Digitalisierung
19.01.2017

Stiefkind Smart-Home-Sicherheit

Foto: istock.com / baloon111
Per Tablet lassen sich im Smart Home Licht, Haushaltsgeräte und Heizung steuern.

Mit der Vernetzung von Heimgeräten steigt die Gefahr von Hackerangriffen. Doch in der Forschung rangiert die IT-Sicherheit für das intelligente Zuhause auf den hintersten Plätzen, wie ein neuer EU-Bericht zeigt.

Es ist ein Befund, der Energiekommissar Miguel Arias Cañete zum Nachdenken anregen sollte. Die oberste Forschungseinrichtung der EU-Kommission hat ein zentrales Vorhaben des Spaniers unter die Lupe genommen: den Wandel vom analogen zum digitalen Heim. Am Smart Home mit seinen vernetzten Geräten sind viele Branchen interessiert, aber gerade für die Energiewirtschaft soll es ein Wachstumsfeld sein.

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Vor Kurzem veröffentlichte das Joint Research Centre (JRC) der Europäischen Kommission nun die neueste Übersicht zum Stand der Wissenschaft in Sachen intelligente Stromnetze. Wie aus dem Bericht Smart Grid Laboratories 2016 hervorgeht, rangieren bei der Forschung zum Smart Home ausgerechnet Sicherheitsaspekte auf den letzten Rängen.

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Nicht einmal jedes sechste befragte Institut beschäftigt sich mit den Aspekten IT-Sicherheit oder Datenschutz im Smart Home. Weniger Aufmerksamkeit bekamen nur zwei andere Themen. In der Softwareentwicklung fürs vernetzte Heim rangiert Cybersicherheit mit einem jämmerlichen Wert von vier Prozent sogar auf dem letzten Platz. Ganz vorne landeten dagegen anwendungsorientierte Themen wie Energiemanagement oder die Integration erneuerbarer Energien ins Stromnetz.

Das JRC hatte 69 renommierte öffentliche Forschungsinstitute aus Europa und Amerika befragt, vom Imperial College in London über die Princeton University in den USA bis zur RWTH Aachen.

 

Berliner Datenschutzbeauftragte übt Kritik

Wie geringschätzig die Topforscher Sicherheitsaspekte behandeln, trifft bei der Berliner Datenschutzbeauftragten auf Unverständnis. „Nur ein Haus, das die Privatsphäre seiner Bewohner achtet, kann wirklich als smart bezeichnet werden. Ich halte es daher für kritikwürdig, dass derzeit zu wenig entsprechende Forschung betrieben wird“, sagt Behördenleiterin Maja Smoltczyk und fordert: „Das Thema Datenschutz sollte als Querschnittsmaterie in alle relevanten Forschungsprojekte einbezogen werden.“

Kein Wunder: In den vergangenen Monaten wurde viel über die rasant wachsenden Möglichkeiten für Hacker diskutiert, durch vernetzte Geräte immer neue Einfallstore für Schadsoftware zu finden. Kriminelle können sich beispielsweise in Kameras fürs Kinderzimmer einhacken oder aus der Ferne moderne Tiefkühlschränke ausknipsen.

 

IT-Wirtschaft sieht Nutzer in der Verantwortung

Der Branchenverband Bitkom sieht die Defizite allerdings weniger in der Forschung als bei den Nutzern: „Der Forschungsbedarf speziell für Cybersicherheit im Smart Home ist überschaubar. Wir haben es bei Smart-Home-Lösungen mit grundsätzlichen Themen der IT-Sicherheit zu tun, zum Beispiel der regelmäßigen Verteilung von Sicherheitsupdates, Passwort-Sicherheit, Netzwerksicherheit oder Verschlüsselung“, teilt der IT-Verband mit. „Es handelt sich eher um ein Umsetzungsdefizit. Die entsprechenden Sicherheits-Features müssen in die Produkte implementiert werden. Das macht sie zuweilen etwas teurer. Die Verbraucher sollten daher genau hinschauen und entscheiden, für welche Produkte mit welchen Sicherheitsfunktionen und -services sie sich entscheiden.“

Die Verantwortung allein bei den Anwendern abzuladen, geht Marktforschern dann aber doch zu weit. So sagte Hans-Joachim Kamp, Aufsichtsratsvorsitzender des IFA-Veranstalters gfu, bei der Vorstellung einer anderen Smart-Home-Studie im vergangenen Jahr: „Die Anbieter müssen weiter hart daran arbeiten, die Lösungen so einfach wie möglich, aber auch so sicher wie nur irgend möglich zu gestalten, damit die gewonnenen Vorteile beim Konsumenten mehr ins Gewicht fallen als die Bedenken.“

 

Informatiker sieht noch hohen Forschungsbedarf

Für den Informatikprofessor Ulrich Greveler ist der Forschungsbedarf zur Datensicherheit im Smart Home immer noch hoch. Es müsse beispielsweise verhindert werden, dass einzelne Hersteller Fremdkomponenten mangelhaft integrieren, sagt der Experte für das Internet der Dinge von der Hochschule Rhein-Waal. Für verbraucherfreundliche Privatsphäre-Einstellungen müssten noch Standards entwickelt werden. Eine weitere Forschungsfrage ist für Greveler: Wie kann eine Anbindung von mobilen Apps erfolgen, ohne dass Hersteller-Server im In- und Ausland notwendig beteiligt sind?

Automatische Sicherheitsupdates der Produzenten hält der Smart-Home-Experte noch keineswegs für ausgereift: „Security Patches werden einerseits dringlich benötigt, andererseits führt eine Systemveränderung ohne Zutun des Benutzers nicht selten zu Systemversagen – und der Nutzer steht dann hilflos vor seinen nicht mehr funktionsfähigen smarten Komponenten.“

Manuel Berkel
Keywords:
Smart Home | Datenschutz | Cybersicherheit | Bitkom
Ressorts:

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