt ab Anfang 2021 aus der Förderung fallen, haben 20 Jahre lang für ihren Ökostrom um die 40 Cent für die Kilowattstunde erhalten. Ist es nicht gegenüber den Stromkunden, die die EEG-Förderung bisher größtenteils bezahlen, nur gerecht, wenn diese Solarstromerzeuger zum Beispiel künftig einen angemessenen Teil der Netzkosten tragen?

Körnig: Zu berücksichtigen ist, dass die Anschaffungskosten einer Photovoltaik-Anlage um die Jahrtausendwende auch beinahe zehnmal so hoch waren wie heute und es damals entsprechender Fördersätze bedurfte, um die Anlagen kostendeckend betreiben zu können.

Wir fordern keine Anschlussförderung, entscheidend dürfte für einen Großteil dieser Ü20-Betreiber aber sein, dass sie für den Weiterbetrieb der Anlage nicht draufzahlen müssen. Genau das wäre aber der Fall, wenn selbstverbrauchter Solarstrom finanziell belastet wird.

bizz energy: Das vorherrschende Bild des solaren Prosumers, das von der Branche derzeit gezeichnet wird, ist der autarke Selbstversorger mit großer Dachanlage, Stromspeicher, Wärmepumpe und noch einer Wallbox fürs eigene Elektroauto. Was hat das noch mit der einstigen Idee einer gemeinschaftlichen Bürgerenergiewende zu tun?

Körnig: Hunderttausende Eigenheim-Prosumer sind ein wichtiger Baustein der Solarisierung unserer Energieversorgung. Mittels der Digitalisierung, modernem Energiemanagement und intelligenter Flexibilitätsanreize werden sich diese übrigens absehbar immer weniger nur selbst optimieren, sondern zunehmend Energiegemeinschaften bilden, die einander quasi im "Schwarm" und Quartier, aber auch überregional intelligent miteinander vernetzen.

Prosumer sind zudem ein wichtiges, aber keinesfalls das einzige "bürgernahe" Element der solaren Energiewende. Darüber hinaus gibt es weiter unzählige Energiegenossenschaften und gemeinschaftlich realisierte Solarprojekte.

Zudem setzten wir uns mit Nachdruck dafür ein, die Marktbarrieren für Mieterstromprojekte endlich abzubauen, damit auch Millionen Mieter endlich direkt vom klimafreundlichen und preiswerten Solarstrom profitieren können. Solarenergie ist die mit Abstand beliebteste, weil bürgernaheste Energieform der Erde und wird dies auch bleiben.

Fragen: Jörg Staude