Energiewende
17.10.2017

Stadtwerke an der Leistungsgrenze

Illustrationen: Sascha Bierl

Kommunen subventionieren gerne Kitas und Schwimmbäder mit Gewinnen der Stadtwerke. Doch Wettbewerb und Energiewende zehren immer stärker an den Cashcows – und gefährden deren Kreditwürdigkeit.

Eigentlich liegen die Stadtwerke Gera als regionaler Versorger in Thüringen weit weg vom Rhein. Doch ihre Insolvenz Ende Juni 2014 wirkte wie ein Erdbeben, das selbst bei den 400 Kilometer entfernten Technischen Werken Ludwigshafen (TWL) noch zu spüren war. Zwei Wochen vor der spektakulären Gera-Pleite hatte TWL-Vorstand Hans Heinrich Kleuker einen immens wichtigen Konsortialkredit für sein Stadtwerk unterzeichnet. „Beim späteren Closing Dinner sagten die Banken mir, dass man diesen Vertrag nach Gera so nicht mehr abgeschlossen hätte“, verriet Kleuker in einem Interview mit der Fachpublikation „Der Neue Kämmerer“ und ergänzte: „Klar ist: Mit Gera hat sich die Sichtweise der Banken auf Stadtwerke stark verändert“. Die Risiken stünden nunmehr im Vordergrund.

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Die deutschen Stadtwerke sind traditionell die Goldesel der städtischen Kämmerer. Allein die Stadtwerke München als größtes von ihnen mit einem Jahresumsatz von sechseinhalb Milliarden Euro müssen jährlich 100 Millionen Euro ihres Gewinns an die Kommune abdrücken, um damit beispielsweise Schulen und Kitas zu finanzieren. Hinzu kommen oft enorme Quersubventionen für andere städtische Gesellschaften wie Verkehrsbetriebe. Dabei geraten etliche kommunale Versorger zunehmend an ihre finanziellen Leistungsgrenzen. Mitunter reichen die Gewinne aus dem Versorgungsbereich nicht mehr aus, um zum Beispiel die Verluste aus dem öffentlichen Nahverkehr auszugleichen, wie in Gera. Die Finanzprobleme der Kommunen zehren an ihren Energieversorgern – was angesichts der sehr guten Entwicklung der deutschen Wirtschaft besonders problematisch ist.

 

Verschuldungsgrad im kritischen Bereich

 

Sorge bereitet vor allem das steigende Verhältnis von Schulden zu den Jahresüberschüssen, der sogenannte dynamische Verschuldungsgrad. Dieses zentrale Maß für die Kreditwürdigkeit gibt an, in wie vielen Jahren ein Unternehmen seine Schulden auf Basis des aktuellen Cashflows zurückzahlen kann. Werte ab 3,0 halten Banken und Ratingagenturen für gefährlich, ab 4,0 ist es schwierig, überhaupt Kredite zu bekommen. Laut einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC von 2015 weisen 21 Prozent der Stadtwerke einen dynamischen Verschuldungsgrad von vier oder größer und damit im kritischen Bereich auf. Zwar legten die Gewinne der 300 untersuchten Stadtwerke 2015 im Schnitt um 6,9 Prozent zu, allerdings stieg auch ihre Verschuldung. Die Versorger profitieren laut PWC selbst kaum von ihren Gewinnzuwächsen, weil sie einen Großteil davon an die kommunalen Gesellschafter beziehungsweise an die kommunale Konzernmutter abführen müssten.

 

Stadtwerke

 

Das Gros der Unternehmen ist also weiter solide aufgestellt, doch die Schere geht weit auseinander. Was die Analysen von PWC zum Verschuldungsgrad freilich nicht preisgeben ist die Identität der Unternehmen. Diese halten sich bei dem Thema auch überwiegend bedeckt, zeigen ein Blick in die Geschäftsberichte und eine stichprobenartige Umfrage von bizz energy. Nur die wenigsten teilen ihren Verschuldungsgrad explizit mit. Zum Teil wird behauptet, dieser sei wegen unterschiedlicher Konsolidierungs- und Berechnungsverfahren nicht vergleichbar. Tendenziell lässt sich sagen: Mit steigendem Verschuldungsgrad sinkt die Bereitschaft, Auskunft zu geben. Die meisten antworten erst gar nicht oder verweisen auf den Geschäftsbericht. Mit den Angaben darin und einer einschlägigen Formel lässt sich der Verschuldungsgrad zumindest aufwendig rekonstruieren.

 

Viele Stadtwerke müssen dringend umsteuern

 

Dabei ergeben sich erstaunliche Einblicke. So weisen die Stadtwerke in Bremen, Bochum, Bonn, Kiel und teilweise auch Ludwigshafen (TWL) Werte im kritischen Bereich aus. Besonders ernst war die Lage in Bremen mit 6,7. Am unteren Ende der Skala kommen die Klassenbesten Stadtwerke Neuss und Gelsenwasser sogar auf Werte im negativen Bereich. Der Durchschnittswert und der mittlere Wert (Median) betragen in dieser Stichprobe von 18 Unternehmen jeweils 2,5. Insofern gelangt man zu dem Schluss, dass es den Stadtwerken insgesamt weiterhin recht gut geht, einer großen Minderheit aber erhebliche Finanzierungsprobleme drohen.

 

Die Ergebnisse bestätigen frühere umfangreichere Untersuchungen. So ergab die Umfrage des „Neuen Kämmerers“ im Januar dieses Jahres, dass 31 Prozent der 67 teilnehmenden Stadtwerke einen Wert kleiner eins erreichen. Bei weiteren 46 Prozent beträgt er weniger als drei. Bei 13 Prozent liegt er zwischen drei und sechs, vier Prozent haben einen Verschuldungsgrad größer als sechs. Die PWC-Studie ermittelte für den Verschuldungsgrad 2015 einen Median von 2,3  Dieser mittlere Wert lag damit noch 0,1 höher als in den beiden Jahren zuvor. Viele Stadtwerke müssen dringend umsteuern.

 

Finanzielle Durststrecke

 

Diese Probleme würde der  Verband kommunaler Unternehmen (VKU), die  Lobbyorganisation der Stadtwerke, am liebsten wegreden. „Stadtwerke sind nach wie vor überwiegend finanziell gut bis sehr gut aufgestellt“, erklärt der Verband auf Anfrage von bizz energy. Insgesamt seien Engpässe bei der Kreditversorgung nicht erkennbar und auch kein Fall bekannt, in dem eine Bank einen Kredit für ein Stadtwerk wertberichtigen musste. „Daher genießen Stadtwerke nach wie vor ein hohes Vertrauen bei den Kreditinstituten“, so der Sprecher. Gleichwohl räumte er ein, dass einige Unternehmen „eine finanzielle Durststrecke durchmachen“. Die Probleme sind aber weniger hausgemacht, sondern lägen an...

 

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der September-Ausgabe von bizz energy. Unser Magazin ist im gut sortierten Zeitschriftenhandel, bei unserem Abonnentenservice unter bizz-energy@pressup.de oder als E-Paper im iKiosk erhältlich.

 

Lesen Sie auch: Stadtwerke investieren wieder mehr in Kraftwerke

 

Steven Hanke
Keywords:
Stadtwerke | Kommunen | Energiewende | Energiewirtschaft | Ökostrom | erneuerbare Energien
Ressorts:
Finance | Markets

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