BIZZ-Exklusiv
04.11.2013

Teufelskreis durchbrechen

Foto: depositphotos

Warum Super-Credits auf EU-Ebene für den Durchbruch des E-Autos notwendig sind, erläutert Automobilwissenschaftker Willi Diez in einem Beitrag für BIZZ energy today.

Kommt sie denn nun oder nicht – die Elektromobilität? BMW hat gerade sein erstes, von Grund auf für den Elektroantrieb entwickeltes Elektroauto vorgestellt, Tesla bringt sein Model S nach Deutschland und Volkswagen mit dem E-Up seinen ersten Stromer zu den Händlern.

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Und dennoch: Nach dem anfänglichen Hype sind die tatsächlichen Absatzzahlen für Elektroautos ernüchternd. Aber seien wir doch mal ehrlich: Hat wirklich irgendjemand geglaubt, dass sich der elektrische Antrieb von heute auf morgen durchsetzen wird? Wer sich mit der Materie kompetent und seriös beschäftigt wohl kaum. Hohe Kosten und begrenzte Reichweiten sind nicht die besten Verkaufsargumente. Und dass die Kunden nun wie verrückt nach umweltverträglichen Autos lechzen, war auch nicht zu erwarten: So sagt der abrupte Wechsel vom Hype zur Ernüchterung mehr über das Funktionieren des öffentlichen Diskurses in einer Zeit der „Boulevardisierung“ der Medienlandschaft aus als über die realen Zukunftschancen der Elektromobilität. 

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Halten wir uns daher vielleicht lieber an die wissenschaftlich abgesicherte Diffusionsforschung, die sich mit der Frage beschäftigt, wie und warum sich neue Technologien ausbreiten (oder auch nicht). Sie gibt eine klare Antwort: Neue Technologien müssen für den Kunden einen überlegenen Nutzen haben oder billiger als herkömmliche Technologien sein. Oder am besten beides, nämlich besser und billiger sein. Das kann das Elektroauto heute noch nicht leisten, wobei die Betonung auf „noch“ liegt, denn mit jeder neuen Generation werden Elektroautos tatsächlich besser und billiger. Und dass derjenige, der eine solche Entwicklung früh anstößt, dann auch Vorteile im Wettbewerb hat, zeigt Toyota mit dem Hybrid-Antrieb. 

Der Druck durch die Verschärfung der CO₂-Vorschriften seitens der Europäischen Kommission und die zu erwartenden Beschränkungen für die Nutzung von Automobilen mit traditionellem Antrieb in Ballungszentren werden ein Übriges tun. Letztlich führt kein Weg an der Einsicht vorbei: Nachhaltige Mobilität wird ohne elektrifizierte Antriebskonzepte nicht möglich sein. 

Vor diesem Hintergrund ist es mehr als bedauerlich, dass in großen Teilen der Politik die sogenannten Supercredits für Elektroautos im Rahmen der europäischen CO₂-Vorgaben als Freibrief für die Produktion von PS-Protzen mit hohem Verbrauch und CO₂-Ausstoß verteufelt werden. Supercredits: Das heißt, dass lokal emissionsfreie Elektrofahrzeuge bei der Ermittlung des Flotten-CO₂-Wertes mehrfach angerechnet werden können. Dies wäre ein Instrument, um die Automobilhersteller wirklich zu motivieren, schnell für die Ausbreitung von Elektrofahrzeugen zu sorgen. Denn um in den Genuss dieser Gutschriften zu kommen, genügt es nicht, Elektroautos im Angebot zu haben. Um den CO₂-Flottenwert zu senken, müssen die Fahrzeuge auch wirklich verkauft werden. 

Damit könnte der altbekannte Circulus vitiosus von Kosten und Absatz durchbrochen werden: Werden nur wenige Elektroautos verkauft, bleiben die Kosten mangels Großserien hoch. Bleiben die Kosten hoch, bleiben es auch die Preise und es werden nur wenige Autos verkauft. Natürlich kann man versuchen, diesen Teufelskreis auch mit staatlichen Kaufprämien zu überwinden. Aber wäre es nicht viel eleganter und für die öffentlichen Haushalte schonender, wenn man die Automobilhersteller selbst für steigende Absatzzahlen in die Pflicht nehmen würde?

Auch wenn es mancher angesichts ernüchternder Verkaufszahlen nicht glauben mag: Die Zukunft des Elektroautos hat gerade erst begonnen. Dabei sollte auch das Potenzial von Mischformen zwischen batterieelektrischem Antrieb und Verbrennungsmotor nicht unterschätzt werden. Plug-in-Hybride bieten die große Chance, im innerstädtischen Verkehr nahezu emissionsfrei zu fahren, ohne auf langen Strecken an Reichweite zu verlieren. Vor allem bei großen und leistungsstarken Fahrzeugen lassen sich mit diesem Konzept sensationelle Verbrauchswerte erreichen. 

Die Ausbreitung des Elektroautos ist ein zu komplexes Thema, um es den terribles simplificateurs zu überlassen. Es geht hier nicht um ein „Entweder-oder“, sondern um ein sinnvolles Mit- und Nebeneinander von traditionellen und alternativen Antriebskonzepten. Vollmundige Versprechen sind dabei ebenso wenig am Platze wie miesepetrige Abgesänge. Das Elektroauto ist in Zeiten, in denen wir in der Lage sind, immer mehr Strom aus regenerativen Quellen zu gewinnen, eine technische Option für eine global emissionsfreie Mobilität, die wir nicht ignorieren oder tot reden sollten.

Prof. Willi Diez ist Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen und gilt in der Branche als einer der renommiertesten Wissenschaftler

 
Willi Diez
Keywords:
E-Mobilität | Super-Credits
Ressorts:
Markets

Kommentare

Super-Credits halte ich für kontraproduktiv. Sie perpetuieren doch lediglich die Lebensdauer von energiehungrigen Automobil-Baureihen. Statt den Boliden die rote Karte zu zeigen, bleibt es bei einem - nicht ernstnehmbaren - "Dududu!" mit Zeigefingerwackeln.

Es geht auch um die Energiereserven, die unsere Enkel für ihr Überleben dereinst schmerzlich vermissen werden. Und warum werden sie es vermissen? Weil heute einige Ellbogenmenschen meinen, sie müssten für ihre 85kg Lebendgewicht einen 3t-Panzer mit entsprechendem - nicht revidierbarem - Verbrauch durch die Städte wuchten.

Geld allein ist als Verteilungskriterium im Sektor Energie unzureichend.

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