Brauchen wir die umstrittenen neuen Stromtrassen, wenn die Stromerzeugung dezentraler wird und es mehr Speicher gibt? Offenbar ja: Auch eine dezentrale Stromerzeugung kommt nicht ohne die bis 2030 geplanten rund 4.000 Kilometer neuen Stromtrassen aus. Das ist das Ergebnis einer Studie, die das Freiburger Öko-Institut im Auftrag der Renewables Grid Initiative (RGI) erstellt hat.

Dezentralität sei ein wichtiges Thema für ein klimafreundliches Stromsystem. „Aber in der Diskussion um Dezentralität und Stromnetzausbau werden wichtige Aspekte wie die begrenzten Flächenpotenziale und die Gesamtkosten zu oft außen vor gelassen“, sagt Felix Matthes, Forschungskoordinator Energie- und Klimapolitik des Öko-Instituts und Autor der Studie. Gerade bei den Analysen zu den regionalen Ausbaupotenzialen für Wind- und Sonnenenergie bestehe noch ein großer Klärungsbedarf.

Meta-Analyse über zehn Studien

Analysiert und verglichen haben die Forscher zehn Studien, die im Laufe der vergangenen fünf Jahre zu den Folgen dezentraler Stromsysteme für den Netzausbau veröffentlicht wurden. Für von neuen Leitungen betroffene Anwohner ergibt sich keine gute Nachricht: Der bis 2030 geplante Netzausbau ist in jedem Fall notwendig. Die Potenziale für die Erzeugung von Wind- und Solarstrom sind über Deutschland hinweg ungleich verteilt und in der Nähe der großen Verbrauchszentren oft nicht ausreichend. Eine jederzeit verbrauchsnahe Stromversorgung auf der Grundlage erneuerbarer Energien ist daher nicht vorstellbar. Dies gilt umso mehr, wenn auch Ausbau-Hindernisse wie Naturschutz und fehlende Akzeptanz berücksichtigt werden. Windkraftanlagen in der Nähe von Siedlungen werden beispielsweise häufig von der örtlichen Bevölkerung abgelehnt.

Die untersuchten Studien, die einen geringeren Netzausbaubedarf errechnen, gehen vor allem von einem starken Ausbau der Windenergie im Süden und im Westen Deutschlands aus. Dies sei aber unrealistisch, sagt Matthes bei der Präsentation der Studie in Berlin. Im letzten Jahr seien in Bayern gerade einmal vier Windkraftanlagen genehmigt worden. Der Ausbau von Onshore-Windkraft sei aber entscheidend – derzeit gebe es das größte Windangebot dort, wo wenig verbraucht würde.

Stromtrassen für Eneuerbare, nicht für Kohle

„Die Studie bringt Gewissheit, dass derzeit geplante Übertragungsnetze für die Energiewende unabdingbar sind“, sagt Antonella Battaglini, Geschäftsführerin der Renewables Grid Initiative. Die Initiative setzt sich für eine nachhaltige Entwicklung der europäischen Netzinfrastrukturen ein. Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer der ebenfalls beteiligten Entwicklungs- und Umweltorganisation Germanwatch, hätte auch angesichts der Akzeptanzprobleme von Stromtrassen gerne ein etwas anderes Ergebnis gesehen: „Wir würden den Netzausbau gerne etwas entspannter angehen“, gesteht er bei der Präsentation der Studie. Wo es möglich ist, sollte eine dezentrale Energiewende vorangebracht werden, sagt Bals. Aber dort, wo es notwendig sei, müsse das Netz auch ausgebaut werden – aber eben nicht als Kohletrasse. „Der Ausstieg aus der Kohle muss parallel erfolgen.“

In der Renewables Grid Initative haben sich europäische Übertragungsnetzbetreiber und Naturschutzorganisationen sowie andere Nichtregierungsorganisationen zusammengeschlossen. Unter ihren Mitgliedern und Finanziers sind die in Deutschland tätigen Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz, Amprion und Tennet. Die RGI arbeitet nach eigener Darstellung für eine „transparente, umweltschonende Netzentwicklung“ zum Zwecke eines stetigen Ausbaus erneuerbarer Energien.

Der Ausbau von Windkraft und Solarenergie braucht auch den Ausbau der Stromnetze. (Foto: iStock)