Strommarkt
25.05.2018

Stromvermittler Enyway: Mehr Angebot als Nachfrage

Foto: Enyway
So präsentiert der Stromvermittler Enyway seine Energieerzeuger: Marcus Biermanns Photovoltaikanlage steht in Sülzetal bei Magdeburg.

Enyway vermittelt Ökostrom zwischen Erzeugern und Privatkunden. Nach einem halben Jahr Geschäftstätigkeit sieht sich das Unternehmen auf einem guten Weg. Aber gibt es mehr Erzeuger-Angebot als Verbraucher-Nachfrage.

Das Geschäftsmodell besteht darin, einen Marktplatz für grüne Stromerzeuger und private Stromverbraucher zu organisieren und dadurch Stromkonzerne und Stadtwerke zu umgehen. Das Hamburger Unternehmen Enyway erhielt beim Unternehmensstart im November 2017 reichlich Vorschusslorbeeren. Unternehmensgründer Heiko von Tschischwitz, der bereits den Ökostromanbieter Lichtblick zum Erfolg führte, kündigte damals an, mit Enyway die traditionelle Energiewirtschaft aufzumischen.

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Enyway-Geschäftsführerin Varena Junge zieht nun im Gespräch mit dem Magazin bizz energy vorsichtig Bilanz. Ihr Zwischenfazit: Das Geschäftsmodell funktioniert. Derzeit bieten rund 30 Erzeuger von Wind- und Solarenergie mit 40 Anlagen die direkte Lieferung an Endkunden an. Rein rechnerisch reicht deren Erzeugungskapazität von 17 Megawatt für rund 20.000 Kunden.

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Mehr Marketing nötig

Junge ist in der vierköpfigen Geschäftsführung für Produktentwicklung, Marketing und Vertrieb verantwortlich. Sie sagt, auf der Seite der Erzeuger liege das Angebot deutlich über der Nachfrage, so dass man derzeit nicht alle interessierten Anbieter aufnehmen könne. Während private Grünstromerzeuger die Preisvorteile und Chancen des direkten Vertriebs an Endkunden sofort erkannt hätten, baue sich die Nachfrage der Strombezieher hingegen erst nach und nach auf. „Die von uns angesprochenen Kunden reagieren sehr positiv und wir merken, dass wir den Nerv der Zeit getroffen haben“, sagt Junge. Eine grundsätzliche Marktträgheit sei indes nicht überraschend, da sich die Verbraucher nicht täglich mit einem Stromanbieterwechsel beschäftigen würden.

Junge zeigt sich überzeugt, dass die Zahl der unterzeichneten Verträge noch in diesem Jahr auf 10.000 steigt. „Wir haben eine neue Marktstruktur und ein neues Produkt geschaffen. Das braucht seine Zeit, um akzeptiert zu werden.“ Die 29 Jahre alte Umweltwissenschaftlerin will die Nachfrage in Schwung bringen. Man fahre Marketingmaßnahmen hoch, um das Geschäftsmodell – Grünstrom von privat zu privat – bekannter zu machen. Dazu zählten neben Onlinemarketing auch die Teilnahme an Ökowochenmärkten und Bestrebungen, die teilnehmenden Stromerzeuger in ihrer Heimatregion bekannter zu machen.

Strom vom Kirchendach

Anders als Stadtwerke und klassische Stromkonzerne, die heute gleichfalls Ökostrom anbieten, wirbt Enyway mit Ökostrom aus der Nachbarschaft. Die Kunden sollen entscheiden können, von welcher Solar- oder Windkraftanlage sie ihren Strom beziehen, wem das Geld zufließt und was damit geschieht. Wer zum Beispiel den Solarstrom vom Kirchendach der evangelischen Philippusgemeinde in Frankfurt am Main kauft, weiß, dass er damit auch Flüchtlinge sowie künstlerische Projekte unterstützt. Die über Enyway vermittelten Angebote liegen dabei preislich auf der Höhe üblicher Ökostromverträge zwischen 61 und 62 Euro monatlich bei einer Jahreslieferung von 2500 Kilowattstunden.

Da die privaten Anbieter in der Regel nur die Kapazität für eine anteilige Ökostromlieferung von 15 bis 65 Prozent haben, müssen sie gegenüber den Kunden nachweisen, woher sie den fehlenden Ökostrom beziehen. Naheliegend wäre, dass dieser von der früheren Muttergesellschaft Lichtblick geliefert wird. Doch wie die 29jährige Hamburgerin Varena Junge versichert, verzichtet Lichtblick auf dieses Geschäft – stattdessen kämen die Reststrommengen direkt aus dem Portfolio von Direktvermarktern, mit denen Enyway kooperiere.

Energie-Crowdinvesting

Seit Mitte April bietet Enyway zudem Energie-Crowdinvesting an. Wer will, kann grüne Energieprojekte als Investor mit Beträgen bis 1000 Euro unterstützen, so etwa mit einem bei Magdeburg geplanten Solarpark. Das Angebot klingt verlockend: eine Rendite von vier bis sechs Prozent auf acht Jahre. Doch Nachrangdarlehen bieten wenig Sicherheit. Wenn das Projekt scheitert, ist meist auch der Einsatz ganz oder zumindest teilweise verloren. Die Anlageschwelle von 1000 Euro beruht auf den deutschen Anlegerschutzgesetzen. Wer höhere Crowdinvesting-Beträge vermitteln will, muss nämlich die finanzielle Solidität des Anlegers prüfen.

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Thomas Bauer
Keywords:
Strommarkt | Ökostrom | Crowdinvesting | Dezentralisierung
Ressorts:

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