BIZZ-Exklusiv
07.12.2012

„Starker Impuls für Deutschland“

Foto: Markus Glower/Umwelbundesamt

Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes, im Interview mit BIZZ energy today über das Zusammenspiel von Naturschutz und Energiewende sowie Klimaschutz und Emissionshandel.

BIZZ energy today: Herr Flasbarth, ist es sinnvoll, den Ausbau der erneuerbaren Energien stärker an den Netzausbau zu koppeln?

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Jochen Flasbarth: Es ist richtig, beides besser miteinander zu verzahnen. Am Ende darf  sich die Katze aber nicht in den Schwanz beißen, sprich: Der Ausbau der Erneuerbaren und der Netzausbau dürfen sich nicht gegenseitig blockieren. 

BIZZ e.t.: Fehlt es denn an Investoren?

Flasbarth: Das sehe ich nicht. Institutionelle Anleger, etwa aus der Versicherungswirtschaft, sind an Investitionen in die deutsche Netzinfrastruktur sehr interessiert. Zudem will Bundesumweltminister Peter Altmaier im Rahmen eines Fonds, der attraktive Renditen bietet, die Bürger finanziell am Netzausbau beteiligen. 

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BIZZ e.t.: Aber es dauert oft Jahre, bis neue Leitungen überhaupt gebaut werden dürfen.

Flasbarth: Stimmt, da müssen wir schneller werden. Das Netz darf am Ende nicht zum Engpass der Energiewende werden. Derzeit existieren leider einige neuralgische Punkte. 

BIZZ e.t.: Wo genau?

Flasbarth: Es hakt beim Abtransport aus Norddeutschland, insbesondere bei der Trasse Osterath-Weißenthurm und der Thüringer Strombrücke. Die Bundesregierung hat zwar neue Regeln für den Ausbau der Netze eingeführt, die den Prozess beschleunigen werden. Viele Projekte, die derzeit stocken, stammen aber noch aus der Zeit vor dieser Gesetzesänderung. Generell gilt, die Bevölkerung muss frühzeitig miteinbezogen werden.

BIZZ e.t.: Nicht nur beim Netzausbau kollidieren die Interessen von Naturschutz mit den Zielen der Energiewende. Lässt sich dieser Konflikt jemals lösen?

Flasbarth: Naturschutz und erneuerbare Energien passen besser zusammen, als das derzeit allgemein diskutiert wird. Die stärkste Bedrohung für die biologische Vielfalt in den nächsten Dekaden ist der Klimawandel. Deshalb braucht auch der Naturschutz die Erneuerbaren. Bestehende konkrete Konflikte lassen sich zudem lösen. Ein gutes Beispiel sind die Schutzgebiete in Nord- und Ostsee. Dort dürfen keine Offshore-Parks entstehen. 

BIZZ e.t.: Der Konflikt zwischen Naturschutz und Energiewende existiert auch an Land. Welche Lösungen schweben Ihnen da vor? 

Flasbarth: Nehmen Sie die Windenergie – die süddeutschen Länder haben sich lange zurückgehalten und nun zu Recht ehrgeizige Ziele formuliert. Baden-Württemberg wird diese Ziele als waldreiches Land nur erreichen können, wenn es die Errichtung von Windkraftanlagen im Wald nicht grundsätzlich ausschließt.

BIZZ e.t.: Was sofort Proteste von Naturschützern provozieren wird...

Flasbarth: Auch hier lassen sich die Interessen zusammenführen. Tabu sein müssen natürlich naturnahe, ökologisch hochwertige Wälder. Aber es gibt immer noch viele Monokulturen. Hier können Windräder errichtet werden und zugleich kann an solchen Standorten der ökologische Waldumbau vorangetrieben werden.

BIZZ e.t.: Man hat den Eindruck, dass der Energiewende die Luft ausgegangen ist, weil nur noch über Kosten diskutiert wird. Wurde das zu lange ignoriert?

Flasbarth: Es ist in jedem Fall notwendig, dass wir die Energiewende hinbekommen, ohne den Industriestandort Deutschland zu schwächen. Allerdings dürfen wir bei der Kostendebatte nicht die Chancen aus den Augen verlieren. Wir leisten mit der Energiewende einen  sehr starken Modernisierungsimpuls für Deutschland.

BIZZ e.t.: Sind denn die Kosten gerecht verteilt? Die energieintensive Industrie wird ja entlastet und muss etwa die EEG-Umlage nicht zahlen.

Flasbarth: Wir als Umweltbundesamt weisen schon lange darauf hin, dass die jetzigen Regeln für die Privilegierung bei der EEG-Umlage erhebliche Mitnahmeeffekte ermöglichen. Derzeit werden auch Unternehmen privilegiert, die nicht im internationalen Wettbewerb stehen. Aber ehrlicherweise muss man sagen: Selbst wenn alle Industrieunternehmen die Umlage zahlen müssten, bliebe es bei einem spürbaren Kostenanstieg, auch bei den Haushalten.

BIZZ e.t.: International scheint der Klimaschutz von der Agenda verschwunden zu sein. 

Flasbarth:  Ja, das ist leider so. Umso wichtiger ist es, dass wir konsequent an unseren Klimaschutzbemühungen festhalten. Deutschland kann mit der Energiewende zeigen, dass eine klimaverträgliche Wirtschaftsweise in einem hochentwickelten Industrieland möglich ist. 

BIZZ e.t.: Die EU-Kommission will CO2-Zertifikate vom Markt nehmen, um den Emissionshandel wieder zu beleben. Freut Sie das?

Flasbarth: Die Kommission verfolgt nur die zweitbeste Lösung. Sie verändert ja nicht die Ziele, sondern nimmt lediglich – und zwar zunächst vorübergehend – Zertifikate aus dem Markt, ohne zu wissen, was später damit passiert. Der Emissionshandel funktioniert aber nur, wenn wir ehrgeizige Ziele formulieren. Daran mangelt es ganz klar.  

BIZZ e.t.: Was schlagen Sie vor?

Flasbarth: Die EU sollte sich zum Ziel setzen, nicht 20, sondern 30 Prozent Treib-hausgas-Emissionen bis 2020 einzusparen. Das wäre angemessen und würde die europäische Wirtschaft nicht überfordern. Wir würden damit Preissignale aussenden, damit Investitionen in Energieeffizienz stattfinden. Im Augenblick ist dies aber nicht einigungsfähig, weil Polen sich verweigert.

Das komplette Interview finden Sie in der Dezember-Ausgabe von BIZZ energ today, – erhältlich im ausgewählten Zeitschriftenhandel.  Oder im Abo.

Karsten Wiedemann
Keywords:
Umweltbundesamt | Doha | EEG | Strompreise | Netzausbau | Naturschutz | Katar | EU-Komission | BIZZ-Exklusiv | Jochen Flasbarth
Ressorts:
Governance

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