Unternehmertum
28.06.2017

Start-ups fordern mehr Freiräume

Foto: tu-campus-euref.de
Innovationsraum: Der Forschungscampus Euref in Berlin

Vorbild Großbritannien: Deutsche Jungfirmen wünschen sich weniger bürokratische Hindernisse, um neue Technologien austesten zu können.

Sandbox, also Sandkasten, nennt sich das Programm der britischen Regulierungsbehörde FCA, das Robin Tech gerne auch in Deutschland sehen würde. „Wir brauchen abgegrenzte Räume, in denen ausprobiert werden kann. So lassen sich Anwendungsfälle finden und Probleme lösen“, sagt Tech, Wirtschaftswissenschaftler und Gründer des Berliner Start-up-Acceleratorprogrammes Atomleap mit Fokus auf dem Internet of Things (IoT). Nicht nur aus seiner, sondern aus Sicht der gesamten deutschen Start-up-Szene werden viele Innovationen durch ein Zuviel an Bürokratie gebremst. Die Zahl der Unternehmensgründungen ist 2016 auf ein historisches Tief gesunken, was allerdings vor allem mit der guten wirtschaftlichen Lage in Deutschland zu tun hat.

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London hingegen gilt – zumindest bisher noch – als besonders gründerfreundlich. So dürfen Fintech-Start-ups, die beispielsweise auf die Blockchain-Technologie setzen, gemäß des Sandkasten-Prinzips ihr Geschäftsmodell unter Beobachtung der Behörden weitgehend ohne hemmende Regulierung mit echten Kunden austesten. Für Tech ein Vorbild: „Das ist sehr mutig und es kann gut sein, dass etwas schiefgeht“, sagte er während der Berliner Agendakonferenz „Wege zur Mobilitätswende“. Andererseits ermögliche dieser Freiraum, Innovationen schneller zur Anwendung zu bringen und Technologien auszuprobieren.

Task-Force mit Start-up-Kompetenz gefordert

Die Beseitigung bürokratischer Hürden ist auch in der Start-up-Agenda ein großes Thema, die der Bundesverband Deutsche Start-ups kürzlich vorgelegt hat. „Aufsichtsinstitutionen wie die BaFin, aber auch die Finanzministerien und -ämter müssen innovative Geschäftsmodelle verstehen, um Partner von innovativen Unternehmen sein zu können“, fordert der Verband darin. Die entsprechenden Behörden bräuchten spezialisierte Task-Force mit Start-up-Kompetenz und digitale Wirtschaftskompetenz, um schnelle Entscheidungswege zu ermöglichen. Zudem müsse sich der Umfang von Regulierungen an das Risiko der Unternehmensidee anpassen – so seien junge innovative Unternehmen anders zu regulieren als Banken.

Ein Beispiel aus der Energiebranche ist das Start-up Ubitricity, beheimatet auf dem Berliner Forschungscampus Euref. Es hat eine smarte Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge entwickelt, mit der über mobile Stromzähler beispielsweise Straßenlaternen angezapft werden können. In Deutschland ging der Ausbau wegen einer lange unklaren Situation im Rahmen der Ladesäulenverordnung bisher nur stockend voran, berichtet Mitgründer und Geschäftsführer Frank Pawlitschek. In London hingegen hat Ubitricity mittlerweile in einem Pilotprojekt innerhalb eines Dreivierteljahres knapp 100 Ladepunkte aufgebaut – hierzulande brauchte es für die gleiche Anzahl drei Mal so lange. „In anderen Ländern gibt es mehr Offenheit für Innovation, und die Angst, Neues auszuprobieren, ist weniger stark ausgeprägt“, sagt Pawlitschek. Größter Vorteil der Ubitricity-Ladepunkte im öffentlichen Raum aus seiner Sicht: Die Nutzung geeigneter Laternen oder deren Nachverkabelung sei für Kommunen sowohl in der Einrichtung als auch im Betrieb deutlich günstiger als der Neubau von Ladesäulen.

Mutiges Beispiel aus Bayern

Dass es in Deutschland durchaus auch Mut zu neuen Wegen gibt, zeigt ein Beispiel aus Niederbayern: In dem Kurort Bad Birnbach hat der Landrat kurzerhand eine Ausnahmegenehmigung erteilt, um der Deutschen Bahn den Testbetrieb eines autonomen Shuttles zu ermöglichen. Der Shuttle-Bus für zwölf Personen wird dort von Herbst an zwischen Thermalbad und Stadtzentrum sowie später auch dem Bahnhof verkehren. Die entsprechende TÜV-Zertifizierung ist bereits auf dem Weg. Das Gefährt soll als intelligentes Sammeltaxi den öffentlichen Nahverkehr ergänzen. Die Höchstgeschwindigkeit hat der Landrat aus Sicherheitsgründen allerdings auf 20 Stundenkilometer beschränkt. Zudem wird vorerst noch ein Stewart mitfahren.

Jutta Maier
Keywords:
Start-ups | Bürokratie | Deutschland | Großbritannien | Förderung
Ressorts:
Governance

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