Frage des Monats ...
29.10.2012

Sollen sich die Bürger finanziell am Netzausbau beteiligen?

Valentin Kaden

Fünf Prozent Rendite ab einem Investment von 500 Euro – kein schlechtes Geschäft. Umweltminister Altmaier will mit der „Bürgerdividende“ Verbraucher zum Investment in den Netzausbau locken. BIZZ energy today fragte dazu Entscheider.

 
Lex Hartman, Vorstand Tennet:
„Umfragen zeigen, dass die meisten Bürger grundsätzlich erkennen, wie notwendig der Netzausbau ist. Aber dieses Verständnis endet allzu oft, sobald es um konkrete Leitungen geht, von denen die Bürger direkt betroffen sind. Um das zu ändern, müssen wir neue Wege gehen, zum Beispiel mit der sogenannten Bürgerleitung, wie sie Bundesumweltminister Altmaier vorschlägt. Es geht nicht darum, mit solchen Bürgerbeteiligungen an Leitungen den notwendigen Netzausbau zu finanzieren. Angesichts der Milliarden, die in den kommenden zehn Jahren für den bundesweiten Netzausbau investiert werden müssen, kann das kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein sein.
Aber diese Beteiligungen der Bürger an Leitungen können mehr Akzeptanz erzeugen. Denn wer von den neuen Leitungen auch finanziell profitiert, wird bereit sein, sie zu akzeptieren. Bestes Beispiel sind die Bürgerwindparks in Norddeutschland. Ein Pilotprojekt für eine Bürgerbeteiligung an neuen Stromleitungen gibt es bereits. Tennet treibt es als erster Übertragungsnetzbetreiber in Schleswig-Holstein voran. Wenn alle rechtlichen und regulatorischen Voraussetzungen geklärt sind, kann der Startschuss fallen.“
 
Peter Ahmels, Deutsche Umwelthilfe:
„Die Windbauern in Nordfriesland haben es gezeigt: Mit Bürgerwindparks lässt sich Akzeptanz schaffen. Doch lässt sich damit nicht alle benötigte Energie regional erzeugen, Leitungen bleiben notwendig, auch für den Ausgleich der Regionen untereinander. Das Modell des Bürgerwindparks lässt sich auch auf Netze übertragen: Diejenigen, die direkt betroffen sind, können sich an den Netzausbaukosten beteiligen und bekommen dafür eine Rendite deutlich über dem Bankenzins. Warum sollte das Geschäft nur ein australischer Pensionsfond machen? Privatkapital ist sicher auch vor Ort vorhanden. Und diejenigen, die Veränderungen ihres Wohnumfeldes hinnehmen müssen, haben wenigstens einen kleinen Nutzen davon. Wohlgemerkt: Die Beteiligung ist kein Freifahrtschein. Eine frühzeitige Beteiligung der Bürger an der Planung ist Voraussetzung für Akzeptanz. Ohne sie läuft nichts.“
 
Michael Feist, Vorstandsvorsitzender Stadtwerke Hannover:
„Bei vielen Stadtwerken gibt es bereits seit längerem entsprechende Modelle zur Bürgerbeteiligung beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Diese Modelle erfreuen sich großer öffentlicher Akzeptanz, weil sie von den regionalen Energieversorgern für regionale Projekte eingesetzt werden. Dabei ist eine effiziente Vermarktung der Anteilsscheine mit breiter Streuung durch kleine Stückelungen ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Das zeigt jedoch auch, dass die notwendigen Investitionen allein mit Bürgerbeteiligungen nicht zu stemmen sein werden.
Vielmehr erweitert diese Art der Finanzierung die bisherigen Möglichkeiten durch institutionelle Investoren und bindet gleichzeitig die Bürger für den notwendigen Leitungsausbau positiv mit ein. Bei der Umsetzung von Bürgerbeteiligungsmodellen ist jedoch auch zu beachten, dass der Verwaltungsaufwand in einem begrenzten Rahmen gehalten wird. Eine Kopplung dieser Modelle an regionale Institutionen wie z.B. Stadtwerke und Sparkassen mit ihren dezentralen und bei den Bürgern hoch akzeptieren Strukturen sind hierbei von großem Vorteil.“
 
Rainer Joswig, Geschäftsführer TransnetBW:
„Die Energiewende und das Projekt Netzausbau als ihr elementarer Bestandteil können nur gelingen, wenn unsere Gesellschaft an einem Strang zieht. So brauchen wir als Übertragungsnetzbetreiber ebenso wie die Politik die Unterstützung der gesamten Öffentlichkeit. Denn eines ist klar: Die große Herausforderung für das Netz der Zukunft ist die lokale und regionale Akzeptanz derjenigen Bürgerinnen und Bürger, die von einzelnen Maßnahmen unmittelbar betroffen sind. Eine finanzielle Beteiligung von Privatpersonen an Netzbaumaßnahmen stellt dabei grundsätzlich eine Möglichkeit dar, für mehr Akzeptanz zu werben. Im Sinne eines möglichst breiten gesellschaftlichen Konsenses ist es daher wichtig und richtig, neue Ansätze ergebnisoffen zu diskutieren und sich fundiert mit ihnen auseinanderzusetzen.“
 
David Krüger, Partner, Deloitte & Touche Wirtschaftsprüfungsgesellschaft:
„Der zügige Ausbau der Stromübertragungsnetze ist das Fundament für das Gelingen der Energiewende. Doch die Netze müssen auf den Transport der zunehmenden erneuerbaren Energien ausgelegt werden und wir laufen Gefahr, die Ziele der Energiewende zu verfehlen – wenn der Netzausbau beispielsweise durch schwierige Genehmigungsprozesse oder mangelnde Akzeptanz zeitlich verzögert wird. Direkte Bürgerbeteiligungen können steigende Belastungen durch die Ökostromumlage kompensieren sowie die notwendige Akzeptanz bei den Bürgern schaffen. Sie versprechen auch stabile Erträge in Höhe der vorgeschlagenen Verzinsung von 5 Prozent. Bei einem Investitionsbedarf der Energiewende von jährlich circa 25 Milliarden Euro können Bürgerbeteiligungen zudem als innovative Finanzierungsform eingesetzt werden.“
 
 
 

 

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Redaktion
Keywords:
Investment | Investmentfonds | Netzausbau | Peter Altmaier | Akzeptanz
Ressorts:
Finance | Governance

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