Die Bürgerenergie ist immer noch ein zentrales Standbein der Energiewende. Deren Anteil an der gesamten installierten Leistung erneuerbarer Energien wird aber kleiner. Das zeigt eine Studie des Instituts Trendresearch im Auftrag der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE). Demnach war vor zehn Jahren, als die Eigentümerstruktur der erneuerbaren Energien erstmals untersucht wurde, mehr als die Hälfte der installierten Leistung in der Hand von Privatleuten und Landwirten. Bis zum Jahr 2019 sank der Anteil der Bürgerenergie auf 40,4 Prozent. Der Anteil Gewerbetreibender, großer Unternehmen, von Energieversorgungsunternehmen sowie von Fonds und Banken lag 2019 bei 44,5 Prozent.

Der Studie zufolge zeigt der Zubau, wie sehr sich die Eigentümerstruktur von der Bürgerenergie zugunsten größerer Investoren verschiebt: Zum ersten Mal bildeten die Privatpersonen im Jahr 2019 mit 18 Prozent nicht mehr die größte Gruppe beim Bau neuer Anlagen. Fonds und Banken übernahmen den Spitzenplatz mit 21 Prozent. Rechnet man die Landwirte mit ihren Biogasanlagen hinzu, kommt die Bürgerenergie bei den Neuanlagen nur noch auf etwa ein Viertel. Das sind etwa 15 Prozentpunkte weniger als im Bestand. Hier macht sich bemerkbar, dass der Anteil der investitionsintensiven Offshore-Windenergie steigt und die Nachfrage nach Photovoltaikanlagen wieder anzieht, während der Ausbau der Onshore-Windenergie fast zum Erliegen gekommen ist. Bei der Windenergie an Land, bei Photovoltaik und Biogas ist der Anteil der Bürgerenergie überdurchschnittlich hoch.

Energieversorgungsunternehmen engagieren sich hingegen deutlich stärker: Zusammen waren sie im Jahr 2019 für knapp ein Drittel des Zubaus verantwortlich. 2016 waren es erst 22 Prozent. Gewerbe konnten ihren Anteil von rund 12 auf 16 Prozent steigern. Am stärksten verloren die Projektierer. Deren Anteil sank von rund 16 auf 7 Prozent. Auch hier macht sich der schwache Ausbau der Windenergie an Land bemerkbar.

Bürgerenergie für mehr Akzeptanz

„Zu Beginn der Energiewende waren es vor allem die Bürger:innen in Deutschland, die die wirtschaftlichen Chancen der Erneuerbaren Energien erkannt haben“, sagte AEE-Geschäftsführer Robert Brandt. Dass sich nun auch finanzkräftige Investoren mehr für eine klimaschonende Energieerzeugung engagierten, sei durchaus erfreulich. Doch die Bürgerenergie müsse für die Akzeptanz unbedingt weiter ihren Platz im Fortgang der Energiewende finden.

Marcel Keiffenheim, Leiter Politik und Kommunikation bei Greenpeace Energy, sieht in den Ergebnissen einen Weckruf: „Die Energiewende muss dezentral, demokratisch und vielfältig bleiben, man darf sie nicht ‚Big Money‘ überlassen.“ Die über viele Jahrzehnte wichtigste Akteursgruppe drohe vielerorts ins Hintertreffen zu geraten - oder ziehe sich frustriert zurück. „Dabei sind es gerade die engagierten Menschen aus der lokalen Bürgerenergie, die Windparks auch dort ins Laufen bringen, wo Großunternehmen aus Profitgründen abwinken“, sagte Keiffenheim. Deshalb müsse die Bundesregierung jetzt dringend ein Konzept vorlegen, wie man lokale Akteure wieder stärker motiviere. Eine freiwillige und damit rechtlich unverbindliche Kommunalabgabe für Betreiber neuer Windparks, wie sie jetzt im EEG beschlossen wurde, sei halbherzig und reiche nicht aus.

Auch Thomas Banning, Vorstandsvorsitzender des Ökostromanbieters Naturstrom, kritisiert die Entwicklung: Es könne nicht sein, dass die Bundesregierung beim Bau von Wind- und Solaranlagen nun die viel zu spät erwachten Konzerne protegiere, ihnen für die Stilllegung überalterter Kohlekraftwerke Milliardenbeträge schenke und die ursprünglichen Akteure der Energiewende immer mehr zurückdränge. „Es braucht bei der Energiewende keine Bevorzugung von Großtechnologien wie Offshore-Windenergie und Wasserstoffwirtschaft und der dahinterstehenden Kapitalinvestoren“, so Banning. Er fordert wieder mehr Freiräume für kleine Akteure, für Innovationsvielfältigkeit, für regionale Entwicklung und mehr Teilhabemöglichkeiten. Naturstrom und Greenpeace Energy waren zusammen mit EWS Schönau an der Erstellung der Studie beteiligt.

Bürgerwindpark Scheßlitz-Königsfeld
Der Zubau an Bürgerwindparks stockt. (Copyright: Naturstrom AG)