Wasserstofftechnologie
02.10.2019

Staatssekretär: Gas-Fokus bei EU-Ratspräsidentschaft

Foto: NOW GmbH
Erneuerbare Energie, die in Windparks erzeugt wird, kann als Wasserstoff genutzt und gespeichert werden.

Deutschland will die Nutzung von Gas zur Energiegewinnung stärken – vor allem von Wasserstoff, der mit Ökostrom hergestellt wird. Darauf hofft auch die Branche, doch die Strategie ist umstritten.

Die Bundesregierung will sich für die Stärkung der Gas-Branche einsetzen, wenn Deutschland in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres die europäische Ratspräsidentschaft übernimmt. Das kündigte Wirtschaftsstaatssekretär Andreas Feicht bei einer Gesprächsrunde mit Vertretern der Energiewirtschaft an.

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„Europa spielt natürlich eine große Rolle“, sagte Feicht. „Wir werden während der deutschen Ratspräsidentschaft einen Schwerpunkt beim Thema Offshore und einen weiteren beim Thema Gas setzen.“ Es gehe um Fragen der Versorgungssicherheit, aber auch darum, Gas zu dekarbonisieren.

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Neben dem Europäischen Parlament gehört der Rat der Europäischen Union zur Gesetzgebung des Staatenbundes. Bei seinen Sitzungen versammeln sich die zuständigen Fachminister der Mitgliedsstaaten. Die Leitung übernimmt keine einzelne Person, sondern ein Land, und zwar auf ein halbes Jahr begrenzt. Das gibt der betreffenden Regierung zwar formal nicht mehr Macht bei den Abstimmungen, durch die diplomatischen Aufgaben eine Präsidentschaft eröffnet sich aber ein gewisser Gestaltungsspielraum.

Feicht versprach der Branche zudem, das Thema in der Bundespolitik zu stärken. Er frischte die Ankündigung des Wirtschaftsministeriums auf, eine nationale Wasserstoffstrategie zu erarbeiten. Man wolle ein solches Papier im Dezember dem Bundeskabinett zum Beschluss vorlegen.

Überschussstrom von Windrädern im Visier

Es ist die Vision der Gasbranche: Erdgas als Brückentechnologie zur Energiewende – und parallel der Umstieg auf Gas auf (Öko-)Strombasis. Vor allem an „Überschussstrom“ von Windrädern wird dabei gedacht. Wenn der Wind weht und die Rotoren sich drehen, aber das Stromnetz ausgelastet ist, müsste man Windräder nicht mehr abregeln. Stattdessen könnte mit dem Strom Wasser in seine Bestandteile gespaltet und der gasförmige Wasserstoff als Energieträger genutzt werden.

Diese Option würde Erdgas-Gegnern den Wind aus den Segeln nehmen. Sie kritisieren, dass heutige Investitionen in die Gas-Infrastruktur sich erst rechnen, wenn aus Klimaschutzgründen längst kein fossiler Treibstoff mehr verbrannt werden darf. Das Erdgasnetz könnte man aber, so argumentiert die Branche, auch für die klimafreundliche Wasserstoff-Alternative nutzen.

Woanders mehr Bereitschaft zur Sektorkopplung

Die Vertreter der Energiewirtschaft, mit denen Feicht diskutierte, nahmen seine Ankündigungen entsprechend positiv auf. Oliver Weinmann von Vattenfall Europe Innovation bemängelte die bisherigen politischen Rahmenbedingungen für die Herstellung künstlicher Kraftstoffe in Deutschland. „Wenn der regulatorische Rahmen für einen wirtschaftlichen Betrieb der Anlagen in Deutschland nicht gegeben ist, investieren wir woanders“, sagte er. In den Niederlanden zum Beispiel sehe er mehr Bereitschaft zur Sektorkopplung, also zur Verbindung von Strom, Wärme und Verkehr.

Um das zu ändern, müsse ein CO2-Preis eingeführt werden, der das momentan noch hohe Preisgefälle zwischen synthetischen und fossilen Kraftstoffen mindere. „Die Probleme der Branche sind nicht mehr technologischer Art“, so Weinmann.

Die Technologie ist ineffizient

Umstritten ist allerdings, ob der Traum vom Öko-Gas überhaupt realistisch ist. In einer gemeinsamen Studie hatten kürzlich deutsche Wissenschaftler verschiedener Institute davor gewarnt, zu viel Hoffnung in dieses Projekt zu stecken. Das Problem: Die Technologie ist ineffizient, sie erfordert Wahnsinnsmengen Ökostrom. Und der wird ein rares Gut, wenn künftig auch Heizungen und Autos im großen Stil zu den Elektrogeräten gehören. Überschussstrom? Fehlanzeige.

Ihr Fazit: Öko-Gas wird Teil der erneuerbaren Zukunft – aber das aktuelle Verkehrs- und Heizsystem wird sich dadurch nicht versorgen lassen. Ohne Energiesparen durch effizientere oder gar geringere Nutzung werde es nicht gehen.

Sanfte Kritik kam in der Debatte denn auch von Simone Peter, der Chefin des Bundesverbands Erneuerbare Energien. „Ich würde mir wünschen, dass Deutschland während der Ratspräsidentschaft eine technologieoffene Debatte anstößt, dass es eben nicht nur um Offshore und Gas geht, sondern um das gesamte Potential der Erneuerbaren Energien“, sagte Peter.

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Susanne Schwarz
Keywords:
Wasserstoff | Erdgas
Ressorts:
Governance | Technology

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