Aus der Kosten-Debatte um die erste Steinkohle-Ausschreibung hat die Bundesnetzagentur offenbar gelernt. Als sie letzte Woche die Ergebnisse der zweiten bekannt gab, gab es nur dürre Hinweise, die Ausschreibung sei erneut überzeichnet gewesen und der Zuschlag für drei Anlagen mit zusammen 1.514 Megawatt für Preise zwischen null und 59.000 Euro pro Megawatt weggegangen. Nach der ersten Runde hatten Bundesnetzagentur und Bundesregierung noch Kosten von 317 Millionen Euro für stillzulegende 4.800 Megawatt rechtfertigen müssen. 

Drei Gebote setzten sich laut Bundesnetzagentur in der zweiten Runde durch: das Uniper-Kraftwerk in Wilhelmshaven mit 757 Megawatt Leistung, der Block 3 des niedersächsischen Kraftwerks Mehrum mit 690 Megawatt, seit 2017 Eigentum der Holding EPH, sowie das 67-Megawatt-Industriekraftwerk Deuben der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft Mibrag, ebenfalls im Eigentum der EPH. Deuben wird mit Braunkohle betrieben, fällt aber nicht unter die Braunkohle-Einigung.

Alle drei Anlagen sind deutlich mehr als 40 Jahre alt. Deuben gehört zu den am längsten betriebenen Kraftwerken in ganz Deutschland. Die erste Anlage dort war schon 1936 in Betrieb gegangen. Als Industriekraftwerk, das unter anderem eine Brikettfabrik mit Strom und Wärme versorgt, lief Deuben über die Jahre ziemlich kontinuierlich durch.

Die entsprechende Anlagenliste der Deutschen Emissionshandelsstelle weist für Deuben von 2016 bis 2019 jedes Jahr CO2-Emissionen von im Schnitt rund 750.000 Tonnen aus. Die anderen beiden Anlagen litten dagegen deutlich unter mangelnder Auslastung: Im Kraftwerk Wilhelmshaven sanken die CO2-Emissionen von 1,6 Millionen Tonnen 2018 auf rund 400.000 Tonnen 2019 sowie im Kraftwerk Mehrum von 2,3 Millionen 2018 auf 700.000 Tonnen 2019. Anfang 2020 gab es Berichte, wonach Mehrum die meiste Zeit ohnehin stillsteht. Erst im September 2020 lieferte es wieder Strom – und sollte zu der Zeit laut den Berichten noch bis 2025 laufen.

CO2-Bilanz deutlich schlechter

Dass Mehrum im Jahr 2020 noch viel CO2 emittierte, ist eher unwahrscheinlich. Unabhängig davon kann 2020 wegen der Pandemie nicht so recht als Referenzjahr dienen. Rechnet man die 2019er Emissionen zusammen, ersparen die jetzt stillzulegenden rund 1.500 Megawatt künftig schätzungsweise nicht mehr als 1,9 Millionen Tonnen CO2 im Jahr.

Die CO2-Einsparbilanz der zweiten Ausschreibung fällt damit deutlich schlechter aus. In der ersten Runde wurden mit der Stilllegung von 4.800 Megawatt nach Angaben des Bundesumweltministeriums jährlich mehr als 10 Millionen Tonnen CO2 eingespart – pro Megawatt im Schnitt also etwa 2.100 Tonnen. In Runde zwei sind es pro Megawatt, soweit die Daten die Schätzung zulassen, um die 1.250 Tonnen, vergleichsweise also nur etwa 60 Prozent gegenüber der ersten Runde.

Eine Ursache dafür ist sicher darin zu suchen, dass sich das Ausschreibungsdesign bei der Steinkohle nicht vordergründig nach CO2 und Klimaschutz richtet, sondern nach dem preiswertesten Angebot sowie danach, ob die Stilllegung einer Anlage auch vom Netz her verkraftbar ist.

Als Retter der Kraftwerksstandorte tritt aktuell Wasserstoff auf den Plan. In Wilhelmshaven plant Uniper zusammen mit Rhenus und Salzgitter, eine Wasserstoff-Infrastruktur zur Direkt-Reduktion von Eisenerz aufzubauen, perspektivisch auch mit "grünem" Wasserstoff.

Unter dem Titel "H2Mehrum" gründete sich letztes Jahr eine Initiative, die "grünen" Wasserstoff für die Wirtschaftsregion Hannover-Braunschweig-Wolfsburg voranbringen möchte. Dazu soll in einer Machbarkeitsstudie untersucht werden, inwiefern sich der Standort des Kraftwerks Mehrum für den Aufbau eines Wasserstoff-Netzwerks eignet. Das Ergebnis der Studie wird für Sommer 2021 erwartet.

Die Mibrag zieht es vor, vom Veredlungsstandort Deuben zu sprechen, weil dort nicht nur Strom, sondern auch Wärme für die so genannten Kohleveredlung gewonnen wird. (Copyright: Mibrag/Rainer Weisflog)