Elektromobilität
17.05.2018

Speicher-Hersteller baut Schnellladestationen für langsame Netze

Foto: Ads-tec
Schnellladen auch mit langsamen Netzen: "High-Power-Charge Box" des Mittelständlers Ads-tec.

Das batteriebasierte Ladesystem des Mittelständlers Ads-tec lädt E-Fahrzeuge in wenigen Minuten auf – auch in langsamen Netzen. Deren Ausbau ließe sich damit zumindest teilweise vermeiden.

„Wie ein WC-Spülkasten“ – zu diesem Vergleich greift Thomas Speidel, wenn er die Funktionsweise seines Batteriespeichers beschreibt. „Er läuft über längere Zeit langsam voll, und wenn man draufdrückt, kommt das gesamte Wasser in kürzester Zeit heraus“, sagt der Geschäftsführer des Mittelständlers Ads-tec aus Nürtingen bei Stuttgart, der sowohl Haus- und Industriespeicher als auch Ladesysteme für Elektromobilität entwickelt. Analog zum Wasserkasten der Toilette lädt sich das System von Ads-tec im Niederspannungsnetz über einen längeren Zeitraum auf, um dann bei Bedarf innerhalb kurzer Zeit Höchstleistungen von bis zu 320 Kilowatt (kW) abzugeben.

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Mit der Kombination aus Schnellladern und Lithium-Ionen-Batteriespeichern will das Familienunternehmen schnelles Laden auch an dezentralen Standorten möglich machen, an denen pro Tag womöglich nur zehn bis fünfzehn Fahrzeuge geladen werden. Damit könnte ein teurer Netzausbau im Zuge der wachsenden Elektromobilität zumindest teilweise vermieden werden. „Wir glauben, dass das Verteilnetz nicht überall stark genug zum Schnellladen sein wird und sein Ausbau auch nicht an jeder Stelle sinnhaft und finanziell machbar“, sagt Speidel. Andererseits seien in vielen Fällen, in denen E-Autofahrer unterwegs laden wollen, Tankvorgänge gefragt, die „vergleichbar sind mit dem, was wir heute von der Tankstelle kennen“.

Gewaltiges Marktpotenzial

Das aufkeimende Geschäft mit der Ladeinfrastruktur lockt immer mehr Energieversorger, Autohersteller und neue Akteure wie Speicherhersteller an. Verstärkend wirkt auch das 300 Millionen Euro schwere Förderprogramm des Bundesverkehrsministeriums zum Aufbau einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur. Das Joint Venture „Ionity“ aus BMW, Daimler, Ford und Volkswagen etwa will 400 Schnellladestationen entlang der europäischen Hauptverkehrsachsen aufbauen. Analysten von Grand View Research prognostizieren für das Geschäft mit den Ladesäulen bis 2025 ein Marktpotenzial von rund 46 Milliarden Dollar.

Ads-tec zielt mit seinen Speicher-Ladesystemen auf dezentrale Standorte ab, die eine eher geringe Nutzerzahl haben, aber dennoch Schnelllader benötigen. Potenzielle Kunden seien Pflegebetriebe, die ihren Fuhrpark am Laufen halten müssen. Luxushotels, die Kunden mit E-Autos einen schnellen Ladeservice bieten möchten. Oder Städte und Kommunen, die es E-Autofahrern ermöglichen wollen, während des Museums- oder Theaterbesuchs nachzuladen.

Aufladen in acht bis zwölf Minuten

Schnellladesäulen werden aber auch für Busse oder im Verteilverkehr in den Innenstädten gefragt sein, glaubt der Ads-tec-Geschäftsführer. Online-Lieferungen oder Essensbestellungen würden dort wegen strengerer Schadstoffvorgaben zunehmend elektrisch erfolgen. Wenn Lieferdienste beispielsweise rund um die Uhr im Einsatz seien, sei es nicht finanzierbar, die Flotte zu verdreifachen, sondern man brauche schnelles Laden.

Zwar nicht zwei Minuten wie bei Benzin oder Diesel, aber acht bis zwölf Minuten statt mehrerer Stunden dauert das Laden mit dem kompakten Mini-Batteriecontainersystem oder dem gemeinsam mit Porsche entwickelten, komprimierten Schnellladesystem. Dieses liefert eine kurzzeitige Leistung von bis zu 320 kW mit interner Batteriespeicherunterstützung, wobei als Netzanschluss ein normaler Hausanschluss ab 20 kW genügt. Diese „High-Power-Charge Box“ soll künftige Generationen von E-Autos mit Gleichstrom (DC) laden – beispielsweise  Porsches „MissionE“, der eine 800 Volt starke Ladeeinheit besitzt und Ende 2019 auf den Markt kommt.

"Wir entlasten das gesamte Netz"

Mehrere hundert Kilometer Reichweite pumpt das System in „zum herkömmlichen Tanken vergleichbar empfundenen Zeiträumen“ in die Fahrzeuge, wobei 80 Prozent Ladung ausreichten, wie Speidel erklärt. Denn im Schnitt komme ein E-Auto selten komplett leergefahren, sondern mit etwas Restladung an die Säule.

„Wir entlasten das gesamte Netz, weil nicht überall die volle Leistung ausgebaut werden muss“, sagt Speidel. Der Bau aufwändiger Mittelspannungsanlagen ließe sich so an leistungsbegrenzten Netzanschlusspunkten vermeiden. Gleichzeitig funktioniert das Mini-Containersystem auch als Quartierspeicher für physikalische Netzdienstleistungen. Energieversorger wie EnBW nutzen die Speicher von Ads-tec bereits, um Verteilnetze zu stabilisieren, wenn diese durch Photovoltaikanlagen und E-Autos kurzzeitig überlastet sind.

E-Laden als Kunden-Service bei Lebensmittel-Discountern

Speicher seien eine Alternative, wenn eine hohe Ladeleistung nicht dauerhaft, sondern nur temporär benötigt werde, sagt Speidel. „Den Netzausbau muss es weiterhin geben, aber nicht überall bis in die letzten Verteilbereiche zum Schnellladen.“ Es könne auch sinnvoll sein, zunächst mit einem Speicher zu beginnen, und sich erst später bei Bedarf für eine neue Leitung zu entscheiden.

Wirtschaftlich betreiben lassen sich E-Ladesäulen angesichts der geringen Auslastung bisher nicht. Doch Speidel misst ihren Wert eher in anderen Kategorien. Der Unternehmer macht den Vergleich mit einem Hotel: Dort werde der Aufzug auch nicht für jede Nutzung abgerechnet, sondern von den Kunden als Teil des Gesamtpakets erwartet. Lebensmittel-Discounter, die eine E-Ladesäule auf ihrem Parkplatz stellten, berichteten bereits von einer Änderung des Kundenverhaltens: So mancher erledige den Wocheneinkauf nun samstags komplett beim Discounter, während das E-Auto auflade, sagt Speidel.

Lesen Sie auch: Elektromobilität: "Es ist nicht damit getan, eine Ladesäule aufzustellen"

Jutta Maier
Keywords:
Elektromobilität | Schnellladesäulen | Batteriespeicher | Ads-tec | Ladeinfrastruktur
Ressorts:
Technology | Markets

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