Nachhaltige Entwicklung
13.10.2016

Städte außer Kontrolle

Foto: GIZ
In der Siedlung Ezbet al-Nasr in Kairo steht Haus an Haus.

Megacities weltweit droht der Klimakollaps, weil die Menschen massenhaft in die Städte strömen. Mit lokalen Projekten versucht die GIZ, die Entwicklung erträglicher zu machen.

 

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Die Megacities dieser Welt werden maßgeblich darüber entscheiden, ob die bei der Weltklimakonferenz in Paris auf dem Papier vereinbarten Ziele erreicht werden können. Diese Einsicht treibt auch Günther Wehenpohl an. Er leitet das Programm zur Stadtentwicklung in Armutsgebieten in Kairo bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Seit 2012 lebt er in der ägyptischen Hauptstadt. „Kairo ist eine Megacity mit mittlerweile mehr als 20 Millionen Einwohnern“, sagt Wehenpohl im Gespräch mit bizz energy.

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Mehr als die Hälfte der dortigen Bewohner lebt in Slums. Schon heute leidet die Stadt unter den enormen Menschenmassen und dem schnellen Wachstum. Häuser, Straßen und Müllkippen werden nicht geplant, sondern sprießen unkontrolliert aus dem Boden. „Innerhalb weniger Monate schießen hier 15- bis 18-stöckige Wohnhäuser in die Höhe“, erzählt Wehenpohl. Oftmals wird ohne formale Genehmigung durch die Behörden gebaut. Die Folge: zu enge Straßen, fehlende Lüftungen und kein Platz für öffentlichen Nahverkehr.

Um die unüberlegte Stadtentwicklung in geordnete Bahnen zu lenken, fördert die GIZ im Auftrag der Bundesregierung und der Europäischen Union deshalb kleine Projekte, die vor allem den armen Bewohnern zu Gute kommen sollen. Zwischen 2011 und 2018 sollen insgesamt 51 Millionen Euro fließen, um die Kontrolle über das Wachstum der Stadt zumindest ein Stück weit zurück zu erlangen.

 

Klimaschutz statt Kontrollverlust

„Eines der Hauptprobleme sind die großen Müllberge“, sagt GIZ-Experte Wehenpohl. Wenn Abfall nicht ordnungsgemäß entsorgt wird, ist das nicht nur schlecht für die Umwelt, sondern bietet einen Nährboden für Krankheiten und Seuchen. Mit Finanzierung durch die Bill und Melinda Gates Stiftung hat die GIZ deshalb in einem Stadtteil Kairos ein Recyclingprojekt entwickelt. Herzstück ist eine Anlage, die neben einer Wertstoffsortierung auch Restabfallstoffe als Alternative zu Öl oder Erdgas für die Zementherstellung separiert. Täglich können so 200 Tonnen alternative Brennstoffe gewonnen werden. Eine weitere händische Sortierung erfolgt durch eine NGO aus Müllsammlern und produziert weitere 30 Tonnen Brennstoffe. "Durch die Verwertung der alternativen Brennstoffe reduziert sich der CO2-Austoß erheblich", sagt Wehenpohl. „Damit die NGO weiter sortiert, erhält sie einen garantierten Abnahmepreis vom Zementhersteller, um auch in Zeiten niedriger Ölpreise die Produktion zu garantieren.“

Wie sich die Investitionen weltweit auf einen nachhaltigen Weg lenken lassen, untersucht ein aktueller Bericht von der Weltkommission zu Wirtschaft und Klima. Geleitet wird die aus Finanzexperten, Konzernchefs, ehemaligen Staatsoberhäuptern und Präsidenten von Entwicklungsbanken bestehende Kommission vom früheren Präsidenten Mexikos, Felipe Calderon und dem Klimaökonomen und einstigem Weltbankchef Nicholas Stern, der 2006 mit seinem vorgelegten Bericht über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Weltwirtschaft international Aufsehen erregte.

 

Die Billionen-Frage

Laut Bericht entscheidet sich in den nächsten 15 Jahren, ob die Klimawende in den Städten gelingt. Den Schätzungen zufolge fließen in den nächsten eineinhalb Jahrzehnten rund 80 Billionen Euro (90 Billionen US-Dollar) in den Städtebau und die Infrastruktur. Zwei Drittel davon werden allein in Schwellen- und Entwicklungsländer wie Ägypten verbaut werden. Dort biete eine neue Infrastruktur die "großartige Gelegenheit, die ineffizienten, weitläufigen und schmutzigen Systeme der Vergangenheit zu überspringen", heißt es in dem Bericht.

60 Prozent der Investitionen stehen demnach im Energie- und Verkehrssektor an. Um die in Paris vereinbarten Klimaziele zu erreichen müssen diese dringend von den fossilen Energieträgern Kohle, Öl und Gas auf emissionsarme Kraftstoffe und Erneuerbare umgestellt werden, fordert das Gremium.

Die Umlenkung der Finanzflüsse in eine nachhaltige Infrastruktur in den Städten ist eines der Top-Themen auf der am 17. Oktober in Quito in Ecuador beginnenden viertägigen UN-Städtekonferenz Habitat. Die findet nur alle 20 Jahre statt, zuletzt im Juni 1996 in Istanbul. An deren Ende soll die 30-seitige New Urban Agenda verabschiedet werden, ein Fahrplan für eine nachhaltige Stadtentwicklung über die kommenden zwei Jahrzehnte. 

Jana Kugoth
Keywords:
UN-Städtekonferenz | Quito | GIZ | Kairo | Ägypten | Abfallentsorgung | Energie | Verkehr | Recycling
Ressorts:
Finance

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