Verkehrswende
09.10.2019

Städte machen Front gegen den Verbrennungsmotor

Foto: iStock
Nicht nur der Champs-Élysées ist in der französischen Hauptstadt Paris stark vom Autoverkehr belastet.

Immer mehr Bürgermeister in Europa sperren Autos mit Diesel- und Benzinantrieb aus ihren Städten aus. Das Autoland Deutschland ist von diesen radikalen Maßnahmen weit entfernt – noch.

Ungeachtet gegenteiliger Beteuerungen der Autoindustrie droht dem Verbrennungsmotor in absehbarer Zeit das Aus. Denn immer mehr Städte in Europa verbannen diesel- und benzinbetriebene Fahrzeuge aus ihrem Gebiet, darunter Metropolen wie Oslo, Brüssel und Paris. Ihr Ziel ist, die innerstädtische Luftverschmutzung massiv zu senken und etwas gegen den Klimawandel zu tun. Das macht Autos mit thermischen Antrieben immer unattraktiver.

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Vorreiter der Bewegung ist das spanische Pontevedra, das schon vor 15 Jahren Autos aussperrte. Damals ging es Bürgermeister Miguel Anxo Fernández Lores darum, „das Stadtgebiet mit seiner engen mittelalterlichen Bebauung wieder lebenswert zu machen.“ Heute ist die Stadt in Galizien nur zu Fuß oder per Rad zu erreichen. Einzig Anwohner dürfen zum Be- und Entladen mit dem Auto hineinfahren. Danach müssen sie ihre Fahrzeuge wie alle Besucher außerhalb der Stadt auf großen Parkflächen oder in unterirdischen Parkhäusern abstellen. Ergebnis: Der CO2-Ausstoß in Pontevedra sank um zwei Drittel. Nun pilgern Stadtplaner aus aller Welt dorthin, um sich von der Atmosphäre einer City ohne Lärm und Gestank inspirieren zu lassen.

Stadtplaner schauen auf Belgiens Hauptstadt

Auch die Stadträte der englischen Universitätsstadt Oxford orientierten sich an Pontevedra, als sie entschieden, alle mit Benzin oder Diesel angetriebenen Autos bis 2025 aus der Stadt zu verbannen. Ab nächstem Jahr gilt das Verbot bereits für die City, fünf Jahre später sollen im ganzen Stadtgebiet nur noch emissionsfreie Fahrzeuge erlaubt sein. Autos mit Verbrennungsmotor müssen dann am Stadtrand abgestellt werden und die Insassen öffentliche Verkehrsmittel benutzen. 

Kleinere Städte wie Pontevedra mit 80.000 oder Oxford mit 160.000 Einwohnern tun sich beim Umbau zu einer autofreien Stadt naturgemäß leichter. Deshalb verfolgen Stadtplaner aufmerksam die Pläne Brüssels, die Fußgängerzone im Zentrum – jetzt schon die größte Europas – auf fünf Quadratkilometer auszuweiten. Belgiens Hauptstadt war einst Vision und ist heute Albtraum einer autogerechten Stadt. Für die Expo 1958 wurden tausende alte Bürgerhäuser abgerissen, um Platz für einen innerstädtischen Autobahnring zu schaffen und ihn mit Zubringerstraßen und Tunneln mit dem äußeren Autobahnring zu verbinden.

Oslo mit höchsten Anteil an Elektroautos

„Jahrelang hat man Brüssel entstellt und geplagt, damit Autos durch die Stadt fahren können“, klagt der frühere Bürgermeister Yvan Mayeur im Gespräch mit bizz energy, der 2015 das Projekt anstieß. Nun erobere die Stadt den öffentlichen Raum für Fußgänger und Radfahrer zurück. Ziel sei es, die gesamte Altstadt für Autos zu sperren und im übrigen Stadtgebiet langfristig nur noch emissionsfreie Fahrzeuge zu erlauben.

Norwegens Hauptstadt ist da noch ehrgeiziger. Schon Ende des Jahres sollen im Zentrum Oslos keine Autos mehr fahren dürfen. Das Verbot betrifft eine Fläche von 1,7 Quadratkilometern. Es gehört zur Strategie der linken Stadtregierung unter Bürgermeisterin Marianne Borgen, den CO2-Ausstoß bis 2030 um 95 Prozent zu senken. Schon heute hat Oslo den höchsten Anteil an Elektroautos weltweit. Allerdings macht der Einzelhandel wie in Brüssel Front gegen die Pläne einer komplett autofreien Stadt. Deshalb dürften E-Autos und andere emissionsfreie Fahrzeuge weiter freie Zufahrt haben. 

Paris will Verkehrsinfrastruktur radikal umbauen

Paris, die am dichtesten besiedelte Metropolregion Europas, will ebenfalls seine Verkehrsinfrastruktur radikal umbauen. „Wir haben es zugelassen, dass unsere Städte von Autos kolonisiert wurden“, meint Christophe Najdovski, stellvertretender Bürgermeister der französischen Hauptstadt, im Gespräch mit bizz energy. Obwohl nur für ein Zehntel der innerstädtischen Transporte genutzt, nehmen sie in Paris 50 Prozent des öffentlichen Raumes ein.

Euro-1- und Euro-2-Diesel sind bereits aus dem Großraum Paris verbannt, ab 2022 gilt das Verbot auch für Diesel bis Euro 4 und ab 2025 sogar für Neuwagen. Bis 2030 sollen alle Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren aus der Metropolregion verschwinden. Ähnliche Pläne verfolgt Grenoble. Auch national ist der Verbrennungsmotor ein Auslaufmodell. Die Regierung von Präsident Macron will den Verkauf von Fahrzeugen mit thermischen Motoren bis 2040 vollständig verbieten.

Madrid und Athen verfolgen eine ähnliche Strategie wie Paris. Allerdings tüfteln die Stadtplaner in der spanischen und in der griechischen Hauptstadt noch an der Umsetzung. Von solch revolutionären Plänen ist das Autoland Deutschland weit entfernt. Flächendeckend autofreie Zonen gibt es bisher nur auf den friesischen Inseln. Abgesehen von innerstädtischen Fußgängerzonen haben aber Hamburg, München, Münster und Freiburg erste autofreie Stadtquartiere entwickelt. Einzig die Bremer Regierung aus SPD, Grüne und Linke plant, das Zentrum der Hansestadt bis 2030 autofrei zu machen.

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Norbert Mühlberger
Keywords:
Verkehrswende | Kommunen | Fahrverbote
Ressorts:
Governance

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