Energiewende
14.10.2019

Studie: Erneuerbare wirken weiter dämpfend auf Strompreis

Foto: iStock
Ohne den Ausbau der erneuerbaren Energien müssten Verbraucher sehr viel mehr für Strom bezahlen.

Die erneuerbaren Energien senken seit 2011 die Preise an der Strombörse mehr, als die Stromkunden an EEG-Umlage zahlen. Forscher warnen nun, dass der schleppende Ausbau diesen Effekt gefährdet.

Die EEG-Umlage hat viele Gegner: So einigte sich die Koalition in ihrem Klimapaket zwar darauf, die Stromkosten zu reduzieren – aber nicht etwa durch eine Senkung der Stromsteuer, sondern der EEG-Umlage. Und die Unionsparteien würde die Umlage am liebsten ganz abschaffen: Schon 2013 verkündete der damalige Bundesumwelt- und heutige Wirtschaftsminister Peter Altmaier die „Strompreisbremse“.

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Tatsächlich wirkt Ökostrom dämpfend auf den Strompreis. Forscher der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) kommen in einer Studie zu dem Ergebnis, dass erneuerbare Energien für fallende Großhandelspreise sorgen und von 2014 bis 2018 bundesdeutschen Verbrauchern insgesamt etwa 40 Milliarden Euro einsparten.

Vorgängerstudie errechnete Überschuss

Die neue Untersuchung setzt eine erste, damals von Siemens finanzierten Studie fort. Die FAU-Strompreisstudie des Jahres 2015 rekonstruierte die Preisentwicklung an der Strombörse, wenn dort von 2011 bis 2013 kein EEG-Strom eingespeist worden wäre und durch den Merit-Order-Effekt nicht teurere Kraftwerke aus dem Markt gedrängt worden wären.

Für die Zeit von 2011 bis 2013 errechneten die Forscher, dass der erneuerbare Strom seine EEG-Kosten an der Börse nicht nur eingespielt hat, sondern sogar einen Überschuss von rund 30 Milliarden Euro erzielte. Konkret beliefen sich die Kosten der EEG-Umlage in den drei Jahren auf 46,3 Milliarden Euro. Ohne den an die Börse gebrachten Strom aus Wind und Photovoltaik hätten die Stromkunden aber insgesamt 76,7 Milliarden Euro mehr bezahlen müssen.

Vorübergehend geringere Preisdämpfung

Für Sebastian Sladek, Vorstand beim Ökostromanbieter EWS Schönau, war das schon damals keine große Überraschung. Man habe bei EWS gewusst, dass eine Ersparnis herauskommen würde – „wenn auch nicht in dieser Größenordnung“, sagte Sladek letzte Woche in Berlin.

EWS hatte es übernommen, die jetzt vorgelegte Folgestudie für die Jahre 2014 bis 2018 in Auftrag zu geben. Der errechnete Spareffekt ist mit 40 Milliarden Euro diesmal etwas geringer, weil Mitte dieses Jahrzehnts einige neue fossile Großkraftwerke ans Netz gingen und das ohnehin hohe Stromangebot ausweiteten, erläuterte Mitautor Jürgen Karl bei der Präsentation. Entsprechend geringer sei dann die Preisdämpfung durch die Erneuerbaren ausgefallen. Der Effekt verschwand dann aber, weil wieder konventionelle Anlagen – vor allem Kohle und Atom – vom Netz gingen und sich so das Stromangebot verringerte.

Über den ganzen Zeitraum von 2011 bis 2018 gesehen geben die FAU-Forscher die Kosten für die EEG-Umlage mit 156,8 Milliarden Euro an – zugleich aber hat laut Studie der Ökostrom den Großhandelspreis an der Strombörse um 227,4 Milliarden Euro abgesenkt. Das ergibt ein „Überschuss“ von 70,6 Milliarden Euro.

"Erneuerbare kein Preistreiber"

„Dass die Erneuerbaren ein Preistreiber sind, stimmt einfach nicht“, betonte Karl. Er verwies insbesondere darauf, dass für Endkunden der Strompreis von 2000 bis 2013 jährlich um 6,2 Prozent gestiegen ist, sich dieser Anstieg aber seit 2013 auf 0,7 Prozent im jährlichen Schnitt abschwächte – dank der erneuerbaren Energien. Letztmalig legten die Strompreise laut Studie 2013 signifikant zu, als die stromintensiven Betriebe von der EEG-Umlage befreit wurden.

Dass Ökostrom den Preis an der Börse dämpfe, sei eigentlich „trivial“, so Karl. Leider sei diese Botschaft nur bei denen angekommen, die schon die Studie von 2015 gelesen hätten, bedauerte der Energieforscher – die anderen hielten die Erneuerbaren weiter für Preistreiber.

Vor allem Industrieunternehmen profitieren

Von der 70-Milliarden-Dämpfung profitierten aus Sicht des Forschers vor allem die Industrieunternehmen, die ihren Strom direkt an der Börse einkaufen. „Die hätten eigentlich die Mehrkosten zahlen müssen, die sich ergeben, wenn es keine Erneuerbaren gäbe“, sagte Karl.

Die Studie selbst verweist auf Angaben des Energie-Branchenverbandes BDEW, nach denen industrielle Großabnehmer im ersten Halbjahr 2018 für ihren Strom nur zwischen 5,1 und 17 Cent je Kilowattstunde zu zahlen haben. Energieintensive Unternehmen können aber nicht nur den Ökostrom-bedingten Preisverfall an der Börse nutzen, sie werden auch bei der EEG-Umlage um mehrere Milliarden Euro jährlich entlastet.

"Ausbau der Erneuerbaren deutlich nach oben korrigieren"

Wichtiger ist den Forschern der Hinweis, dass die kostendämpfende Wirkung des Ökostroms für die Zukunft erhalten bleiben muss. Mitautor Sebastian Kolb von der FAU präsentierte dazu in Berlin eine pessimistische Prognose: Wird der erneuerbare Strom künftig nur entsprechend des geltenden Ausbaukorridors der Bundesregierung zugebaut, werde es in Zukunft vermehrt Zeiten geben, in denen sich das Stromangebot verknappt. „Das kann massive Steigerungen des Strompreises nach sich ziehen“, so Kolb.

Laut der FAU-Prognose könnte sich der Großhandelspreis für Strom bis 2023 geradezu drastisch auf 13,6 Cent je Kilowattstunde erhöhen, auch weil bis dahin einige Kohle- und Atomkraftwerke vom Netz gehen. Erst wenn der Ausbau der Erneuerbaren auf das Dreifache des aktuellen Ausbaukorridors erhöht würde, würde sich 2023 mit 7 Cent ein Börsenpreis nur leicht über dem heutigen Niveau einstellen. Kolbs Botschaft: „Wenn wir die Strompreise in mittlerer und fernerer Zeit stabil halten wollen, muss der Ausbau der Erneuerbaren deutlich nach oben korrigiert werden.“

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Jörg Staude
Keywords:
erneuerbare Energien | Strompreis
Ressorts:
Markets

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