Nicht weniger als einen energiepolitischer New Deal schlägt die Reiner Lemoine Stiftung (RLS) in einem Diskussionspapier vor. Dieser solle das „Korsett des konventionellen Energiesystems“ aufbrechen und den Energiemarkt von der Zukunft her denken. Notwendig seien dafür vor allem der massive Ausbau von Solar- und Windkraftwerken, die Etablierung von vernetzten Versorgungszellen und ein Kapazitätsmechanismus für die netzgebundene Stromerzeugung.

„Ein erneuerbares Energiesystem ist technisch ohne weiteres möglich“, sagt RLS-Kuratoriumsmitglied Eberhard Holstein. „Dafür müssen wir den Ausbau vor Ort entfesseln. Bis zum Netzanschlusspunkt sollte jeder machen können, was er will. So entsteht in Mietshäusern, Quartieren oder Gewerbegebieten eine individuelle Ökonomie der Flexibilität“, so der Energiemarktexperte.

Verdreifachter Strombedarf durch Elektrifizierung

[bild1]Infolge von Effizienzsteigerungen erwartet die Stiftung ein Absinken des Endenergieverbrauchs in Deutschland von heute 2.500 Terawattstunden im Jahr auf 1.650 Terawattstunden bis zum Jahr 2035 oder wenig später. Durch die Elektrifizierung aller Energiesektoren werde sich der Bruttostromverbrauch jedoch von aktuell rund 600 auf rund 1.600 Terawattstunden verdreifachen. Um diesen komplett erneuerbar zu erzeugen, müssten die Windkraft-Kapazitäten verfünffacht und die Photovoltaik verzehnfacht werden.

Doch die Energieversorgung müsse auch regional werden. Der Vorteil: Durch lokale Wertschöpfung und Beteiligung könnten bislang importierte fossile Energieträger zunehmend durch die heimische Sonnen- und Windenergie ersetzt werden. Die Teilhabe der Menschen sieht die Stiftung als Erfolgsbedingung für die Energiesystemwende.

Vor-Ort-Versorgung und vernetzte Zellen
 
Mit dem Bedeutungsgewinn des Stromsektors steige auch das Volumen des Netzstroms. Jedoch seien Netze zukünftig nur noch ein Teil der Lösung, meinen die Autoren des Diskussionspapiers. Rund ein Drittel des Stroms müsse bereits lokal erzeugt, gespeichert und verbraucht werden. Die Anreize seien so zu setzen, dass es sich lohne, sich im Energiemarkt einzubringen. Dies erfordere auch eine weitgehende Liberalisierung der Versorgung vor Ort und einen Verzicht auf Förderung, Abgaben und Bürokratie. Und es müsse ein Markt entstehen, der die lokalen Zellen miteinander verbindet.

Zudem brauchen es ein neues Vergütungssystem: „Dafür muss ein erneuerbarer Kapazitätsmarkt mit Grundpreisen für bereitgestellte Strommengen geschaffen werden“, sagt Holstein. Hintergrund sei, dass durch den Übergang in das erneuerbare Energiesystem mit niedrigen Grenzkosten produzierte Kilowattstunden immer häufiger an Wert verlieren würden. Zusammen mit CO2-Abgaben solle der Grundpreis zukünftig den netzgebundenen Zubau von Erzeugungskapazitäten anreizen. Der Stiftung zufolge sollte dies durch eine staatlich orchestrierte Steuerung erfolgen – ausgerichtet an den Verbrauchszentren und der Netzsituation.

Ein großer Wurf muss her

Um die Energie- und Klimawende zu schaffen, fordern die Autoren neben einigen Sofortmaßnahmen für den Ausbau der erneuerbaren Energien auch eine neue energiepolitischen Agenda. Die Zeit bis zur nächsten Bundestagswahl solle genutzt werden, um den New Deal für das erneuerbare Energiesystem weiterzuentwickeln und dafür zu werben.

Die Reiner Lemoine Stiftung in Berlin fördert seit 2006 Forschungsarbeiten zur Entwicklung und Optimierung erneuerbarer Energien und zur Transformation des Energiesystems. Namensgeber Reiner Lemoine war ein Pionier der Solarindustrie.

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100 Prozent Erneuerbare: Die Reiner Lemoine Stiftung beschreibt eine Zielvision für ein neues Energiesystem. (Foto: iStock)